Work-Life-Chaos

Grundeinkommen-Debatte: Vom Wert der Arbeit

Alice Greschkow13. Dezember 2017
Arbeitgeber wechseln, Arbeitszeit reduzieren – das bedingungslose Grundeinkommen würde den Lebensalltag vieler Menschen verändern, soviel steht fest. Doch würden davon auch alle profitieren?

Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ist in aller Munde – die Idee wird als Heilsbringer gegen Sozialdumping und den Wegfall von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung gehandelt. Die Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein hat das Modell sogar im Koalitionsvertrag verankert und so manch einer beginnt davon zu träumen, dass man nie wieder zur Arbeit müsste. Wer allerdings das Ende der Beschäftigung herbeisehnt, vergisst, dass Arbeit eine wichtige Funktion hat: gesellschaftliche Integration.

Mehr Freiheit durch das Grundeinkommen?

Während die Jamaika-Koalition im Norden lediglich in einem Zukunftslabor diskutieren soll, wie ein Grundeinkommen flächendeckend umgesetzt werden könne, gibt es zunehmend mehr Ökonomen, die für die Zukunft ein klares Bild zeichnen: der Mensch wird durch Maschinen ersetzt, die Beschäftigung fällt bei gleichzeitigem Anstieg der Produktivität. Der Staat könnte so genug Geld erwirtschaften, um das BGE zu finanzieren – so die utopische Theorie, die natürlich nicht die Gänze der Finanzierungsschwierigkeiten einbezieht.

Würde man nämlich allen Bürgern  Deutschlands – das impliziert das Wort „bedingungslos“ – ein Grundeinkommen von 1000 Euro zahlen, so würden sich die Kosten auf eine Billion Euro jährlich belaufen – nahezu ein Drittel des Volkseinkommens. Infolgedessen müssten die Sozialleistungen durch das BGE gedeckt und nicht bedarfsabhängig gezahlt werden – die Kombination aus BGE und Sozialleistungen würden den  Haushalt nämlich sprengen.

BGE: Arbeitgeber wechseln oder Arbeitszeit reduzieren

Einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research zufolge sei die Mehrheit der Befragten einem Grundeinkommen gegenüber positiv gestimmt. Dies ist insofern interessant, als dass flexible Arbeitsmodelle und der Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung immer häufiger auftreten, jedoch mit Einschnitten im Gehalt verbunden sind. Je nach Höhe der Zahlung würden die Befragten andere Lebensentscheidungen treffen, beispielsweise aufs Land ziehen, sich stärker lokal engagieren oder ein Unternehmen gründen.

Ein Viertel könnte sich sogar vorstellen, komplett mit der Arbeit aufzuhören – Frauen wären bereit, diesen Schritt mit 1.477 Euro Einkommen zu gehen, Männer ab einem Einkommen von 1.830 Euro. Knapp 40 Prozent der Befragten gaben an, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zumindest den Arbeitgeber zu wechseln oder die Arbeitszeit zu reduzieren. Das BGE würde den Lebensalltag vieler Menschen verändern – welchen Effekt dies auf die Produktivität und Innovation hätte, bleibt jedoch fraglich.

Arbeit hat soziale Funktion

Die BGE-Befürworter sehen in dem Konzept den wahrgewordenen Traum des liberalen Arbeitslebens, das mit mehr Selbstbestimmung und Freiheit für die Gestaltung des Lebens verbunden sei. Es gibt jedoch auch klare Nachteile: Jenseits der Frage, ob es nicht eine Abschaffung des Sozialstaates wäre, wenn der Sozialleistungen nicht entsprechend eines Gerechtigkeitsgedankens – die Starken kommen für Schwachen auf – ausgezahlt würden, ist es wichtig anzuerkennen, dass Arbeit eine soziale Funktion hat.

Arbeit sorgt für Integration und der Steigerung des Selbstwerts durch das Gefühl gebraucht zu werden. Durch die Zusammenarbeit mit anderen und den Schaffensprozess schafft man Verbundenheit, Kollegialität und Loyalität sowie das Selbstbewusstsein dafür, dass man in der Gesellschaft eine Stimme hat.

Weniger Orientierung durch fehlende Arbeit

Arbeit war ein Vehikel, um beispielsweise Frauen, sowie Einwanderer als Mitglieder der Gesellschaft stärker zu integrieren – mit einem selbst verdienten Gehalt wächst die Unabhängigkeit, aber auch das Gefühl dafür, wie unser Arbeits- und Steuersystem Deutschland gestaltet. Damit geht auch Wertschätzung einher, die Arbeitnehmern als aktiven Mitgliedern der Gesellschaft zuteil kommt. Das Verständnis für Verantwortung und Verbindlichkeit wird durch Arbeit ebenfalls kultiviert.

Selbstverständlich gibt es auch andere Beschäftigungsmöglichkeiten, in denen man Eigenschaften wie Verantwortungsbewusstsein und Teamgeist lernt, beispielsweise im Ehrenamt, doch durch den lockereren Rahmen wird weniger Orientierung gegeben. Was für den einen großartig funktionieren kann, könnte andere an den Rand der Gesellschaft drängen, weil er oder sie nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Motivationsfähigkeit und Neugier sind nicht bei allen Bürgern gleich ausgeprägt.

Jenseits der sozialen Funktion muss auch ein Wertewandel in der Gesellschaft stattfinden, was sehr lange dauert. Gegenwärtig sind Arbeitslose und Minijobber stigmatisiert, sie werden häufig als faul und unfähig bezeichnet und vom gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Erst in diesem Jahr sorgte CDU-Generalsekretär Peter Tauber für Empörung, als er auf Twitter Minijobbern erklärte, dass sie etwas „Ordentliches“ hätten lernen sollen, um in einer besseren Beschäftigung zu sein.

Wertschöpfung und würdevolle Existenzgrundlage

Die gesellschaftliche Identifikation durch Arbeit ist so tief in der deutschen Mentalität verankert, dass auch im Falle eines massiven Stellenabbaus durch die Digitalisierung die Abwertung für die Arbeitslosen fortbestünde. Durch die Zahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens würde die Abwertung gegenüber Arbeitslosen nicht sinken, sondern sie möglicherweise sogar verschärfen. Diejenigen, die einen sicheren und begehrten Job haben, könnten sich nämlich für ihre Leistung mehr Lohn auszahlen lassen. Das soziale Gefälle würde sich im schlimmsten Fall massiv verschlechtern.

Dass die Digitalisierung die Industrie und den Dienstleistungssektor durchdringen wird und Arbeitnehmer sich auf neue Fähigkeiten oder betriebsbedingte Entlassungen einstellen müssen, ist sehr wahrscheinlich. Nichtsdestotrotz gilt es diesen Übergang elegant zu managen – durch Fortbildungen und einem fundierten Plan, wie Digitalisierung, Beschäftigung und soziale Absicherung in Einklang gebracht werden können.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Modell, das durchaus debattiert werden sollte, um die Diskussion über Wertschöpfung und einer würdevollen Existenzgrundlage zu unterstützen. Dennoch darf der immaterielle Wert von Arbeit in der Gesellschaft nicht unterschätzt werden – gerade mit Blick auf den möglichen Wegfall vieler Jobs.

Grundeinkommen – Utopie oder Zukunftskonzept?

Kommentare

Grundeinkomme

Es geht nicht zuerst um das Grundeinkommen,
sondern zuerst,dass man die Arbeit,besser
verteilt,durch Bildung,dass man andere Arbeitsplätze einnehmen kann,die man durch
Arbeitszeitverkürzung dann auch regulieren kann.
Sollte durch die Digitalisierung immer mehr
Arbeitsplätze wegfallen,als es neue gibt,taucht
das angebliche Gespenst"Grundeinkommen" auf,das manche schon jetzt erleben,die genügend Geld haben,das sie "redlich"
erworben haben.

Zynisch

"Arbeit sorgt für Integration und der Steigerung des Selbstwerts durch das Gefühl gebraucht zu werden. Durch die Zusammenarbeit mit anderen und den Schaffensprozess schafft man Verbundenheit, Kollegialität und Loyalität sowie das Selbstbewusstsein dafür, dass man in der Gesellschaft eine Stimme hat..."
So steht es in dem Artikel. Für die Arbeit mag das stimmen, aber nicht für die Erwerbsarbeit.
Dreizehn Mitarbeiter der Firma Foxconn haben sich 2010 umgebracht. 2007 schon kam es bei Peugeot zu einer Selbstmordserie, gefolgt von 46 Selbsttötungen bei der France Télekóm.
Fast alle schrieben Abschiedsbriefe oder sprachen im Freundeskreis über ihre Absichten.
Und fast nie war es zu großer Arbeitsdruck oder zu geringe Bezahlung.
Die Opfer gehörten zu den gut bezahlten Mitarbeitern, die irgendwann einmal einen Sinn in ihrer Arbeit sahen, motiviert zur Arbeit gingen und sich mit ihr identifizierten.
Und genau diesen Menschen wurde durch "rationale" Strukturen dann nicht nur der Sinn der Arbeit, sondern der ganze Lebenssinn genommen.
Dann noch von Selbstwert und Verbundenheit zu sprechen und von einem Sinn, den einem die Arbeit geben kann, ist schon mehr als zynisch.

BGE

Ob das BGE dazu führt, dass plötzlich Millionen Menschen die Arbeit niederlegen, bleibt zu bezweifeln. Aber das BGE wird Menschen zumindest von dem Zwang befreien, Geld verdienen zumüssen, weil sie sonst kein Dach mehr über dem Kopf haben. Es wird vielen Menschen eine Chance auf Neuorientierung (u.U. in völlig anderer Funktion) geben, die sie heute durch unser Beschäftigungssystem nicht haben. Es wird Menschen den Weg in eine Selbständigkeit möglich machen oder ihnen die Chance geben, sich neu weiterzubilden.
Wer heute bewusst einen Bruch in seinem Erwerbsleben eingeht, hat automatisch existentielle Probleme, weil er oder sie in seinen alten Beruf nicht zurück will, in einer neuen Verwendung allerdings nicht ankommen kann, weil die entsprechenden Voraussetzungen fehlen. Das BGE bietet in dieser Situation eine Brücke, die soziale Sicherheit gibt.
Nicht die Einstellung der Erwerbstätigkeit wird – aus meiner Sicht – der Haupteffekt sein, sondern die Umorientierung in Aufgabenfelder, in denen sich Menschen leidenschaftlich einbringen können.

Treffend formuliert.

Das das Einkommensgefälle durch das bGE ERHÖHT werden (könnte), ist für mich fast schon Hohn.

Ziel des bGE kann doch nur sein, die Not von Niedrigverdienern, Arbeitslosen, geringfügig Beschäftigten, etc. zu mindern.
Es dient auch Alleinerziehenden, Familien mit vielen Kindern, sowie Menschen, die Angehörige pflegen, etc.
Dieses Ziel ist umso wichtiger, je weniger Arbeitsplätze (zukünftig) zur Verfügung stehen.