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Corona in der Fleischindustrie: Wie kann man da nicht zum Vegetarier werden?

Martin Kaysh07. Oktober 2020
Wer in Nordrhein-Westfalen lebt, kommt ums Fleisch nicht herum. Schaut man genau hin, vergeht einem jedoch schnell der Appetit. Da kann man sich manchmal nur noch in die Komik retten.

Um mich herum ist Fleisch. Im Osten liegt Westfleisch, neun Minuten mit dem Auto. Da werden jedes Jahr fünf Millionen Schweine geschlachtet. Ein Schwein für jeden Bewohner des Ruhrpotts, das kann ich mir gut merken. Westfleisch ist eine Fabrik im Industriegebiet. Da soll mir keiner kommen mit idyllischen Bauernhofbildern auf den Hackfleischpackungen in der Kühltheke.

Gute Würste, schlechte Würste

Hertha im Westen, elf Minuten, seit meiner Kindheit undenkbar ohne die Metzgerfrage: „Mit oder ohne?“ Kenner nehmen mit – Knoblauch. Die gute Fleischwurst ist immer „mit“. Soll es geben, gute Würste, schlechte Würste. Mag aber sein, dass der Knoblauch nur den fehlenden Geschmack übertönt. Der Gründer des Unternehmens stellte einst wilde Wolf-Vostell-Kunst vor die Kantine. Ein dicker US-Polizeiwagen mit aufgepflanztem Maschinengewehr rammt ein mächtiges Rind. Viel Blut. Fanden die Arbeiter nicht so prickelnd. Später verkaufte er an Nestlé und gründete einen Biobauernhof, die Hermannsdorfer Werkstätten im Weichbild von München.

TBA Rethmann, Nordwesten, 20 Minuten. TBA – Tierkörperbeseitigungsanlage, „Abdecker“ sagt man ohne agrarakademischen Hintergrund auch. Unvergesslich der meterhohe Berg von toten Kälbern dort in der Sommersonne, 1988, frisch gekeult von angekarrten Ausbeinern. Die Tiere mussten sterben, weil einige Artgenossen in ihren Herden mit illegalen Mitteln behandelt waren. So will es das Gesetz.

Wer isst schon noch Saumagen?

Jetzt waren sie nicht mehr geeignet für den menschlichen Verzehr. Niemand jedoch konnte sie bis an ihr Lebensende durchfüttern. So starben 2300 Tiere an einem langen, blutigen Tag. Der Schlachthof durfte sie nicht nehmen. Dort wird nur getötet, was anschließend auf unseren Tellern landet. Ein Abdecker wiederum hat es nur mit verendetem Vieh zu tun, und mit Gekröse, Knochen, Häuten, mit dem zunehmenden Anteil am Tier, mit dem wir nichts mehr anfangen wollen. Wer isst schon noch Kutteln oder Saumagen?

Da stand ich als Reporter, mitten auf diesem improvisierten Schlachthof im Freien, in so einem Sud aus Blut und Schleim, schaute in die ängstlichen Gesichter junger Kühe, die in den ersten sonnendurchstrahlten Moment ihres Lebens im Freien ungelenk die Rampe vom Viehtransporter herunter staksten, um wenig später vom Gabelstapler auf den schwarzbunten Berg gehievt zu werden. Die Maschinen kamen einfach nicht mehr mit. Wie kann man da nicht zum Vegetarier werden?

Komik statt Moral

Nun komme ich nicht von der Moral, sondern von der Komik. Ich rette mich in den Witz. Bei unserem Alternativkarneval kann ich seit 20 Jahren jedes Jahr nach der Pause mit einem neuen Lebensmittelskandal aufmachen: derzeit Corona und die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Doch zu guter Letzt bleibt mir immer die rhetorische Frage: Wie können wir mit fünf Currywürsten 500 Zuschauer satt machen? Den ersten fünfen geben wir eine Wurst. Den restlichen 495 sagen wir einfach, was drin ist.

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Kommentare

Welche Logik

Also die Zustände in der Fleischindustrie gab es schon vor Corona, also muß Corona nich der Grund sein Vegetarier zu werden. Dann vermischen wir die aktuellen gezeigten Misstände mit der Massentötung von Kälbern, denen Glenbuterol als "Masthilfsmittel" gefüttert wurde, und schon haben wir ein emotionales Bild. An den Verwertungs- und Ausbeutungsbedingungen ändert sich dadurch wohl kaum was.
Wurden damals die Verantwortlichen für die Pharmakafütterung zur Verantwortung gezogen ? Auch das geplante Gesetz zur Regelung der Arbeit in den Schlachtbetrieben scheint mir nicht ausreichend um die Arbeitnehmer zu schützen.
Und dann bleibt die Frage: Warum wird mit dem ganzen Leiharbeit - Werkvertrag-Gedöhns nicht einfach ganz Schluss gemacht, denn nicht nur in der Fleischindustrie arbeiten die Menschen unter Bedingungen, die Friedrich Engels schon 1845 beschrieb.