Euro-Vision 2012 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner

Dancefloor, Minnesang und Synthie-Pop mit Botschaft: drei Lieder für Baku

Heute segeln wir zwar mit unserem Blog unter falschem Logo, da uns im Moment die Berlinale mehr beschäftigt, aber heute soll es dennoch um drei weitere interessante Lieder für den Song Contest im Mai gehen:

Heute mal kein Berlinale-Besuch – der Tag blieb für mich kinofrei. Schließlich haben gestern drei Länder ihren Beitrag zum Eurovision Song Contest in Baku gewählt und gerade eben läuft via Web die Vorentscheidungsshow aus Aserbaidschan: eine mehrere Stunden dauernde Tortur mit viel, viel Folklore und noch mehr schönen bunten Werbefilmchen für das diesjährige Austragungs-Land. Erfreulich, dass momentan in Deutschland die Medien hellhöriger und aufmerksamer auf den Song Contest reagieren als beispielsweise 2009 in Moskau. Immer häufiger wird nun auch von Menschenrechtsverletzungen und mangelnder Demokratisierung des Kaukasus-Landes berichtet. In diesem Sinn könnten die Pläne Bakus, sich durch den Song Contest ein positives Image in Europa zu verschaffen, auch nach hinten losgehen.

Doch heute erst mal zu weiteren Liedern für Baku.

 

Norwegen

Keine wirkliche Überraschung gab es gestern Abend in Norwegen, denn der klare Favorit hat auch die allerletzte Runde der vier Super-Finalisten gewonnen und das Ticket nach Baku ergattert: Tooji mit dem Song Stay. Und nein: es handelt sich nicht um den älteren Bruder Eric Saades, der im vergangenen Jahr für Schweden startete. Doch da dieser in Düsseldorf immerhin den dritten Platz im Finale belegte, dachte man sich wohl in Norwegen: Was die Schweden können, können wir auch und wählten Tooji (gesprochen: To:dschie:)

Der im Iran geborene Sänger kam im Alter von 1 Jahr nach Norwegen, arbeitete als 16jähriger zunächst als Model und derzeit als Moderator für MTV Norwegen.

Sein Song ist guter Pop, im Refrain vielleicht etwas zu altbacken geraten, aber ansonsten durchaus am Puls der Zeit, energiegeladen, gut tanzbar, sehr einnehmend und mit viel synthetischem Sound. Passend fürs Gastgeberland gibt es dann auch noch die orientalische Note und das Ganze ist natürlich perfekt durchchoreographiert! Interessieren wir uns da noch für den Text? Tooji singt Englisch und es geht um Musik, die ihn frei macht und den Rhythmus, den er spürt und um Leute, die ihm zurufen, er solle doch noch lauter aufdrehen und der Gute weiß gar nicht, wie ihm geschieht und möchte natürlich nur, dass Du bleibst….usw.

Es ist kein Song mit Seele, aber einer, der es weit bringen dürfte in Baku.

 

Island

Mit viel Seele, aber dafür auch mit weniger Erfolgsaussichten schickt Island Mundu eftir mer, gesungen von Greta Salóme & Jónsi. Gewählt wurde in einer Finalshow mit einer Mischung aus Jury- und Publikumsentscheidung. Jonsi, mit vollem Namen Jón Jósep Snæbjörnsson, kennen wir schon – er vertrat Island 2004 beim Song Contest in Istanbul und belegte damals mit Heaven und einer sehr mäßigen Live-Performance den neunzehnten Platz. Diesmal bekommt er also eine Frau an seine Seite, Gréta Salóme Stefánsdóttir, aus deren Feder die gemeinsame Ballade stammt. Mundu eftir mer heißt: Erinnere Dich an mich und es werden zwei Liebende besungen, die sich - getrennt von Mondlicht und Dunkelheit - auf das besinnen, was sie gemeinsam hatten und die auf das Sonnenlicht hoffen, das die geschiedenen Seelen wieder vereint.

Mit einem Background-Chor und einer Geige wird die rhythmische und auf einen Höhepunkt zustrebende Ballade unterstützt, Moll-Klänge irgendwo zwischen Gregorianik und mittelalterlichem Minnesang, aber leider Klänge, die wir schon allzu oft beim Song Contest gehört haben. Wohltuend zwischen hektischen Performances, aber doch nicht wirklich zündend.

 

 

Ungarn

In Ungarns finaler Entscheidungsshow durfte das Publikum aus acht Beiträgen vier für ein sogenanntes Super-Finale auswählen. Aus diesen vier wählte dann eine Jury (der unter anderem die ungarische Vorjahresinterpretin Kati Wolf angehörte) den ungarischen ESC-Beitrag. Zwei der insgesamt vier Jurymitglieder entschieden sich für Compact Disco mit dem Song Sound of Our Hearts.

Behnam Lotfi, Gábor Pál und Sänger Csaba Walkó gründeten die Elektronik-Pop-Band 2008, Bassist Attila Sándor stieß 2010 hinzu. Sie waren im vergangenen Jahr für diverse ungarische Preise nominiert und vertraten ihr Land bei den MTV Music Awards 2011.

Sound of Our Hearts ist ein schöner ruhiger Synthie-Pop-Song, vorgetragen mit einer spannenden, schönen, manchmal leicht brüchig wirkenden Stimme. Es ist ein Lied, das ich gerne im Radio hören würde, wenn ich mit dem Auto in Australien unterwegs wäre – mit viel Weite um mich herum. Der Text ist nachdenklich und besser als alles, was in den vergangenen Monaten zumindest politisch so aus Ungarn zu lesen war: Man könne sagen, dass es sowieso überall dasselbe ist, dass überall nur Hass um uns herum ist, aber wir können zeigen, dass es auch anders geht: es geht um den Klang unserer Herzen, der uns mit anderen Menschen dann verbinden kann, wenn wir bereit sind, zuzuhören – singen Compact Disco. Und die Unterschiede zwischen uns Menschen, verschiedene Religionen und verschiedene Ansichten, sind nichts Falsches, sondern bereichern unser Leben:

Differences may not be wrong / they enrich the things that we know. Different faiths, different views / All we can do is to turn them in key.

Eine schöne und gut anzuhörende Botschaft für den European Song Contest, die wir bei der derzeitigen politischen Stimmung in Ungarn besonders gerne hören!

 

 

Noch immer ist die Show aus Aserbaidschan nicht zu Ende, aber das macht nichts. Heute wird dort eh nur die Sängerin oder der Sänger, aber noch nicht das Lied für den ESC ausgewählt.

 

Alle bisherigen Beiträge zum ESC finden sich über den Link: ESC-Blogs

 

 

 

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen