Digitalisierung

Wenn flexible Arbeitsbedingungen zur Selbstausbeutung werden

Alice Greschkow07. August 2017
Arbeiten wann und wo man will – das klingt verlockend und wird dank der Digitalisierung für immer mehr Menschen möglich. Gleichzeitig verwischen dadurch die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben immer mehr. Ob diese Entwicklung weitergeht, haben auch wir selbst in der Hand.

Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Klassisch im Büro oder doch lieber von zu Haus oder einem Café aus? In einer 40-Stunden-Woche mit getakteten Arbeitszeiten oder wenn man das Gefühl hat, gerade am produktivsten zu sein? Gerade in der Dienstleistungsbranche gibt es dank der Digitalisierung und einem neuen Verständnis von einer Work-Life-Balance genug Möglichkeiten, sich mehr Freiheit bei der Einteilung der Arbeitszeit zu schaffen – das birgt allerdings nicht nur Vorteile.

Die Grenzen zwischen Privat und Beruf verschwimmen

Weil der Ausgleich zwischen Privatem und Beruflichem für viele Arbeitnehmer eine hohe Priorität hat, haben sich Modelle entwickelt, in denen das Abarbeiten von Aufgaben und Schaffensprozesse aus dem klassischen Arbeitsumfeld in den privaten Raum ausgelagert werden können. Klingt natürlich entspannt, modern und ruhiger als in einem Großraumbüro zu arbeiten, in dem ständig das Telefon klingelt. Die Kinderbetreuung oder Pflege von Familienangehörigen wird auch leichter, wenn nicht die ganze Arbeit im Büro verrichtet werden muss.

Allerdings verschwimmen unterbewusst auch die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem. Manch einem, der die Selbstverwirklichung durch die Arbeit sucht, mag dies gefallen, viele Berufstätige kommen damit allerdings nicht zurecht, da sie keine Trennlinie ziehen können – Erschöpfungszustände, Schlafprobleme, Rastlosigkeit und ein verprelltes soziales Umfeld sind nur einige der möglichen Folgen.

Feierabend bedeutet nicht mehr Feierabend

Die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie haben viele Rechte erkämpft, um die Gesundheit und Regeneration der Arbeitnehmer zu schützen – darunter auch den 8-Stunden-Arbeitstag. Dass die fixen Arbeitszeiten zwar Nachteile bergen, wie das vermeintlich sinnlose Absitzen bspw. in Phasen mit weniger Aufträgen, ist klar. Dennoch hatte man nach Feierabend auch wirklich Feierabend und konnte sich auf das Privatleben konzentrieren, während heute E-Mails abgerufen werden und auch nachts noch Arbeitssitzungen folgen.

Wie eine Erhebung von Statista zeigte, liest mehr als die Hälfte der Deutschen sogar im Urlaub berufliche E-Mails. Klar – man ist ja daran gewöhnt, dass es eine fließende Grenze zwischen Arbeit und Privatleben ist und setzt sich somit auch der Erwartung aus, erreichbar sein zu müssen. Die fehlenden Regenerationszeiten, die mit der psychischen Distanz zur Arbeit einhergehen, schlagen langfristig auf die Gesundheit. Mittlerweile gehen Mediziner davon aus, dass zwei bis drei Wochen nötig sind, um sich tatsächlich zu erholen – das schließt auch die Trennung von der Arbeit ein.

Arbeitnehmer verkaufen sich unter Wert

Doch es leidet nicht nur die Gesundheit. Wenn die Arbeit ins Privatleben getragen wird, verkaufen sich Arbeitnehmer häufig unter ihrem Wert. Das Institut für Arbeits- und Berufsforschung hat 2016 berechnet, dass Beschäftigte mehrmals eine Milliarde Überstunden in Deutschland angesammelt haben – unbezahlt und ohne Zeitausgleich, da es nicht nur für Chefs schwer nachzuvollziehen ist, was als tatsächliche Arbeitszeit zählt, sondern auch für diejenigen, die „mal eben schnell“ von zu Hause aus oder unterwegs arbeiten. Für diesen Zustand sind nicht nur fordernde Arbeitgeber verantwortlich, sondern auch Arbeitnehmer, die sich ebendiesen Arbeitsstil unter der Prämisse der Freiheit einforderten.

Obwohl es so aussieht, als würden Arbeitnehmer mit dem technischen Fortschritt zunehmend flexibel werden, gibt es erste Hinweise darauf, dass das Pendel wieder in die andere Richtung schwingt: Soziologen stellen bei den jüngsten Arbeitnehmern fest, dass der Trend wieder Richtung stärkere Trennung zwischen Arbeit und Privatleben geht, einschließlich geregelter Arbeitszeiten und ohne den Wunsch, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen.

Wie wir langfristig in einer modernen, digitalisierten Umwelt arbeiten werden, steht gegenwärtig jedenfalls nicht fest. Klar ist allerdings, dass sich mehrere Trends abzeichnen und Arbeitnehmer entsprechend ihres Lebens entweder mehr Freiheiten oder mehr Regeln einfordern werden – viel Spaß, liebe Arbeitgeber!

weiterführender Artikel