Wie sich Europa buchstabieren lässt

Martin Kaysh24. Mai 2019
Schon seit der Teenagerzeit verbinden viele von uns schöne Ferienerinnerungen mit unseren europäischen Nachbarn. Dieses Glück ist nicht umsonst zu haben. Deswegen: Wählen gehen am 26. Mai!

Berlin ist weit weg hier im Ruhrgebiet, wo alte, weiße Männer wie ich hocken, nicht auf gepackten Koffer wie die Briten, sondern auf einem Stapel Glück vom Vortag. Von meinem Schreibtisch sind es 502 Kilometer nach Berlin, aber nur 223 nach Amsterdam. Brüssel: 273 km, Luxemburg: 298. Selbst die zweite Hauptstadt der Europäischen Union, Straßburg, liegt näher. Vier zu eins für Europa also.

Spontan in die Niederlande verliebt

Es gibt Tage, die haben so klein mit Europa zu tun, dass die Geschichtsbücher sie nicht kennen, wir Menschen uns aber glasklar erinnern. Da war dieser schöne, lange Abend in Holland, am Meer, mit Sonne, die nicht untergehen wollte. Unsere Nachbarn im Westen hatten die Sommerzeit vor uns eingeführt. Da saßen wir Teenager auf dem Campingplatz, glückselig auch ohne landestypische Rauschwaren.

Spontan verliebte ich mich in dieses Land. Es versprach Sommer, Sonne, Freiheit. Aus dem Stoff werden diese Coming-of-Age-Filme gemacht, es ist dieser letzte große Moment vor dem Erwachsenseinmüssen. Jetzt, 2019, soll die Sommerzeit verschwinden. In einer EU-Onlinebefragung sprach sich eine Riesenmehrheit für das Ende der Zeitumstellung aus. Eher eine Riesenminderheit, die fast nur aus Deutschen bestand. Danke für die kommende Frühverdunklung, liebe Landsleute.

Statt Rubel rollt der Euro

Fast zwanzig Sommer später, Mitte der 90er, fuhr die Kleinfamilie im Kleinwagen nach Holland. Ich bremste kurz ab, auf der Autobahn, zum Glück fuhr mir niemand hinten auf. Da, wo im Jahr zuvor noch ein Schlagbaum gewesen war, stand jetzt nur ein verlassenes Wachhäuschen. Schengen. Die Grenzen wurden eben nicht 2015 geöffnet, sondern bereits 1995. Eigentlich ganz einfach.

Heute. Spanien, Österreich, Niederlande. Nicht der Rubel rollt, sondern der Euro. Zwanzig Jahre zuvor zahlte man schon in Enschede drauf, kurz hinter der Grenze. Wenn du, leicht überheblich, mit D-Mark kamst, gab der Wirt in Gulden raus, gerundet, zehn Prozent zu seinen Gunsten. Bis zum nächsten Wochenendtrip schimmelte zuhause dann das bunte Geld der Nachbarn in irgendeiner Schublade. Falsche DM-Nostalgie, die ab 2013 diese verdammt rechte, neudeutsche Partei beflügelte.

Am 26. Mai wählen gehen

Europa lässt sich auch ­buchstabieren:

E wie Energie. Damit begann alles, mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Letztes Jahr fast geheult, als ich die Gründungsurkunde sehen durfte.
U wie Umwelt. Blödsinnig symbolisch, so ein Strohhalmverbot. Aber Klima und Katastrophe bremsen nicht an Grenzen.
R wie Reisen. Glück, für Reisende und Bereiste.
O wie Opa. Alter Gag: „Euer Opa nach Europa!“ Geht´s noch?! Schaut auf ­Katarina Barley!
P wie Panik. Greta Thunberg will, dass wir in Panik geraten. Bitte nicht, wenn es um Europa geht. Liebe braucht Zeit. (Gibt es eine grenzüberschreitende Vaterlandsliebe?)
A wie Arbeit. Europa ist schön, macht aber viel Arbeit.

Ach ja, und abstimmen am 26. Mai, alle!

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