Die Sprache des Kanzlers

„Doppel-Wumms“ und „Zeitenwende“: Was uns Olaf Scholz zu sagen hat

Oliver Czulo30. September 2022
Von „Bazooka“ über „Wumms“ bis „Zeitenwende“: Mit sprachlichen Mitteln macht Olaf Scholz deutlich, was in diesem Jahrzehnt ansteht. Durch seine Stilvariationen spricht der Kanzler zugleich die Breite der Bevölkerung an. Das lässt noch einiges erwarten.

Regierende sollen nicht nur technokratisch, sondern auch politisch führen. Sprache ist dafür ein unerlässliches Mittel, wird Politik doch zu großen Teilen sprachlich vermittelt. Die vergangenen Regierungen lassen sich auch anhand ihrer Sprache charakterisieren: Unvergessen, wie die ersten rot-grünen Kabinette gerne betonten, dass ihre Maßnahmen, ja allein schon ihre Existenz „historisch“ sei(en). Unverkennbar auch der moderierende Stil Merkels, in dem alles ein wenig abgetönter, vager und weniger dramatisch wirkte und vor allem vermittelte: Wird schon nicht so schlimm im Auenland.

Das Auenland ist aber Geschichte und war schon immer eine Illusion. Wir stehen – standen zum Teil bereits vorher – vor großen politischen Herausforderungen wie der Bewältigung der Klimakrise, grundlegenden sozialen Reformen und bald auch möglicherweise noch der Gestaltung einer neuen Friedensordnung.

Mit „Doppelwumms“: „Niemand wird allein gelassen“

Schon als Finanzminister tat sich Olaf Scholz damit hervor, über die Wirkkraft von sozial- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen während der COVID19-Pandemie keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Da wurde die „Bazooka“ ausgepackt, um „mit Wumms aus der Krise [zu] kommen“; die derzeitige Energiekrise soll gar mit einem „Doppelwumms“ bewältigt werden. Dies half und hilft sicher auch, den Vorwurf zu entkräften, man habe zwar in der Finanzkrise Banken mit viel Geld gerettet, für „die Bürger“ sei aber nichts da. Jüngst versuchte Christian Lindner, dem nachzutun, indem er ein „wuchtig[es]“ Entlastungspaket versprach.

Nicht weniger deutlich war die Wortwahl von Olaf Scholz als Bundeskanzler während des aktuellen Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine: Eine „Zeitenwende“ sei damit eingeläutet, ein Umsteuern ist damit nicht nur ein Nachjustieren, sondern erfordert auf vielen Ebenen ein Neudenken. Dass die Bewältigung der mit dem Krieg einhergehenden Krise, ganz im Gegensatz zu einer neoliberalen Sicht, nicht als Verantwortung auf Einzelne abgewälzt wird, drückt das Versprechen „Niemand wird allein gelassen“ aus; es ist eine funktional – also mit Blick auf Zweck und Zielpublikum – sehr gelungene Übersetzung des im Fußball beliebten Mottos „You’ll never walk alone“.

Führung in der Veränderung

Dieser Sound vermittelt gleich mehrere Aspekte: Unmissverständlich ist, dass Veränderungen anstehen, und zwar grundlegende. Nicht nur die „Zeitenwende“ sagt das aus, sondern auch die Verwendung der Kraft ausstrahlenden Ausdrücke in Kontexten, in denen es um tiefgreifende Maßnahmen und transformative Themen geht. Zugleich wird durch den Sprecher, also Olaf Scholz, implizit ein Führungsanspruch mitausgedrückt, gerade auch durch den kontinuierlichen Stil.

Außerdem sind es Formulierungen wie „Niemand wird alleine gelassen“ oder „Wir kommen da durch“, die klar machen, dass die großen Veränderungen keine einsame Reise werden sollen. Bestärkt wird dies aus meiner Sicht durch die Vermeidung einer Kampfmetapher: Nicht nur ist „kämpfen“ eine gewisse Form der Eskalation, sondern es trägt auch eine Richtungslosigkeit mit sich, die sich in einer Verzweiflung schon mal gegen die unmittelbar Umstehenden entladen kann; ganz anders als etwa das „unterhaken“, das einen gemeinsamen Weg voraussetzt.

Sprechen für die Breite

Nicht zuletzt ist noch bemerkenswert, welche stilistische Breite Scholz’ Tonlage aufweist: „Bazooka“ und „Wumms“ wären keine Vokabeln, die man z.B. in einem wissenschaftlichen Sprech ganz vorne vermuten würde, der aber auf dem berühmten ‚Marktplatz‘ Wirkung entfaltet. „Zeitenwende“ hingegen ist ein Begriff, den man in seinen vielen Aspekten und Verästelungen diskutieren kann. „You’ll never walk alone“ lehnt sich gleich an den Sprech einer großen Gruppe, den Fußballfans, an. Breite ließe sich auch durch andere Mittel erzeugen, indem man z.B. eher vage, breit gefasste Begriffe verwendet, hier ist es aber eben die Anlehnung an verschiedene Sprecher*innengruppen und Sprechkontexte.

Über die Gründe für diese breite Ausrichtung können wir nur spekulieren. Möglicherweise steht unter anderem die Erkenntnis dahinter, dass Gesellschaft eben vielfältig ist und eine dafür geeignete, vielseitige Ansprache braucht. Gerade mit Blick darauf ist immer zu begrüßen, wenn sprachliches und politisches Handeln im Einklang sind. Für die 2020er jedenfalls lässt der Sound noch einiges erwarten.

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