Zum neuen Jahr

Vom Jagen und Nachjagen – ein paar Gedanken zur Jahreslosung 2019

Christian Wolff01. Januar 2019
Suche Frieden und jage ihm nach! So lautet die Jahrelosung für 2019. Das kann irritieren, schließlich wollen Rechtsnationalisten wie Alexander Gauland Politiker anderer Parteien „jagen“. Christen dagegen verstehen unter der Jagd etwas anderes.

„Wir werden sie jagen“. Viele können sich an die unverhohlene Drohung erinnern, die der Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, kurz nach Verkündung des Ergebnisses der Bundestagswahl am 24. September 2017 ausrief. Die Absicht dieser Ankündigung ist unschwer zu durchschauen: Die AfD will, ganz in der Tradition der Rechtsnationalisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das „politische System“, das sich die „Altparteien“ (damit sind die demokratischen Parteien gemeint) aufgebaut haben, aushöhlen und zerstören. Weil jeder aufmerksame Demokrat das mithören konnte – man sah am Wahlsonntag die Jagdhunde förmlich aus Gaulands Krawatte springen – hat sich dieser Satz als fatale Ansage eingebrannt. Das faktische Auftreten der AfD im Bundestag hat dies nur bestätigt.

Frieden finden durchs Jagen

Darum habe ich zumindest innegehalten, als ich die Jahreslosung 2019 las: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Die Bibel: Psalm 34,15) Jagen? Ist das ein angemessener Begriff? Doch schnell wird deutlich: Dem Beter geht es nicht um eine Jagd, um jemanden kampfunfähig zu hetzen, zu erlegen, auszuschalten. Nein, er will den Frieden finden, ergreifen, behalten, durch ihn Leben gewinnen. Das ist der entscheidende Unterschied.

Wer den 34. Psalm insgesamt liest, merkt sofort: Hier wird ein völlig anderer Ton angeschlagen, als der, dem wir in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung in den vergangenen Monaten begegnet sind. In diesem alten Gebet wird nicht gejammert, beschimpft, ausgegrenzt, auf den Schwachen herumgetrampelt. Es werden keine Parolen ausgegeben: Weg mit … wir sind … abschieben … Volksverräter … . Voller Freude und Vertrauen erzählt der Beter von seiner Grunderfahrung: Gott hat mich in meinem Elend erhört und mich aus meinen Ängsten befreit.

AfD und Pegida leben von Ängsten

Das ist die entscheidende Differenz: Die Rechtsnationalisten von Pegida/AfD leben von Ängsten. Deswegen schüren sie diese und tun alles, um den Menschen das Gefühl von Unsicherheit zu vermitteln und lehren sie die Furcht vor Geflüchteten, Moslems, Ausländern – vor Menschen, die angeblich so ganz anders leben als Einheimische. Daraus besteht das politische Kerngeschäft der Gaulands und Höckes, der Trumps und Erdoğans, der Straches und Orbáns (alles Männer!): Angst verbreiten – auch durch die Parole: Wer pariert, hat nichts zu befürchten.

Dem biblischen Glauben wohnt aber eine andere Grundbotschaft inne: „Fürchte dich nicht!“ Damit setzt der Glaube die Kräfte frei, die nötig sind, um sinnvolles Leben zu gestalten und dem Frieden zu dienen. In der Mitte des 34. Psalms stehen die Verse, aus denen die Jahreslosung entnommen ist: Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. (Die Bibel: Psalm 34,14-16) Als ob der Psalmbeter schon eine Ahnung von der zerstörerischen Kraft von Fake-News gehabt, als ob er vorausgesehen hat, dass angesichts der riesigen Konflikte auf dieser Erde, der völlig irrwitzigen Hochrüstung, der nationalistischen Exzesse 2019 der Friede auch in Europa am seidenen Faden hängt, mahnt er zum inneren und äußeren Frieden.

Christen jagen dem Frieden nach

Mehr noch: Er verbindet seine Mahnung mit dem Aufruf, sich sehr aktiv um das friedliche Zusammenleben auf diesem Planeten zu kümmern, den Frieden zu suchen, ihm nachzujagen. Das geht nicht aus dem Ohrensessel heraus. Dazu gehört ein aktives sich Kümmern. Dazu gehört zwischen gut und böse, richtig und falsch zu unterscheiden, um zu diesen Unterschied zu streiten und zu Lösungen zu gelangen, die das Lebensrecht auch des „Feindes“ achten. Es ist gar nicht so schwer, die Geister voneinander zu scheiden: Rechtsnationalisten leben vom Angstmachen bis hin zum Krieg – Christen, demokratisch gesinnte Menschen lassen sich aus ihren Ängsten herausrufen, richten ihr Tun und Lassen nach dem Guten aus, streiten um den richtigen Weg – aber jagen keine Menschen, sondern jagen dem Frieden unter den Menschen nach.

Der Text ist zuerst im Blog des Autors erschienen.

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Kommentare

Die Scheuklappen werden nicht helfen

Ich stehe dem "Christentum" in seinen unendlich vielen, unverbindlichen "Geschmacksrichtungen" eher kritisch gegenüber.

Noch kritischer muß man meiner Ansicht nach aber die in diesem Artikel gezeigte Scheuklappenmentalität betrachten.

Es ist keinesfalls "nur" die AfD, es sind keinesfalls ausschließlich rechts eingeordnete Parteien, die den Wähler mit Angstmacherei zu steuern versuchen. Sei es aktuell die Panikmache über den angeblichen "Zusammenbruch" der EU, wenn die Wähler gar nicht oder "die Falschen" wählen, sei es beliebige Angstmache vor "zu viel" Sozialstaat oder andere neoliberale Propaganda, auch die "Etablierten" sind definitiv nicht in der Position auch nur den ersten Stein zu werfen, geschweige denn die aktuelle Dauerlawine mit den Bumerang-Kieselsteinen.

Zwar demaskiert sich die angebliche Angst vor dem "Zusammenbrauch" schon dadurch das keine Partei - auch keine etablierte Partei - auch nur die Absicht hat die Politik zu ändern die "Europa" für den Wähler so unattraktiv macht aber Angstmacherei ist definitiv kein Alleinstellungsmerkmal der AfD.

Die Verunglimpfung von Mitmenschen ist auch bei den Etablierten und auch bei der SPD zu Hause.
Augen auf !

Kommentar zu Jürgen Henze

Ich bin durchaus überzeugt von dem, was die Bibel lehrt. Nicht überzeugt bin ich von einer politisierenden Kirche, und da stimme ich Ihnen voll zu. Eine Kirche hat nicht das Recht, Politik zu verurteilen (ganz gleich, welcher Partei), sondern sie soll auf das hinweisen, was aus langer Menschheitserfahrung (nicht nur aus dem 3. Reich) unter der Führung Gottes erlebt und erfahren und danach gewusst wurde und wird. Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu finden - alle haben sich schuldig gemacht, auch die, die sich als "gut" und "richtig" vorkommen. Es geht darum, umzukehren und sich Gottes Führung anzuvertrauen (anstatt selbst zu wissen, wo es längs geht). Ein wenig mehr Demut stünde der Kirche, bsds. der evangelischen, heute besser zu Gesicht, als in den Mainstream einzutauchen und das Übliche mitzututen. Ein Christ ist nicht nur der Macht, sondern auch sich selbst gegenüber kritisch. Also auch seiner "richtigen" Überzeugung, dass die AfD böse ist.

Böse oder bösartig ?

Im Fall der Bibel kann ich Ihnen leider nicht zustimmen, da sie in weiten Teilen - nicht nur des AT - gegen humanitäre Werte gerichtet ist. Hier finde ich die liberale jüdische Denkweise sinnvoller, die einem real gelebten "Ringen mit G*tt" ("Gott" wird in diesen Glaubensrichtungen grundsätzlich nicht voll ausgeschrieben) wesentlich eher entspricht als die ähnlich klindenden Reden eines ehemaligen Papstes. Bei Interesse kann ich aus eigener Erfahrung liberale jüdische Gemeinden oder die eher streng auslegende Neturai karta als Diskussionspartner empfehlen.

"Gottes Führung" hingegen kann ich nicht empfehlen, zu viele fanatische Mörder haben diese "Führung" als Ausrede vorgebracht.

Es stellt sich die Frage warum die AfD nun "böse" ist. Wenn es um die politische Intention geht, Menschen zu diskriminieren, dem Kapital uneingeschränkt die Macht zu überlassen und Politik gegen die Mehrheit der Bevölkerung zu machen ist die AfD nur das am einfachsten erkennbare "Böse".
Werten wir aber die Bösartigkeit einer Partei an ihren Wünschen und "Früchten" ihres politischen Handelns dann ist im Bundestag aktuell nicht eine einzige "gute" Partei zu finden.

Das Wort zum Sonntag,

jetzt auch im VORWÄRTS.

Und ich hatte tatsächlich angenommen, wir hätten den religiösen Firlefanz überwunden. Ein Irrtum, offenbar