Blog Feminismus ins Netz gegangen

Ganz schön schwach

Julia Korbik24. Februar 2015
Sogenannte „starke Frauen“ in Filmen sind oft nicht mehr als Klischees.

Kaum war die Berlinale vorbei, ging es schon mit der Oscar-Verleihung weiter. Glitzer, Glanz und Glamour – ein bisschen weniger davon in Berlin, ein bisschen mehr davon in Hollywood. Was beide Ereignisse gemeinsam hatten: Frauen standen im Fokus. Auf der Berlinale, weil sie dieses Jahr unter dem Motto „Starke Frauen in Extremsituationen“ stand. Und bei den Academy Awards, weil man nicht nur versäumte, Ava DuVernay („Selma“) als erste afro-amerikanische Regisseurin überhaupt für den Regie-Oscar zu nominieren, sondern auch, weil Frauen in den Hauptkategorien nur in zweien davon auftauchten – Überraschung, es waren die sowieso rein weiblichen Kategorien „Beste Darstellerin“ und „Beste Nebendarstellerin“.

Der Ausdruck „starke Frauen“, den die Berlinale sich auf die Fahnen geschrieben hat, ist interessant, schwirrt er doch auch herum, wenn es um Hollywood-Filme geht. „Starke Frauen“, so der Eindruck, ist das, was Filme haben sollten. „Starke Frauen“ klingt gut, nach Power und Charakterstärke. Dabei ist der Ausdruck durchaus problematisch.

„The Avengers“: Die einzige Frau in der Männerrunde bleibt blass

Denn „stark“ meint (in Hollywood, aber auch in so manchem Independent-Film) oft tatsächlich nicht mehr als das: Frauen, die körperlich fit und durchsetzungsfähig sind, anderen also – real oder metaphorisch – in den Hintern treten können. Sophia McDougal schrieb 2013 in einem lesenswerten Artikel für den britischen „New Statesman“ (passend tituliert „Ich hasse starke weibliche Charaktere“): „Niemand fragt jemals, ob ein männlicher Charakter ‚stark‘ ist. Noch, ob er ‚angriffslustig‘ oder ‚kick-ass‘ ist, wenn wir schon mal dabei sind. Das ist offensichtlich so, weil von ihm standardmäßig angenommen wird, dass er ‚stark‘ ist. Teil des herablassenden Versprechens eines ‚Starken Weiblichen Charakters‘ ist, dass dieser anormal ist.“ Die Prämisse sei, so McDougal, dass normale Frauen schwach und langweilig seien. Der „Starke Weibliche Charakter“ hingegen sei anders, weil er (bzw. sie) ordentlich austeilen könne.

Der Hinweis auf die ungleichen Maßstäbe für männliche und weibliche Charaktere ist wichtig, denn tatsächlich wird Männern im Film eine größere Bandbreite an Eigenschaften zugestanden – eine männliche Filmfigur, die nur „stark“ ist, wäre furchtbar langweilig. Bestes Beispiel dafür ist die momentane Popularität von Superhelden-Verfilmungen. In „The Avengers“, wo eine Art Super-Superheldengruppe zusammenfindet, hat jeder der Helden ein anderes Problem: Hulk leidet unter seinen Wutausbrüchen, Iron Man geht allen mit seiner Arroganz auf den Keks und Captain America steckt mental leider noch in den 1940ern fest. Dagegen bleibt der einzige weibliche Charakter, Black Widow, etwas blass – außer, dass sie eine perfekt ausgebildete Kampfmaschine ist (wenn auch ohne Superkräfte), erfährt man als Zuschauer nicht viel über sie. Black Widow ist eben der Prototyp einer „starken Frau“. Im Prinzip ist sie nämlich ein Mann, nur eben in weiblich.

Alles dazwischen und noch viel mehr

Wie aber sollten weibliche Charaktere dann sein? Ganz einfach: Genauso vielfältig wie männliche Charaktere. Stark und schwach. Sympathisch und unsympathisch. Verschlossen und offen. Unsicher und selbstsicher. Alles dazwischen und noch viel mehr. Kurz: komplex.

Wie zum Beispiel die von Patricia Arquette dargestellte alleinerziehende Mutter in „Boyhood“ (Oscar für die Beste Nebendarstellerin): Olivia versucht, ihren zwei Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen, tut dabei aber nicht immer das Richtige. Und das ist okay, denn falsche Entscheidungen machen Olivia nicht automatisch zu einer schlechten Mutter. Mit Julianne Moore hat eine der wandelbarsten Schauspielerinnen den Oscar als Beste Darstellerin gewonnen – sie lässt sich in ihren Filmen nicht auf einen bestimmten Typ Frau festlegen, spielt mal eine alternde Hollywood-Diva („Maps to the stars“), mal eine lesbische Mutter, die sich in den Samenspender ihrer Kinder verliebt („The Kids are alright“).

Bei den Academy Awards scheint man etwas begriffen zu haben, nämlich dass sogenannte „starke“weibliche Charaktere vor allem eins sind: ziemlich langweilig. Das beste Beispiel für diese Einsicht ist die Nominierung von Rosamund Pike für ihre Rolle der Amy Dunne in „Gone Girl“: Amy ist zwar eine manipulative und unsympathische Person, wirkt für die Zuschauer aber trotzdem glaubwürdig. Weil Amy eben nicht nur psychopathisch ist, sondern ihre Handlungen auf einer erschreckend nachvollziehbaren inneren Logik basieren.

„Stark“ ist keine der oben genannten Frauenfiguren – sie alle lassen Schwäche zu, zweifeln und treffen falsche Entscheidungen. Aber sie sind mehrdimensional. Menschlich. Um es mit den Worten der Schauspielerin Natalie Portman zu sagen: „Eine Reihe verschiedener Wege zu haben, wie Frauen sein können – ob sie nun schwach und stark sind, nur menschlich und echt, und nicht bloß eine Fantasie eines männlichen Autors –, ist feministischer als ‚sie beherrscht Kung-Fu‘.“

 

 

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