Achtung Satire

Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder

Martin Kaysh24. Dezember 2020
Weihnachten In diesem Corona-Jahr droht uns das Schlimmste: Dominosteine bis Ostern, Jingle Bells bis ins Frühjahr. Nur wer gern Schweinefleisch isst, könnte unerwartet Glück haben.

Mag sein, dass Religion Opium fürs Volk ist. Weihnachten ist vor allem Marzipan für die Bevölkerung. Angesichts abgesagter Weihnachts- und Wintermärkte werden Süßes, Düfte und Lichter zur Antihefe, zum Gegenklopapier, zur Negativnudel. Nicht Mangelware, sondern blei­schwerer Überschuss in den Regalen der Händler.

Schweinebraten an Weihnachten?

Uns könnte dann das Schlimmste drohen. Weihnachten ist Weihnachten nicht vorbei, und die jährlich früh und früher auftauchenden Dominosteine werden tatsächlich bis Ostern verkauft. Jingle Bells plärrt bis ins Frühjahr durch den Supermarkt, nicht mal unterbrochen durch eierlikörverkaufsfördernde Schunkelmusik zu ­Karneval. Eine Alltagslegende erzählte schon lange die Geschichte vom Schoko­weihnachtsmann, der buddhistisch wiedergeboren als Osterhase im Folgejahr neu erscheint. Jetzt könnte sie wahr werden.

Wir könnten Glück haben mit dem Festessen, so wir auf Schweinebraten stehen. Die Krise um den westfälischen Megametzger hat den Schlachtzyklus bis jetzt durcheinandergebracht. Längst trächtige Säue haben unaufhörlich Ferkel zur Welt gebracht, die vertraglich fixiert bald in die Mast wechselten und nun nicht ­zeitig geschlachtet werden können.

Bald werden wir von Schweinen lesen, die vom Bauer an der Autobahn ausgesetzt wurden. Wenn Familie Sonnenschein wie jedes Jahr im Sauerland den eigenen Weihnachtsbaum schlägt, kann sie mit etwas Glück nebenher mit der Axt den ersten eigenen Weihnachtsbraten erlegen. Denn Zuchttiere, die den Weg in die Freiheit der Wälder gefunden haben, grunzen fröhlich durchs Unterholz, und radikale Tierschützer stellen enttäuscht fest, dass sie es nicht waren, die diese ­Geschöpfe befreit haben.

Coronabedingt restfamiliäres Fest

Wo ich Weihnachten verbringen werde, weiß ich immer noch nicht. Ich habe Zugscham. Noch frage ich mich, gibt es wirklich einen moralischen Unterschied, weshalb man seine ­Viren verschleudert, wie man so zum Superspreader wird? Einkaufsmassen im Shoppingcenter, Demonstranten, die trotz irrer Motive ein Grundrecht (über-)beanspruchen, Weihnachtsreisende im überfüllten ICE auf dem Weg zur Familie, dem Virus ist das einerlei. Wo ist eigentlich Richard David Precht, wenn man ihn mal braucht? Der philosophiert doch sonst alles weg, und das in der Wartezeit auf die leicht verspätete Regionalbahn im zugigen Berliner Hauptbahnhof.

Kommt man coronabedingt restfamiliär zusammen, kann man sich die Weihnachtsgeschichte vorlesen, auch als Nichtchrist. In diesem Jahr geht sie glatt als Corona-Erzählung durch. Erst bekommt das Paar kein Hotelzimmer in Betlehem wegen des Beherbergungsverbotes. Dann bringt es sich und das Neugeborene mit Ochs und Esel in Gefahr. Viren springen bekanntlich oft vom Tier auf den Menschen über. Die drei Weisen aus dem Morgenland erscheinen reichlich spät. Sie mussten die Zeit zwischen den Jahren in Quarantäne verbringen.

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