Warum ich im Bundestag für mehr soziale Gerechtigkeit kämpfen willl

Derya Türk-Nachbaur10. August 2021
Die Corona-Pandemie hat die soziale Schieflage vielerorts vergrößert. Das stellt auch Derya Türk-Nachbaur fest. Zugleich treibt es sie im Bundestagswahlkampf an, um im Bundestag für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

Hey zusammen, ich bin’s wieder. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, ich erinnere mich: beim Rhabarber. Das ist schon wieder so lange her, dass der politische Rhabarber aus dem Hause Türk-Nachbaur schon längst eine Liaison mit der Himbeere eingegangen ist und sich nun in Form von tiefroter Wahlkampfmarmelade im #MissionRotwald- Etikettenmäntelchen dazu aufgemacht hat, all meinen Unterstützer*innen das Frühstück zu versüßen.

Bundesweite Unterstützung im Wahlkampf

Inzwischen komme ich mit dem Marmeladenkochen nicht hinterher. Das freut mich besonders! Denn die Zahl der Unterstützer*innen hat sich rasch und verlässlich vergrößert. Dafür bin ich jeder und jedem einzelnen so unendlich dankbar. Menschen, die mich teilweise nur von Twitter oder Facebook kennen, in fernen Städten sitzen, glauben an mich und spenden für meinen Wahlkampf im tiefen Südwesten. Das ist so unglaublich motivierend!

Bei aller Hektik, die solch ein Bundestagswahlkampf mit sich bringt, nehme ich mir zwischendurch die Zeit, um inne zu halten und dankbar zu sein. Ich fühle mich gesegnet, dass mir so viele Zuversicht ausstrahlende Menschen über den Weg gelaufen sind. Nicht nur deswegen fühle ich mich privilegiert. In den vergangenen  Wochen war ich viel im Wahlkreis unterwegs. Dabei habe ich nicht nur zahlreiche Bürgermeister besucht, sondern auch Firmen und soziale Einrichtungen besichtigt und sehr gute, bereichernde Gespräche geführt. Einrichtungen, die für Menschen da sind, die nicht privilegiert sind. Ich habe Eindrücke mitgenommen, die mich nachhaltig beschäftigen und mich dazu antreiben, dieses Bundestagsmandat zu erringen, damit ich mich für diese Menschen ohne Lobby einsetzen kann. Von einem dieser Termine möchte ich euch gerne erzählen.

Keinerlei Risiko in der Obdachloseneinrichtung

Ralf Großmann und ich sind früh am Morgen verabredet. Während ich auf das Gebäude der Wärmestube zulaufe, sehe ich ihn auf den Treppen sitzen, im Gespräch mit seinen Mitarbeiter*innen. Es gibt einiges zu delegieren: Wer hat was eingekauft? Was wird heute gekocht? Wer kommt heute in die Obdachlosenhilfe zur Beratung? Wem muss noch wie viel ausgezahlt werden? Im Gastraum werde ich von weiteren Mitarbeiter*innen freundlich begrüßt. Sie schnippeln Gemüse. Es riecht sehr appetitanregend und am liebsten würde ich mich zu ihnen in die Küche gesellen.

Wir gehen in Großmanns Büro. Die Fenster sind geöffnet, eine Plexiglasscheibe trennt uns. Der Leiter der Fachberatungsstelle bittet mich, meine Maske nicht abzusetzen. In einer Einrichtung für Obdachlose dürfen wir keinerlei Risiko eingehen. Sie haben es während der vergangenen 15 Monate schon schwer genug gehabt. Vor allem zu Beginn der Corona-Krise war die Situation für viele obdachlose Menschen in der Region besorgniserregend: Aus Sorge um die Helfenden und die älteren Obdachlosen musste auch die Wärmestube in Schwenningen ihre Pforten schließen. Der Großteil der Bürger*innen blieb zu Hause, arbeitete im Home-Office und deckte sich mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln ein, während viele Wohnungslose zeitweise sich selbst überlassen wurden.

Hoffen auf günstige Nudeln

Großmann erinnert an die Hamsterkäufe im Frühjahr vergangenen Jahres. Viele Menschen bunkerten massenhaft Hygieneartikel, Reis und Nudeln. Viele Obdachlose blickten in leere Regale. Sie konnten nichts hamstern und waren darauf angewiesen, dass die unteren Regale mit den günstigen Nudelsorten nicht komplett ausgeräumt waren. Die Regale waren wochenlang leergeräumt. Ohne die Spendenbereitschaft vieler Einzelhändler*innen, Einzelpersonen und das ehrenamtliche Engagement des Fördervereins wäre alles noch viel schlimmer gekommen.

Nicht nur der erschwerte Zugang zu günstigen Lebensmitteln und Hygieneartikeln habe den Wohnungslosen das Leben erschwert, auch die Schließung der Wärmestube als sozialer Treffpunkt traf die Menschen hart. Der Besuch zum Essen in der Wärmestube gebe Vielen Halt und eine Tagesstruktur. Außerdem knüpften sie Kontakte und tauschten sich aus. Außerhalb der durch Corona bedingten Schließungen kehren nicht nur Wohnungslose in die Wärmestube der AWO zum Essen ein. Viele Senior*innen, die mit einer kleinen Rente auskommen müssen, oder auch ältere Menschen, die etwas gegen ihre Vereinsamung unternehmen, trafen sich dort für eine warme Mahlzeit.

„Oftmals ist das Mittagessen hier die einzige warme Mahlzeit, die unsere Gäste zu sich nehmen können.“  Ein vollwertiges Menü mit Beilagen und Dessert zum Mitnehmen kostet 1,50 Euro in der Wärmestube. „Solidaresser“, die keine Transferleistungen beziehen, zahlen drei Euro.

Zeit für das Bürgergeld

Während Großmann erzählt, zieht sich in meiner Brust etwas zusammen. Er erzählt von den Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten, die die Agenda-Politik mit sich gebracht hat. Und ich schäme mich und fühle mich mitverantwortlich, obwohl ich es nicht mit verbockt habe. Doch zu wissen, dass es eine Rot-Grüne Regierung war, die Ungerechtigkeiten bei den in Not geratenen Menschen eingeläutet hat, macht mich wütend. Und ich bin so froh, dass wir Hartz IV überwinden und das Bürgergeld einführen wollen. Ich erzähle Großmann von unserem Bürgergeld und erkläre ihm, wie wir es umsetzen wollen. Seine Meinung dazu interessiert mich wirklich.

„Das wäre ein wichtiger Schritt, der längst überfällig ist.“ Ich bin zumindest etwas erleichtert. Doch viel wichtiger ist für ihn, dass wir all diesen bedürftigen Menschen bezahlbaren Wohnraum anbieten können. „Ohne Wohnung, keine Arbeit.“ sagt er. Der gesellschaftliche Wandel ist nun auch in der Wohnungslosigkeit angekommen. Großmann bestätigt das. Ab 2005/2006 habe man beobachten können, dass die Wohnungslosigkeit nicht mehr ganz so offensichtlich erkennbar ist. Wohnungslose „machen nicht mehr Platte“, es starte oftmals mit Couchhopping und ähnlichem. „Wenn Transferleistungsbezieher*innen ihre Miete nicht mehr bezahlen können, fliegen sie halt raus. Es braucht nur mal die Waschmaschine kaputt zu gehen und schon ist ein Teil der Miete nicht mehr verfügbar.“  Wer bei ihm in der Hilfe landet, hat bereits einiges erlebt.

Es war ein sehr intensiver, aber auch anspornender Termin. Ich bin dankbar, dass es die AWO und solch engagierte Menschen wie Ralf Großmann gibt. Ich wünschte allerdings, dass wir diese Einrichtungen gar nicht erst bräuchten. Dafür will ich mich einsetzen.

Nächste Woche werde ich bei der Tafel in Hornberg arbeiten. Ich wünsche mir sehr, dass wir zukünftig auch die Tafeln nicht mehr brauchen werden, weil endlich wieder umarmende Sozialpolitik gemacht werden kann. Bis dahin will ich die Lobby dieser Menschen sein.

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