Demo in Berlin

Was die Corona-Leugner*innen mit Donald Trump gemeinsam haben

Oliver Jauernig02. August 2020
Am Samstag zogen 20.000 Corona-Leugner*innen durch Berlin, ohne sich an Hygieneregeln zu halten und Seite an Seite mit Rechtsextremen. Das lässt Erinnerungen wach werden an Pegida – und an Donald Trump.

Im zweiten Quartal 2020 ist die deutsche Wirtschaft um 10,1 Prozent eingebrochen. Das übertrifft sogar den Höhepunkt der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2009 als „nur“ ein Rückgang von 7,9 Prozentpunkten zu verzeichnen gewesen ist. Viele Unternehmer und Soloselbstständige blicken mit größter Sorge in eine ungewisse Zukunft. 6,7 Mio. Menschen befinden sich in Kurzarbeit. Das sind die dramatischen Folgen des Lockdowns, mit welchem man auch in unserem Land die Pandemie einzudämmen versucht hat.

Deutschland hat die Situation gut gemeistert

Wenn man den Vergleich mit anderen Nationen zieht, gerade mit den USA Trumps, Putins Russland oder dem Brasilien Bolsonaros, dann haben wir die Situation bis dato dennoch gut gemeistert. Selbst im Vergleich zu Italien oder der zwischenzeitlichen Situation im Elsass. Die getroffenen Maßnahmen und deren Akzeptanz durch die Bevölkerung, die Geschlossenheit und Solidarität untereinander, haben verhindert, dass unser Gesundheitssystem der Zahl der Erkrankten nicht mehr Herr geworden ist.

Uns blieben, bei allen Belastungen, Zustände erspart, in denen Ärzte entscheiden mussten, wer den letzten Beatmungsplatz erhält. Dass Menschen zum Sterben aus den Kliniken nach Hause geschickt werden. Dass das Militär Leichname in Kolonnen abtransportieren oder diese in Massengräbern bestattet werden mussten. Auch deshalb konnten viele Maßnahmen gelockert werden: Es bleibt im Wesentlichen bei der AHA-Regel: Abstand wahren, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen. Und genau dies scheint für zu viele eine Zumutung zu sein, ein zu drastischer Einschnitt in ihre Freiheitsrechte. Nachlässigkeit macht sich breit.

„Ende der Pandemie“ an einem Tag der Corona-Höchstwerte

Während am 1. August die WHO einen neuen Negativrekord vermeldet, wonach sich binnen eines Tages weltweit 292.000 Menschen mit dem COVID19-Virus infiziert haben, verweist das Robert-Koch-Institut auch in Deutschland auf wieder steigende Zahlen. Hier wurden 955 Neuinfektionen registriert – der höchste Wert seit dem 17. Juni.

Fast zeitgleich demonstrieren in Berlin nach Polizeiangaben 17.000 Menschen gegen die noch bestehenden Schutzmaßnahmen und verkünden das Ende der Pandemie. Aufgerufen hatte die Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“. Ursprünglich hatten die Veranstalter in den sozialen Netzwerken bis zu 500.000 Demonstranten angekündigt, und Medienberichten zufolge, geäußert, dass es daran liegen würde, dass Merkel Zufahrtsstraßen und Zugverbindungen nach Berlin hat sperren lassen, falls diese Zahl nicht erreicht werden würde.

Wird Berlin zum Demo-Ischgl?

Die Demonstranten skandierten „Freiheit“, „Widerstand“, „Maske weg!“, „Wir sind die zweite Welle“. Es ist eine doppelt brisante Mischung – inhaltlich, wie quantitativ: 17.000 Menschen, aus ganz Deutschland, weitgehend ohne Mund-Nasen-Bedeckung und ohne ausreichenden Abstand. Sie drohen Berlin zu einem Demo-Ischgl werden zu lassen. Mit unberechenbaren Folgen – für die Wirtschaft und vor allen Dingen für die Gesundheit der Menschen im Land. Unter ihnen finden sich Verschwörungstheoretiker, AfDler, Rechtsextremisten, Antisemiten.

Wahlweise werden Bill Gates, die Juden oder gar eine umfassende Weltverschwörung verantwortlich gemacht. Die Demo, auch von rechtsaußen beworben, fand unter dem Titel „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ statt. „Tag der Freiheit“ lautete auch der Titel der nationalsozialistischen Filmemacherin Riefenstahl über den Reichsparteitag der NSDAP 1935. Dass die Demonstration wegen Verstößen gegen die Hygieneauflagen beendet werden musste, wird vermutlich gleich als neuer Beleg der „Corona-Diktatur“ ins Feld geführt und als Zensur gewertet.

Erinnerungen an Pegida

Dabei erinnern die selbst ernannten Corona-Rebellen an die PEGIDA-Bewegung, die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, die in der Spitze bis zu 25.000 Menschen in Dresden auf die Straße brachte. Auch diese war ein wildes Sammelsurium aus Menschen, die angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen verunsichert waren, aus Populisten, Rechtsextremisten, Neonazis und Unzufriedenen. Aus Menschen, die ihre Freiheit und ihren Wohlstand in Gefahr sahen, der Regierung und den Medien Lügenkampagnen vorwarfen. Die zum Widerstand aufriefen. Die sich bedroht sahen. Von einer Meinungsdiktatur sprachen.

In beiden Fällen machten und machen sich die Demonstranten durch Vermischung der verschiedenen Akteure unweigerlich mit der politischen Rechten gemein. Und diese damit auch immer wieder ein Stück salonfähiger. Beide Gruppierungen, PEGIDA wie auch die Corona-Rebellen, konnten und können dabei mit ihrer Agenda bis weit in die Mitte der Gesellschaft vordringen. Das macht es gefährlich.

Viele Mini-Trumps auf der Straße

Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Hinter den Freiheitsrufen steht letzten Endes nichts anderes als blanker Egoismus, ein „Ich zuerst“. Quasi Trumps „America first“ auf der Mikroebene. Es geht darum, dass man nicht bereit ist, sich aus Rücksicht auf andere einzuschränken. Oder Verantwortung für andere zu übernehmen. Das galt und gilt für Flüchtlinge, welche man dann lieber im Mittelmeer ertrinken oder in Lagern unter unwürdigen Zuständen dahinvegetieren sieht – begleitet von hämischen Kommentaren – ehe sie die den eigenen Wohlstand gefährden können. Und es gilt jetzt und heute für das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder den Verzicht auf Großevents ohne Mindestabstand. Auch wenn man mit diesem Verhalten andere gefährdet.

In beiden Fällen sterben am Ende Menschen.

Der Text erschien zuerst im Blog des Autors.

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Kommentare

Das ist jetzt alles aber doch

Das ist jetzt alles aber doch ein bißchen zu einseitig und nur aus einem Blickwinkel gesehen. Man wird die Skandinavier doch nicht als Corona-Leugner bezeichnen, obwohl dort keine Maskenpflicht besteht! Kann man etwas lernen? Sind wir vielleicht zu sehr von Angst und Bange ergriffen? Fast nirgendwo Maskenpflicht!
https://www.n-tv.de/panorama/Skandinavien-versucht-es-oben-ohne-article2...

ich sehe das

wie sie- hier heult jeder mit den Wölfen- das haben andere zu anderen Zeiten auch schon mal so gehalten, und sind letzten Endes gar nicht gut damit gefahren.
dass gerade der VORWÄRTS hier mitgrölt, ist bedenklich

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Anliegen

der Demonstranten scheint für den Autor aber auch für die SPD wohl zu viel verlangt sein. In Berlin waren klar erkennbar mitnichten im Wesentlichen oder auch nur überwiegend Rechtsextreme am Werk. Es wurde und wird auch von links ausführliche Kritik an der regierungsamtlichen Linie formuliert. Ob man diese nun teilt oder nicht, der o.s. Artikel versucht nicht einmal sich damit auseinanderzusetzen, sondern wählt den Weg der pauschalen Diffamierung. Inwiefern soll das der SPD nutzen?

Auch die Äußerungen unserer Parteivorsitzenden fand ich daneben, weil sie nicht im Ansatz inhaltlich auf irgendein Argument eingegangen ist.

Es scheint so, als würden sich Staat und Medien stark darum bemühen, ein in jeder Hinsicht inhaltsfreies und unrealistisches Bild von den Protestierern zu zeichnen und die SPD mal wieder auf Spitzenebene mittendrin. Die Aufgabe der SPD ist in meiner Welt, den demokratischen und linken Teil solcher Proteste zu integrieren und damit explizit nicht für das demokratische System verloren zu geben. Dieser Anspruch scheint aber nicht mehr zu bestehen.

Ich frage mich, ob ich das durch meine Mitgliedsbeiträge noch länger finanzieren soll

Letzendlich ist es nicht

Letzendlich ist es nicht entscheidend, wieviele Covidioten, wie die Parteivorsitzende völlig daneben gezwischert hat, an den Demonstrationen teilgenommen haben, ob nun 17.000 oder 500.000 sondern es wurde ein misstrauisches Echo positioniert und auch gehört. Das kann nicht mehr ausschließlich in die rechte Ecke geschoben werden.

Zu den Mini-Trumps, Putins und Bolsanaros:

Länder und Regierungen, die in den letzten 100 Jahren beim Massenmord global führend waren bzw. in deren Regierungen sich noch bis in die 70iger Jahre hinein Altzazis tummelten, sollten sich weniger um Politiker anderer Staaten sorgen. Vielmehr sollten sie sich fragen, warum die Ideologie der "Massenmörder" immer noch da ist und deren Anhänger präsenter denn je.

Schon wieder die Nazikeule ?

Dieser Kommentar wurde gelöscht, weil er gegen Punkt 4 unserer Netiquette verstößt.

Was die Corona-Leugner*innen mit Donald Trump gemeinsam haben

Das diese Menschen nicht alle irgendwelche Spinner sind, liegt auf der Hand, ebenso wie man in dieser Größenordnung als Veranstalter eben nicht verhindern kann, dass tatsächlich einige Spinner mitlaufen.
Da im Vorfeld von den Medien und der Politik schon auf die Corona-Skeptiker übelst eingeprügelt wurde, kann man verstehen, dass diese Menschen zu Recht sauer waren. Als im Juni in Berlin gegen Rassismus demonstriert wurde, hat sich niemand um Abstände, Masken und sonstige Schutzmaßnahmen gekümmert und es wurde weder von den Medien, noch der Politik in irgendeiner Form kritisiert. Das Thema hat ihnen wohl besser in den Kram gepasst. Auch Frau Esken äußerte sich nicht negativ. Im Gegenzug jetzt diese Menschen pauschal als "Covidioten" zu bezeichnen sagt einiges aus. Ja Frau Esken, so fängt man Stimmen, oder sorgt vielmehr dafür, dass die SPD da bleibt wo sie ist. Scheinbar gefällt man sich als Steigbügelhalter. Auch Studien die belegen, dass Massenveranstaltungen nicht zu einem Signifikanten Anstieg von Infizierten führen werden gekonnt ausgeblendet. Realitätsverweigerung nennt man so etwas.

Sie sagen es- und

Steigbügelhaltter wird ein gar nicht langer Zeit ein sehr erstrebenswerter zustand sein, unerreichbar für die SPD, wenn sie so weitermacht. Dann wird es wohl heissen: SPD? was ist das denn?

Und wenn ich mich recht

Und wenn ich mich recht erinnere, hat Kevin Kühnert bei den Black Lives Matter-Demos diese ausdrücklich gelobt und keine großen Bedenken wegen dem Verstoß gegen die Corona-Hygieneregeln gehabt.

Im übrigen, bei der Hitze am vergangenen Samstag in Berlin zu der Corona-Demo hätte das Tragen einer Maske für manche auch tödlich enden können, mindestens wären die Leute aber reihenweise umgekippt wegen Hitzeschlag.

Was die "Coviditoten, Corona

Was die "Coviditoten, Corona-Leugner" versus den "Corona-Zeugen" anbetrifft"
Liegt es nicht auch an der unsachlichen Berichterstattung der Mainstream Medien einschl. ARD u. ZdF & Co, die sich alle Mühe geben, den ideologischen Graben zu vertiefen anstatt transparent aufzuklären und beide Seiten einen konstruktiven Dialog zu ermöglichen? Die weitere medial herbeigeführte Spaltung der Gesellschaft und die Erzeugnung eines Klimas der Angst ist unerträglich, wird aber letztendlich nicht zum Erfolg führen. Die Bürger lassen sich nicht mehr alles bieten wie in Berlin zu sehen war.

ja , da

ist was dran- ZDF "Zentrum der Finsternis", kann sicher fortgesetzt werden. Wer sich informieren will und in alle Richtungen sehen, ist gut beraten, sich außerhalb der deutschen Medien zu informieren. Diese sind- und sie können gar nicht anders sein, so wie das organisiert ist- zu Partei und damit zu staatsnah. das auch andere dies Meinung vertreten, deren Meinung ich sonst keinesfalls teilen würde, ändert hieran nichts.

Verstoß gegen Netiquette

Der Kommentar wurde gelöscht, da er gegen Punkt 5 unserer Netiquette verstieß.

https://www.vorwaerts.de/seite/netiquette

Gesellschaft einen ist Aufgabe der Politik

Der Umgang mit diesen Demonstranten zeigt vor allem eins auf: Politik und Medien haben schlicht gar nichts aus den Ereignissen von 2015 und ihrem Umgang mit der Flüchtlingskrise gelernt. Und wenn dann im nächsten Jahr die AfD bei mehr als "nur" 13 % landet wird man wieder völlig überrascht und verwundert sein.

Aufgabe gerade der SPD ist es, unsere Gesellschaft zu einen, statt zu spalten. Der Umgang mit der aktuellen Situation zeigt das Gegenteil. Man muss die Gefahr des Virus ernst nehmen, aber die auch gezeigte Hysterie ist ebenso unsinnig. Wenn sich jetzt teilweise eine Art Corona-Blockwartmentalität herausbildet, ist das genauso problematisch wie die komplette Verharmlosung der Lage.

Es ist durchaus auch besorgniserregend, wie leicht Manche bereit sind, aus Angst vor einem Virus auf Grundrechte zu verzichten. Das erinnert in Teilen an die Leute, die sich nach 1933 schnell angepasst haben, weil die Mittel der Nazis recht waren, um "Ordnung" zu schaffen.

Uns als SPD hat insbesondere die Wirtschaftskrise vermutlich die letzte Chance geraubt, als (Volks-)partei zu überleben. Das wird dem Land langfristig mehr schaden als das Virus.