Fremdenfeindlichkeit

Hamburg: Warum Wutrentner gegen Flüchtlinge demonstrieren

Wolfgang Gründinger12. April 2016
In einem Hamburger Nobelviertel haben Anwohner mit drakonischen Maßnahmen den Bau eines Flüchtlingsheims verhindert. Die Wutrentner machen unser Land zu einem dunklen Ort.

Im Hamburger Villenviertel Blankenese ist das Idyll vorbei. Seitdem die Stadt den Bau von Holzhütten in einem Wäldchen am Stadtrand plant, rücken die Wutbürger zu drakonischen Protestaktionen aus. Mit Straßenblockaden, Einschüchterungen und Gerichtsbeschwerden ließen sie ihrem Egoismus vollen Lauf.

Blankenese gehört zu den Rentnerquartieren der Stadt. Über 26 Prozent der Bewohner sind hier älter als 65 Jahre – so alt ist sonst kaum ein anderer Bezirk. Es sind die reichen Alten, die auf die Straße und vor die Gerichte gehen, um denjenigen zu nehmen, die ohnehin nichts haben. Die Wutbürger sind in Wahrheit Wutrentner.

Pegida-Mentalität in Hamburg

Man sei nicht gegen Ausländer, heißt es dann, nur gegen die Rodung der Bäume zum Schutze der Flora und Fauna! Was für eine Bigotterie, zu der die alten Säcke aus Hamburg imstande sind. Wenn es um den Schutz des Planeten geht, bleiben die Wutrentner nämlich ziemlich leise. Mit dicken Autos und fetten Yachten verbrennen sie endliche fossile Rohstoffe und heizen das Weltklima auf. Für die Zukunft gehen sie nicht auf die Straße. Sondern für die Vergangenheit.

Mit dieser Mentalität der Ewiggestrigen sind die Hamburger Wutrenter nicht anders als die Pegida-Marschierer im Osten. „Wer bei Pegida mitmarschierte, stand dem Renteneintritt näher als dem Schulabschluss“, konstatiert der Journalist Sebastian Christ. „Was im Jahr 2015 stattfindet, ist ein 1968 mit umgekehrten Vorzeichen. Nicht die Studenten gehen auf die Straße, sondern Menschen, die kurz vor der Rente stehen oder schon längst nicht mehr erwerbstätig sind. Sie formulieren keine optimistischen Zukunftsvisionen von ‚Love and Peace’, sondern schreien ihren Hass und ihren Frust in den Himmel.“

Forschung: Jugendliche liberaler als Alte

Doch Hamburg ist nur ein Schauspiel für ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Denn der demografische Wandel macht etwas mit unserer Gesellschaft. Immer mehr Menschen haben den größten Teil ihres Lebens hinter sich, und sie schauen nicht nach vorne, sondern zurück. Die Alten sind in ihrer großen Mehrheit weniger liberal, weniger tolerant und weniger weltoffen als die Jungen. „Jugendliche in Deutschland legen mit Bezug auf Muslime einen offeneren und demokratischeren Umgang mit Vielfalt und Diversität an den Tag als Erwachsene“, wie das Institut für empirische Integrations- und Migrations­forschung an der Humboldt-Universität zu Berlin nachweist.

Beispielsweise sprechen sich mehr als 70 Prozent der 16- bis 25jährigen gegen Einschränkungen beim Bau von Moscheen oder beim Tragen des Kopftuchs an Schulen aus – im Gegensatz zu den Alten, die mehrheitlich nach Verboten rufen. Außerdem spielt nationale Symbolik bei den Alten eine weit größere Rolle als bei den Jüngeren: Den Jugendlichen ist es vergleichsweise weniger wichtig, als Deutsche wahrgenommen zu werden, bei der Nationalhymne kommen bei ihnen weniger positive Gefühle auf, und für sie ist weniger wichtig, ob ein Mensch deutsche Vorfahren hat oder nicht, um als Deutscher gelten zu können.

Sorge um die Zukunft des Sozialstaats

Ähnliche Ergebnisse liefert die Umfrage „Willkommenskultur in Deutschland“ im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Während die Alten Probleme in den Schulen, eine Belastung des Sozialstaats und soziale Spannungen als Folge der Zuwanderung fürchten, bleiben die Jungen eher gelassen. Gleichermaßen unzweideutig fällt der „Religionsmonitor 2015“ aus: Demzufolge fühlen sich Jüngere vom Islam im Allgemeinen weder bedroht noch überfremdet, wohingegen zwei Drittel der Älteren glauben, der Islam sei eine Bedrohung und passe nicht in die westliche Welt. Die große Mehrheit der Jüngeren denkt, der Islam gehöre zu Deutschland, während eine gleich große Mehrheit der Älteren genau das Gegenteil glaubt.

Es sind also vor allem die Alten, die für rechte Ideologie empfänglich sind. Und das verändert unser Land – zum Schlechteren. Die Wutrentner machen unser Land zu einem dunklen Ort.

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Kommentare

Da kennt sich ja jemand

Da kennt sich ja jemand richtig gut aus.

Neiddebatte, Verwirrung - oder was?

Blankenese ist noch als Wohn-, Lebens- und Arbeitsort intakt und soll es aus Sicht vieler Bürger für sie selbst, ihre Kinder, Enkel und Urenkel ... auch so bleiben. Andere gehen bitte nach Duisburg-Marxloh und bleiben dort. Wer um die 65 oder älter ist, gehört zu der 68er Generation, hat diese Republik mit aufgebaut, sie vom Muff der katholizistischen Adenauer-Republik befreit, sozial, sicher, tolerant und weltoffen gemacht, aber nicht, um jetzt den Islam als Ersatz für den Katholizismus der 1950er aufgeschwatzt zu bekommen. In diesem Alter ist man welt- und lebenserfahren sowie weitsichtig, guckt und plant für seine Angehörigen und Nachkommen in die Zukunft, läßt sich also nicht für Dumm verkaufen und holt sich keine Armut, Probleme und Terror ins Land.1950 gab es übrigens genau eine Moschee in Deutschland und nahezu keine Muslime. 65 Jahre später gibt es 106 Moscheen und ca. 2600 muslimische Gebetsräume, Millionen von Muslimen und eine Besetzung des öffentlichen Diskurses mit Themen des Islam. Man lese über die Islamisierung Indonesiens und Malaysias den Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul: Eine islamische Reise 1981, Jenseits des Glaubens 1998. Das sollte ernüchtern.

wunderbare antwort

besser hätte man es nicht sagen können, wie weltfremd muss dieser autor sein. wie ein schlag ins gesicht mutet diese ausländerpolitik an, man bekommt auf fremdes geheiss einfach ein völlig anderes leben aufoktruiert, wird fremdbestimmt und wenn man dagegen " aufmuckt", ist man ein nazi, ein dementer wutbürger und wutrentner und ein fremdenfeind, was hier abgeht in deutschland, ist eine absolute frechheit . ja, die älteren und lebenserfahrenen, die schon kämpfen mussten im leben und eine familie durchbringen mussten, ja die gehen auf die strasse, völlig zu recht kämpfen sie um den erhalt der kultur und des landes und geben es nicht- NAIV wie die jugend und gutgläubig, ja absolut blauäugig- einer wenig gutes verheissenden zukunft hin... ich unterschreibe jedes ihrer worte. ich selbst bin über diese politik und entwicklung hier im land zutiefst unglücklich und besorgt und ich frage mich, wen UNSERE gefühle dabei interessieren, denn wir haben doch auch dieses land mit aufgebaut und es ist unser land und unsere zukunft, die gebe ich nicht dem islam zum frass ! hier geht es um weit mehr als um ein paar holzhütten und die leute dort haben vollkommen recht mit ihrem protest !

68er

Ich bezweifle sehr, dass die Kommentatoren 1968 auf der richtigen Seite standen, und nun viele Jahrzehnte später mit rechtem "Oberwasser" diesen Frust an den Flüchtlingen auslassen.