Sozialforschung

Gute Arbeitsbedingungen: Sicherheit geht vor Flexibilität

Alice Greschkow15. März 2018
Flexible Arbeitszeiten halten nur wenige Beschäftigte für wichtig – die meisten wünschen sich lieber einen sicheren Arbeitsplatz. Ausnahmen gibt es aber auch, wie aktuelle Studien zeigen. Die SPD sollte daraus Lehren ziehen.

Was macht ein gutes Arbeitsverhältnis aus? Diese Frage stellen sich nicht nur Angestellte, sondern auch die Politik. Was ist wichtiger: Flexible Arbeitsmodelle oder die Sicherheit des Arbeitsplatzes? Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung kommt hier zu einem klaren Ergebnis: Am wichtigsten ist für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein sicherer Job. Flexibles Arbeiten steht bei den meisten Beschäftigten hingegen nicht so hoch im Kurs.

Erwerbstätige Mütter wünschen sich Flexibilität

In der repräsentativen Befragung mit mehr als 1.000 Teilnehmern gaben 56 Prozent der Frauen und 55 Prozent der Männer an, dass ihnen ein sicherer Arbeitsplatz am wichtigsten sei. Darauf folgte der Wunsch nach einer interessanten und unabhängigen Tätigkeit sowie der Kontakt mit Menschen. In der Reihenfolge von neun möglichen Prioritäten zur Arbeit landete die Flexibilität bei den Frauen nur auf dem siebten Platz, bei den Männern sogar auf dem letzten. Lediglich erwerbstätige Frauen mit kleinen Kindern finden flexible Beschäftigungsmöglichkeiten wichtiger als der Rest der Befragten – 20 Prozent von ihnen wünschen sich mehr Flexibilität im Job.

Teilzeitmodelle, Homeoffice und selbstständig eingeteilte Arbeitszeiten scheinen also eher interessant zu sein, wenn Beschäftigte die Betreuung der Kinder stemmen müssen. Aber auch das Gehalt scheint eine Rolle zu spielen: Wer viel verdient, ist laut der Studie prinzipiell eher bereit, weniger zu arbeiten. Es ist die Luxusvariante der flexiblen Arbeit: Teilzeit wegen Reichtum. So etwas kommt aber natürlich nur für wenige in Frage. Für die breite Mehrheit ist ein sicherer Arbeitsplatz wichtiger als die freie Einteilung der Arbeitszeit.

Gefühl der Unsicherheit hat sich über Jahre aufgebaut

Diese Sehnsucht nach Sicherheit kommt nicht von ungefähr – viele Arbeitnehmer haben Erfahrungen mit befristeten Verträgen gemacht. 2016 wurden 45 Prozent der neu eingestellten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse mit befristeten Verträgen abgeschlossen. Ausbildungsverhältnisse und Minijobs sind nicht mit eingerechnet. Besonders junge Menschen sind von Befristungen betroffen – 2016 galt das für jeden Zweiten in der Gruppe der 25- bis 29-Jährigen. Allerdings werden auch älteren Arbeitnehmern immer häufiger befristete Arbeitsverträge angeboten. Nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung liegt der Anteil an befristeten Arbeitsverhältnissen in Deutschland bei 7,8 Prozent.

Befristungen bringen eine Reihe negativer Konsequenzen: Wer nur ein oder zwei Jahre in einem Betrieb arbeitet, hat keine internen Aufstiegschancen. Auch Gehaltserhöhungen zu fordern, ist bei einem befristeten Vertrag wesentlich schwieriger. Schiebt der Chef die Entscheidung auf die lange Bank, ist das Arbeitsverhältnis womöglich schon vorbei, bevor die Firma der Gehaltserhöhung zustimmt. Die Befristung hat aber auch Einfluss auf die Familienplanung: Kredite für ein Eigenheim sind bei dauerhafter Befristung schwieriger zu erhalten. Auch die Versorgung von Kindern wird zu einer Herausforderung, wenn zwischen den Arbeitsverträgen immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit liegen.

Abstiegsängste sind weit verbreitet

Dass die Unsicherheit sich in Abstiegsängsten widerspiegelt, die sich bis in die Mittel- und Oberschicht ziehen, hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung untersucht. Flexibilität ist weder ein Trost, noch eine attraktive Lösung für diejenigen, die Erfahrungen mit unischeren Arbeitsverhältnissen gemacht haben. Bei flexiblen Arbeitsmodellen fehlen noch zu oft die Planbarkeit und soziale Absicherung.

Für die SPD bedeutet das, dass sie in puncto Wirtschafts- und Sozialpolitik wieder dort ansetzen muss, wo die Probleme sitzen: bei der Unsicherheit der Beschäftigten. Der Wandel von der Partei der Arbeiter zur Partei der Arbeit kann nur glaubwürdig und nachhaltig gestaltet werden, wenn die SPD die Sehnsüchte nach Sicherheit wahrnimmt. Es wird wahrscheinlich die größte Herausforderung für die Partei, soziale Sicherheit für Selbstständige, aber auch für befristet angestellte Arbeitnehmer herzustellen.

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Kommentare

Zukunft der Arbeit ?!

Eine "Aufgabe" für Hubertus Heil wäre zuförderst mal, in die Ausgabe des Spiegels Nr. 06/2012 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83865244.html zu gucken, dort wurde damals schon beschrieben "wohin die Fuhre" gehen soll.
Drängt sich mir die Frage auf: wer außer mir hat das gelesen und auch "verstanden". Und vor allem was wollen WIR daraus "machen"? Meine "Erwartungen" sind nicht "überbordend" und notfalls tröste ich mich mit der "Gnade der frühen Geburt". Was aber sollen die Jungen machen?

Sicherheit?!

Der Wandel von der Partei der Arbeiter zur Partei der Arbeit kann nur gelingen, wenn der Kardinalsfehler der Agenda 2010, der langjährige Stammwähler vergrault hat, berichtigt wird. Es wird jetzt enorm viel von Gerechtigkeit geredet. Die größte Ungerechtigkeit ist die, dass sich jemand, der viele Jahre gearbeitet hat und unverschuldet arbeitslos wird, z. B. weil seine Firma sich in Osteuropa "wohler fühlt", nach dem Arbeitslosengeld I in Hartz IV wiederfindet, so wie einer, der "die Arbeit nicht erfunden hat". In einer Welt, in der jeder jederzeit arbeitslos werden kann, z. B auch durch Digitalisierung, muss man für die arbeitenden Menschen wieder Gerechtigkeit schaffen, mit einem anerkennenden Arbeitslosengeld jenseits von Hartz IV. Nach vielen Berufsjahren in Hartz IV abzurutschen, dass ist die schlimmste Geringschätzung, die einem wiederfahren kann.Das zu ändern, zeigt Wertschätzung und Gerechtigkeit gegenüber den Menschen, die hier durch ihre Arbeit nicht wenige Steuern zahlen und für jährlich immer mehr Steuereinnahmen sorgen, die man denen zurückgeben sollte, die es erwirtschaftet haben, und zwar dann, wenn sie es am Nötigsten brauchen und die Abstiegsangst real wird.