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ESC-2017 – Wer singt für Deutschland beim Eurovision Song Contest?

Martin SchmidtnerMarc Schulte08. Februar 2017
Unser Song 2017
Wie jedes Jahr steigt der vorwärts mit dem deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest in die aktuelle Berichterstattung um den musikalischen Zustand Europas ein. Am Donnerstag sucht die ARD „Unseren Song 2017“ und hat sich dafür mal wieder eine ganz neue Show ausgedacht.

Die SPD zeigt gerade, wie frischer Wind schlaffe Segel wieder in Form bringen kann: mit Martin Schulz, einem bekennenden, bekannten und zudem singenden Europäer soll auch die SPD wieder Fahrt aufnehmen. Auch die Eurovisions-Segel der ARD hängen seit 2012 erschlafft in der Takelage. Nach dem Jury-Publikums-Desaster 2013, der kontraproduktiven, weil etablierte Musiker abschreckenden Club-Concert-Innovation 2014, dem Kümmert-Gate 2015 und dem Naidoo‘schen Fehlgriff zur Saison 2016, bräuchte es dringend wieder eine steife Brise.

„Unser Song 2017“ soll es nun am Donnerstag richten. Die Produktion wurde in die Hände des Unternehmens Raab TV gelegt und zwei Songs wurden eingekauft, die laut Auswahlgremium geeignet sein können, den Song Contest zu erobern. Ausgewählt haben unter anderem Thomas Schreiber für die ARD und Carola Conze, die deutsche Head of Delegation, Aditya Sharma, Leiter der Musikredaktion beim Radio-Jugendprogramm „Fritz“, Wolfgang Dalheimer von den Heavytones sowie Produzent Jörg Grabosch (Raab TV und Brainpool) und Claudia Gliedt, Leiterin der Musikredaktion bei Raab-TV.

Und so wissen wir bereits heute, dass unser Song 2017 entweder Wildfire oder Perfect Life heißen wird.

Zwei Songs

Wildfire stammt von den Songwritern Marit Larsen (Norwegen), Tofer Brown (USA) und Greg Holden (UK/USA).

Perfect Life schrieben das US-Trio Lindy Robbins, Lindsey Ray und Dave Bassett. (Die unterlegten Links führen zur entsprechenden Website oder zum größten kommerziellen Erfolg, an dem sie beteiligt waren)

Bekannt sind von beiden Songs bislang nur die Texte, die Kollegen vom Prinz-Blog haben diese dankenswerterweise sogar von einem Sprachendienst ins Deutsche übertragen lassen. Womit wir natürlich auch bei der Frage wären, warum es eigentlich keinen deutschen Titel gibt. Jedoch waren die Vorgaben des federführenden NDR hier relativ klar:

„Organischer und authentischer Pop mit englischen Texten“ sei erwünscht, so heißt es in einer Mail an ausgewählte Songschreiber und Verleger […]. Auch möglich: „Alternative Mainstream, Singer-Songwriter-Pop oder ein zeitgemäßer Dance-Pop-Track“. Ebenso klar weiß der NDR, was er nicht haben will: „Kein R&B oder Soul“

– alles wie immer hier ganz wunderbar zusammengefasst und kommentiert von aufrechtgehn.

Im Übrigen wurden für alle Kandidatinnen und Kandidaten jeweils eigene Versionen der beiden Titel produziert – das kennen wir bereits aus Unser Star für Oslo im Jahr 2010, als beispielsweise Satellite von Lena ganz anders interpretiert wurde als von Jennifer Braun.

Unser Song 2017 KandidatInnen

Fünf Kandidatinnen

Aus einem Casting von mehr als 2000 Bewerberinnen und Bewerbern wurden ebenfalls intern die fünf neuen Hoffnungsträger ausgesucht: Axel Maximilian Feige, Felicia Lu Kürbiß, Helene Nissen, Levina sowie Yosefin Buohler. Die wenig gegenderte Besetzung bestand zwar ursprünglich aus 2 Männern und 3 Frauen, aber da die BILD frühzeitig einen Kandidaten aus dem Rennen warf, treten nun am Donnerstag 4 Frauen und 1 Mann gegeneinander an.

Im Morgenmagazin der ARD werden alle fünf in dieser Woche vorgestellt und dürfen schon mal einen Coversong zum Besten geben.

Vier Abstimmungsrunden

Da ja Fernsehen sich ständig selbstreferentiell neu erfinden will, hat die Show natürlich auch ein ganz neues, besser gesagt aus bekannten Versatzstücken neu zusammengestelltes Konzept.

Runde eins

In Runde eins soll es wohl um Persönlichkeit und Ausstrahlung gehen. Die vier Kandidatinnen und der Kandidat treten mit einem Coversong vor das Publikum. Axel Maximilian Feige mit  ”You Know My Name” von Chris Cornell, Felicia Lu Kürbiß singt “Dancing On My Own” von Robyn in der Version von Calum Scott, Levina tritt mit “When We Were Young” von Adele an und Yosefin Buohler mit Beyoncés “Love On Top”. Selbst Johnnny Cash wird uns mit “Folsom Prison Blues” von Helene Nissen zu Gehör gebracht.

Drei der fünf können nach dieser ersten Runde weitergewählt werden.

Anders ausgedrückt: zwei haben gar keine Chance, einen der beiden infrage kommenden Songs für Kiew vorzustellen. Was für eine Verschwendung! So lautete denn auch die einhellige Kritik aus Fankreisen am Sendungskonzept. (Inzwischen gibt es eine kleine Hintertür in Form der Eurovisions-App – doch davon weiter unten.)
Der NDR kontert mit dem Verweis, dass bei den Castings von Lena 2010 und Roman Lob 2012 jeweils von der ersten Sendung an die späteren Sieger in allen Votings vorne lagen, die Schwarmintelligenz des abstimmenden Publikums also auch anhand der Coversongs die beste Teilnehmerin oder den besten Teilnehmer ausfindig machen wird. Dennoch dürfte gerade dann die Frage erlaubt sein: wozu dann überhaupt diese erste Runde?!

Runde zwei

Die drei Glücklichen aus Runde zwei tragen nun entweder Wildfire oder Perfect Life in der jeweils für sie arrangierten Version vor. Wieder erfolgt ein Voting und diesmal dürfen zwei der drei in die nächste Runde.

Runde drei

Die zwei erfolgreichen Jungtalente dürfen nun auch noch den jeweils zweiten Song vortragen. Zur Wahl stehen im anschließenden Televoting deren Songs aus Runde zwei und drei, das heißt sowohl Wildfire als auch Perfect Life der beiden Kandidatinnen aus Runde drei. Das Publikum kann also aus vier Vorträgen auswählen.

Runde vier

Das Finale bilden die zwei der vier Versionen mit dem besten Stimmergebnis. Das könnte ein Kandidat mit den beiden Songs sein, oder zwei Kandidatinnen mit ein und demselben Song oder zwei Kandidatinnen mit einem jeweils unterschiedlichen Song. Aus diesen zwei Titeln wird dann Unser Song 2017 gewählt werden.

Beratende Quoten-Jury

Wenn bereits nach Runde eins klar sein wird, wer nach Kiew fahren darf, ist natürlich die Frage nach einer Jury berechtigt. Die bekannten Namen sollen die Quote bringen, weil die Zielgruppe der Jüngsten am Donnerstag möglicherweise an Pro7 und Heidi Klum verloren gehen könnte. Dazu wird – Sensation! – tatsächlich mal Lena wieder im Eurovisions-Zusammenhang zu sehen sein. Ihr zur Seite sitzen Tim Bendzko und – in Ermangelung Helene Fischers – Florian Silbereisen. Die Jury stimmt zwar nicht mit ab, präsentiert aber die sogenannten „Eurovision Vibes“, gewissermaßen eine gesamteuropäische internationale beratende Jury.

Eurovision Vibes

Es kann ja nicht schaden, schon mal vorab zu wissen, wer oder was im Rest der Eurovisions-Familie wohl gut ankommen könnte. Zu diesem Zweck wurden die Eurovision Vibes kreiert: ein Stimmungsbarometer via App. Bereits ab dem heutigen Mittwoch können mit der Eurovision-App Proben mitverfolgt und alle Versionen beider Songs aller Kandidatinnen angehört werden. Am Donnerstagabend kann die Show zudem via englischsprachigem Livestream per App mitverfolgt werden. Das Angebot richtet sich in erster Linie an die Hardcore-Fan-Community in ganz Europa, die inzwischen jedem Vorentscheid aus jedem der teilnehmenden Länder außerordentlich hohe Aufmerksamkeit zollt. Ob sich daraus tatsächlich ein Trend zur guten Platzierung in Kiew ableiten lässt, darf angesichts des oft vom Endergebnis abweichenden Fan-Geschmacks bezweifelt werden, aber immerhin hören wir so schon mal vorab die beiden eingekauften Songs in allen fünf Versionen.

Show-Programm

In einer dreistündigen Show mit vier Televotings dürfen natürlich Live-Acts nicht fehlen. Ein Eurovisions-Medley soll es geben – vorgetragen von Nicole, Conchita Wurst und der ersten ukrainischen ESC-Siegerin Ruslana. Tim Bendzko darf für eine neue Single-Auskopplung auf die Bühne, Matthias Schweighöfer präsentiert mit "Supermann und seine Frau" einen Song aus seinem allerersten Album. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Barbara Schöneberger auch diesmal moderieren wird.

Live on Stage

Bereits am  Mittwoch wird die Pressekonferenz aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen mit der Jury, Barbara Schöneberger, Peter Urban sowie Thomas Schreiber im Livestream und via Facebook live übertragen.

Die Show läuft am Donnerstag, dem 9. Februar ab 20:15 h in der ARD (hier auch mit Audiodeskription und Untertiteln), dem Digitalsender ONE und der Deutschen Welle. Auf Eurovision.de läuft ein Stream mit Audiodeskription. Beworben wird die Show momentan durch Trailer und auch die Pressearbeit scheint aufzugehen. Dem NDR reicht eine gute Quote am Donnerstag und vor allem im Mai. Für Fans wird jedoch entscheidend sein, was am Ende in Kiew herauskommt. Die Geduld mit jährlich wechselnden Formaten des deutschen Vorentscheids ist dabei jedoch am Anschlag.

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