Rechtsextremismus

Erinnerung nach Hanau: Wir wollen keinen Hass mehr

Hakan Demir22. Februar 2021
Vor einem Jahr tötete ein Rechtsextremer in Hanau neun Menschen. Die Erinnerung sollten wir nutzen, um gemeinsam eine Gesellschaft zu schaffen, in der wir alle gleichwertig leben können.

Tausende von Menschen waren allein in Berlin auf den Straßen. Sie haben der neun Menschen in Hanau gedacht, die am 19. Februar 2020 von einem Rechtsextremen ermordet wurden. Ihre Namen:

Gökhan Gültekin

Sedat Gürbüz

Said Nesar Hashemi

Mercedes Kierpacz

Hamza Kurtović

Vili Viorel Pāun

Fatih Saraçoğlu

Ferhat Unvar

Kaloyan Velkov

In den vergangenen Tagen fanden in Neukölln zwei Gedenkveranstaltungen und eine Demonstration statt. Die Solidarität war sehr groß, aber auch die Wut.

Erinnern heißt verändern.

Hass und Hetze gegen Menschen wie mich

Ich bin 1986 im Alter von eineinhalb Jahren mit meiner Mutter im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen. Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen. Im Kindesalter haben sich die verbrannten Gebäude von Mölln und Solingen in meiner Seele festgesetzt. Ich habe schon als Kind gelernt, dass es Hass und Hetze gibt – und dass er sich gegen Menschen richtet, die so sind wie ich. Es folgten die NSU-Morde, die Morde an Burak Bektaş und Luke Holland in Neukölln, die Morde in Halle und vor einem Jahr dann in Hanau.

Machen wir uns nichts vor: Es ist ein roter Faden – seit über 30 Jahren. Es reicht. Wir wollen keinen Hass mehr. Wir wollen keine Hetze mehr. Der Staat muss alle schützen.

Die Erinnerung nutzen

Vergangene Woche haben sich in Neukölln mehrere Menschen zu einer Kundgebung im Gedenken an Burak Bektaş versammelt. Er wäre am 14. Februar 31 Jahre alt geworden – und wurde 2012 ermordet.  Dabei hatte ich die Gelegenheit, mit seiner Mutter zu sprechen. Es war sehr bewegend. Was sagt man eigentlich einer Mutter, die ihr Kind verloren hat? Nach langem Zögern fragte ich sie, ob wir etwas für sie tun können. Ihre kurze Antwort: „Bitte findet den Mörder von meinem Sohn!“

Es ist mit das Schlimmste, wenn zu der Trauer noch unbeantwortete Fragen kommen. Das gilt auch für die neun Familien in Hanau.

Warum ist es überhaupt zu den Morden gekommen?

Warum konnte der Mörder Waffen besitzen?

Warum war die Notrufzentrale nicht besetzt?

Erinnern heißt verändern! Wir brauchen die Erinnerung, um die notwendigen Schritte zu Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen gehen zu können. Wir brauchen die Erinnerung, um uns in unserem Alltag, durch zivilgesellschaftliches Engagement und in der Politik gegen Hass und Hetze einzusetzen. Und wir brauchen die Erinnerung, um gemeinsam eine Gesellschaft zu schaffen, in der wir uns alle gleichwertig fühlen können – für Buraks Mutter und für all jene, die Antworten und Sicherheit verdienen.

Hakan Demir ist der Enkel von Gastarbeiter*innen. Der 36-jährige Sozialdemokrat ist in einem Arbeiterviertel in Krefeld am Niederrhein aufgewachsen und tritt für den Bundestag an. Seine Chancen stehen in Neukölln gar nicht mal so schlecht. Doch es gibt Hürden. Bis zur Wahl gibt Hakan Demir in seinem Blog „Aus Neukölln in den Bundestag?“ einen ganz persönlichen Einblick in seinen Wahlkampf.

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Kommentare

was ist eigentlich mit der Mutter

des wohl geisteskranken Täters. Wird die in Mithaftung genommen, und das auch noch für einen, der nicht hätte haften müssen, hätte er sich nicht selbst getötet?

Wem glauben Sie werden Sie gerecht, wenn Sie derart zwischen guten und schlechten Opfern differenzieren. Sie können mich jetzt gerne einen Nazi schimpfen, der ich nicht bin, oder einen Rassisten, der ich nicht bin, oder sonstwas. Aber zum Hass aufrufen, das geschieht, wenn man derart differenziert an die Betrachtung von Opfern herangeht.

Sippenhaft will ich hier nicht vorwerfen, das gab ja bei den Nazis, und zu denen gehören Sie ja bestimmt nicht.