Unterschiedliche Lebenserwartung

Warum das deutsche Rentensystem ungerecht ist

Alice Greschkow07. November 2017
Arme und schlecht ausgebildete Menschen sterben im Schnitt früher. Gleichzeitig sind sie oft in niedrig bezahlten Berufen tätig, weswegen sie nicht früher in Renten gehen können. Die Politik muss sich mit der Frage beschäftigen, welches Gerechtigkeitsverständnis der Rentenpolitik zugrunde liegen soll.

Es stimmt – die Deutschen leben immer länger. Das liegt nicht zuletzt an medizinischen Fortschritten, Frieden und verbesserten Lebensbedingungen, die Alterskrankheiten vorbeugen. Mit Hinblick auf die Demografie wird klar: Bei einem wachsenden Anteil von Rentnern in den kommenden Jahren, die länger aus den Rententöpfen schöpfen werden bei sinkender Anzahl junger Arbeitnehmer, die in die Sozialkassen einzahlen, entsteht finanzieller Druck.

Unterschied in der Lebensspanne

Das soziale Netz muss überleben, aber zu welchem Preis dies geschieht, liegt im Gestaltungsspielraum der Politik. Zurecht sind vor allem junge Menschen besorgt, ob sie jemals das Rentenalter erreichen und falls sie es tun, wie viel Geld übrig bleiben wird. Aber warum wird die Lebensdauer als fast statischer Standard für die Verlängerung benutzt, wenn massive Unterschiede zwischen den Bürgern klaffen?

Die Erkenntnisse aus den Gesundheitswissenschaften in Bezug auf die Lebensdauer werden bei der Rentendebatte häufig vernachlässigt. Teilt man die Bürger in fünf Gruppen entsprechend ihres Gehalts auf, ergeben sich zwischen Arm und Reich bis zu elf Jahre Unterschied in der Lebenserwartung.

Faktor Bildung

Vor allem ostdeutsche Männer sterben früher, bei Frauen variiert die Lebenserwartung ja nach finanziellem Status um bis zu acht Jahren. Das hängt mit mehreren Faktoren zusammen: Arme Menschen haben weniger Geld für gesunde Ernährung oder Sportvereine, sind aber häufiger in Berufen, die schlechtere Arbeitsbedingungen anbieten. Ein weiterer Faktor ist die Bildung: Schlecht gebildete Menschen sterben früher als Akademiker. Woran das liegt? Am Wissen darüber, was für den menschlichen Körper gut ist. Was sich daraus ergibt, ist bizarr. Arme und schlechter ausgebildete Menschen sterben im Schnitt einige Jahre früher, sie sind aber aufgrund ihrer Bildung tendenziell in Berufszweigen, die ihnen eine frühere Rente nicht gestattet. Die Kürzungen wären zu gravierend.

Stellen wir uns für ein Gedankenspiel einen Gebäudereiniger vor. Dieser Job ist einer der am schlechtesten bezahlten in Deutschland. Der Anteil der Akademiker dürfte gering sein. Wenn man den Erkenntnissen folgen würde, dann müsste das Rentenalter für diese Berufsgruppe weniger stark erhöht werden, das Argument ist ja häufig die verlängerte Lebensdauer. Aufgrund des niedrigen Gehalts wird ein Gebäudereiniger – sofern er gesund bleibt und eine sichere Anstellung hat – nicht frühzeitig in Rente gehen. Wenn er dann in Rente geht, ist die Zeit bis zum Ableben bedeutend kürzer als bei einem reichen Akademiker.

Fragen zum Rentensystem

Allerdings sind wohlhabende Akademiker tendenziell eher in Berufsfeldern tätig, die es ihnen ermöglichen, über eine frühere Rente nachzudenken, da sie privat eher vorsorgen konnten. Akademiker leben allerdings auch länger, beziehen damit länger Rente sowie Gesundheits- oder Pflegeabsicherung – bis zu einem ganzen Jahrzehnt länger! Selbst wenn es eine Erhöhung des Rentenalters in bestimmten Berufszweigen geben sollte, dann wird dies diejenigen, die sowieso wohlhabend sind, nicht davon abhalten, eine Kürzung für mehr Freizeit in Kauf zu nehmen, sofern die Schäfchen im Trockenen sind.

Aus diesem plakativen Gedankenspiel lassen sich mehrere grundsätzliche Fragen ableiten: Wie gehen wir mit Armen und schlecht ausgebildeten Kräften in Deutschland um? Zeigen wir Solidarität und Respekt für ihre Arbeit oder blicken wir vor der Prämisse, dass sie selbst an ihrer Situation schuld seien, auf sie herab? Was soll die Rente sein – Existenzsicherung im Alter oder Wohlstandsbringer über das Ende der Erwerbstätigkeit hinaus? Anhand welcher Kriterien werden wir uns zukünftig bei den Rentenbeiträgen und dem Rentenalter orientieren? An pauschalen Maßgaben über die Altersspanne oder an einer Art Punktesystem, das unterschiedliche berufliche und biografische Abschnitte entsprechend wertet?

Würde im Alter

Für mich hat die Rente etwas mit Würde im Alter und Würdigung von Leistung zu tun. Das Rentenalter ist mit Sicherheit eine wichtige Stellschraube, um die Kassen zu regulieren und ein gewisses Niveau zu halten, aber es geht zulasten derer, die in Nachtschichten schuften oder jahrzehntelang in Werkstätten körperlich ackern. Da gegenwärtig so viele Menschen in Deutschland beschäftigt sind wie seit der Wende nicht mehr und die allermeisten auf eine Form der Rente im Alter angewiesen sein werden, lohnt es sich darüber nachzudenken, welches Gerechtigkeitsverständnis der Rentenpolitik zugrunde liegen soll. Ansonsten enden wir wieder bei der Debatte um ein „sozialverträgliches Frühableben“.

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Kommentare

die gefühlt 1000te Debatte ,

die gefühlt 1000te Debatte , die wieder einmal am Inhalt zerschellt.

Wo bleibt die Verteilungsfrage?? Ach ja, nicht aufwerfen, sonst würden sorgsam gehegte Vorstellungen den Bach runter flutschen.

WARUM ZAHLEN NICHT ALLE INEINEN TOPF EIN????