Euro-Visionen 2016 – Das ESC-Blog

Beipackzettel zum Finale des Eurovision Song Contest

Martin SchmidtnerMarc Schulte14. Mai 2016
Zum Finale des Song Contests in Stockholm: unsere Infos und Prognosen zum Vorbereiten, Mitlesen und Nachschlagen - vor Risiken und Nebenwirkungen wird gewarnt:

Die Show

Charmant, sehr professionell und mit viel Witz präsentieren die Komikerin und Moderatorin Petra Mede und Vorjahressieger Måns Zelmerlöw das Grand Final des Song Contests. Bereits durch die Halbfinal-Shows haben sie sich in die Herzen der meisten Fans moderiert und einige Geschichten zu erzählen begonnen, die hier im Finale ihre Fortsetzung finden.

Besonders Måns überraschte mit Moderations-Qualitäten, die das schwedische Publikum schon aus der Vergangenheit kennt, die für das internationale ESC-Publikum, das ihn lediglich als gutaussehenden Sieger in Erinnerung behielt, jedoch durchaus eine sehr angenehme Überraschung sind.

Opening

Bereits beim Opening wird das Thema des Finales überdeutlich: nämlich die schwedische Übermacht auf dem internationalen Musikmarkt zu promoten.
Zu ESC-fernen schwedischen Pop-Kreationen wie Avicii ziehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie auf einem Catwalk flankiert von Models ein, die extrem kreative sinnfreie Kleidungs-Deko präsentieren - alles in Weiß!
Dabei werden diesmal keine Landesflaggen mitgetragen, sondern projeziert.

Intervall-Akt und allerlei Werbung

Dass ein Auftritt Justin Timberlakes zum diesjährigen Intervall-Akt gehört, ist erst seit wenigen Tagen bekannt und hat die Fundamentalisten unter den Eurovisions-Fans erzürnt. Zusammen mit der Ankündigung, dass ein schwul-lesbischer Spartensender in den USA erstmalig den Song Contest live übertragen wird, wurde mit Timberlakes Erscheinen auch gleich ein Ausverkauf der Eurovision an die USA prognostiziert.

Beim Jury-Finale am Freitagabend trat er schon mal auf und man hatte den Eindruck, dass er sich bei der Eurovision wohlfühlt und keine Berührungsängste hat und auch im Green Romm fast wie zuhause ist. Er will doch auch nur seinen neuen Sommerhit präsentieren....

Und so ist es eine Win/Win-Situation - Justin entzückt seine europäischen Fans, die EBU erzielt eine gute Quote und die schwedische Popindustrie zeigt voll Stolz auf den Einfluss ihrer Songwriter - zwei von ihnen waren an Justin Timberlakes Can't Stop the Feeling beteiligt.

Und die Präsentation schwedischer Erfolge zieht sich durch den ganzen Abend. Internationale schwedische Charterfolge werden ins Gedächtnis gerufen und der Einfluss Schwedens auf den Song Contest wird bereits seit dem ersten Semi in einer Folge Einspielfilmchen mit dem Titel The Nerd Nation zwar selbstironisch, aber doch mit Nachdruck angepriesen.

Würden die Schweden kein Talent haben, dies witzig und charmant zu verpacken, könnte es auf Dauer langweilig werden, aber ernsthaft: das Geld, das die Ausrichtung des Wettbewerbs kostet, muss doch zumindest in Image umgesetzt werden. Also durchschnaufen, Ihr Radikal-Puristen der Eurovision, und genießen!

Das Rahmenprogramm ist damit nicht abgeschlossen, aber wir wollen auch nicht alles verraten: natürlich darf auch Lynda Woodruff nicht fehlen, Petra und Måns dürfen singen und schließlich lernen wir etwas über die richtige Formel für einen ESC-Erfolg - ein hoher Wiedererkennungswert in dieser Nummer besonders für erfahrene ESC-Fans!

Das Voting

Dass es Änderungen sowohl im Voting als auch in der Bekanntgabe der Punkte gibt, ging in den vergangenen Wochen durch die Presse und die sozialen Medien. Die EBU selbst hat dazu einen Film aus der Reihe Das Telekolleg fabriziert:

In Kürze das Wichtigste auf Deutsch: Die Macht der Jurys wurde eingeschränkt. Ab diesem Jahr vergeben auch sie nur noch 1 bis 8, 10 und 12 Punkte an die 10 besten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. (Früher haben die Jurys alle Teilnehmer durchgewertet und somit die Möglichkeit zum gezielten Abwerten einzelner Beiträge ausüben können - geschehen vor allem bei Conchita Wurst).
Für das Televotimng ändert sich nichts - da werden wie bisher die Anrufe in Punkte für die 10 Besten umgerechnet.

Allerdings ändert sich der Modus der Punkteverlesung. Das bisherige System mit dem Aufrufen der 42 Länder gibt es weiterhin. Statt aller Punkte aus dem Land, also Jurys und Televoter zusammengerechnet, werden in diesem Durchgang nur noch die Jurywertungen aus dem jeweiligen Land bekannt gegeben, wobei die Punkte 1 bis 10 nur eingeblendet werden. Lediglich die 12 Punkte werden noch verlesen - von der Reeperbahn macht dies Barbara Schöneberger für Deutschland.

Anschließend folgt eine zweite Runde der Ergebnisse des Televotings. Als erstes wird das Land mit den wenigsten Televoting-Punkten verlesen, dann das mit den zweitwenigsten und so weiter in zügiger Reihenfolge, bis nur noch die Wertungen für die 10 Länder mit den meisten Punkten aus dem Televoting übrig sind.

Ab da geht es spannungssteigernd langsam weiter, bis am Ende die Entscheidung zwischen den beiden letzten Ländern übrig bleibt, die noch nicht mit Punkten bedacht wurden.

Während des ganzen Prozedere sieht man auch einen Balken mit der Gesamtzahl an zu vergebenen Punkten - das sind zu Beginn 2436 Punkte. Dieser Balken wird nach und nach kleiner bis zu den beiden letzten Ländern.

Hintergrund: In den vergangenen Jahren war oft schon lange vor dem Ende der Punktevergabe klar, wer der Sieger oder die Siegerin ist. Das hat die Spannung zerstört und das wollen Fernsehmacher nicht. Im neuen System bleibt die Spannung erhalten und erst ganz am Ende steht der Sieger oder die Siegerin fest.

Viel Kritik hatte es nach der Ankündigung des neuen Systems gehagelt, aber anscheinend wurde es nun nach viel Protesten doch moderater und nachvollziehbarer umgesetzt. Sprechen wir nach dem Contest wieder darüber - es kommt auf jeden Fall nach den Proben besser an als befürchtet.

Statistik

Der Song Contest lebt von Statistik - einen kleinen Teil wollen wir selbst auch dazu beitragen und haben uns in diesem Jahr das Gender-Mainstreaming vorgenommen:

Aus dem ersten Semi erreichten das Finale: 11 Frauen und 26 Männer.
Aus dem zweiten waren dies: 20 Frauen und 14 Männer.
Die Big 5 und Schweden bringen 11 Frauen und 6 Männer sichtbar auf die Bühne.

Das ergibt fürs Finale insgesamt: 42 Frauen und 46 Männer.

 

Unsere Prognose:

Gerade weil wir im zweiten Semifinale mit 9 der 10 richtig getippten Gewinner einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt haben, werden wir im Finale bestimmt wieder total daneben liegen, aber wir versuchen es mal. Wetten und Tippspiele gehören wie die Wertung zu einem echten Song Contest!

Wir waren lange in Sorge, dass alles auf Russland hinauslaufen würde in diesem Jahr, war es doch extrem vorab gehypt und mit hohen Einstufungen bei den Wettbüros bedacht worden. Die Sorge haben wir nicht mehr. Sicher kann auch Russland noch gewinnen, aber es ist lange nicht mehr der einzige Kandidat auf einen Sieg. Zu blass bleibt eigentlich der russische Auftritt und die Mega-Technik-Show angesichts anderer stimmigeren und ebenso perfekt in Szene gesetzten Titel.

Besonders freuen wir uns über die Songs der Big5 in diesem Jahr. Egal, wo sie letztendlich landen - verstecken müssen sie sich alle nicht, sondern werden heute gemeinsam beweisen, dass sie mit Recht im Finale sind.

Wir tippen auf die ersten 10 Plätze. Dort sollten sich befinden (alphabetish): Australien, Frankreich, Israel, Italien, Lettland, Österreich, Russland, Schweden, Spanien und die Ukraine.
Auf den ersten drei Plätzen landen in unserer Prognose: Australien, Italien und Schweden (in dieser Reihenfolge)!

Wir werden uns hinterher sicher sehr amüsieren über diesen Tipp, der vor allem durch Hoffnung geprägt ist!

 

Alle Titel in Startreihenfolge

01 Belgien – Gute Laune Dauerwelle
Laura Tesoro: What's the Pressure

Das heutige Finale beginnt mit richtig guter Laune, eingebettet in eine farbenfrohe Umgebung, die uns zurück zu Saturday Night Fever bringt. Wozu soll man sich Druck machen? Es gilt das Leben zu leben anstelle sich immer nur Gedanken zu machen, was sein könnte. Der Druck, den Menschen sich aufbauen existiert nur in den eigenen Gedanken: „You gotta do what you want to do, you gotta be who you want to be!“

Botschafterin hierfür ist die 19 jährige mit ihrer Dauerwelle etwas unglücklich frisierte Laura Tesoro, der es mit ihren 2 Tänzern und 2 Tänzerinnen gelingt, die Halle in Stimmung zu versetzen. Die teilweisen schrägen Töne werden dabei vergessen. Sie verwundern umso mehr, wenn man bedenkt, dass im Dunkeln eine Backing-Sängerin ihr Bestes gibt, um hier abzufedern.

02 Tschechien – Ein Neuling im Finale
Gabriela Gunčíková: I Stand

Was wird heute Abend gewinnen? Up-Tempo oder Ballade? Um auf diese Duell aufmerksam zu machen, kommt als Startnummer zwei die erste Ballade des Abends.

Ein Liebesbekenntnis so einfühlsam zu singen, dass man sofort die Berührung seines Partners sucht, dieses Kunststück gelingt der nur  22 jährigen tschechischen Sängerin Gabriela Gunčíková, die auf der Bühne wesentlich älter wirkt und das ja auch soll, denn es geht um eine in einer langen Beziehung gewonnenen Erkenntnis, dass man ohne den anderen niemals hier stehen würde. Absolute Augenweide ist das wundervolle weiße Kleid, das stimmungsvoll beleuchtet voll zur Geltung kommt.

Beim fünften Versuch hat es Tschechien nun endlich zum ersten Mal ins Finale geschafft.

03 Niederlande – Lass die Uhr doch ticken.
Douwe Bob: Slow Down

Runterschalten notfalls bis zum Stillstand! Diese Botschaft in dem vor Hektik und Aufgeregtheit überbordenden Wettbewerb in den 180 Sekunden unterzubringen, die jedem Land zur Verfügung stehen, ist eine Herausforderung, der sich die Niederlande erfolgreich gestellt haben.

Das Rezept Country-Musik geht für unsere westlichen Nachbarn nach den Common Linnets nun mit dem 23-jährige Douwe Bob, dessen Halstätowierung hier keine große Anhängerschaft gefunden hat, nun zum zweiten Mal auf.

04 Aserbaidschan – Haltet die Feuerlöscher bereit.
Samra: Miracle

Ein Wunder war es für uns, dass der aus Sicht der Live-Zuhörerschaft stimmlich nicht so gekonnte Auftritt von Səmra Rəhimli (22) an den Bildschirmen anders wahrgenommen wurde. Eventuell hat man Samras Mikrophon heruntergeschraubt und hauptsächlich die Backing Vocals aufgedreht? Aber so sind halt Wunder. Doch im diesjährigen aserbaidschanischen Beitrag geht es um eine Beziehung ohne ein gutes Ende, die nur ein Wunder retten kann.

Aserbaidschan ist zum neunten Mal dabei und ist jedes Mal ins Finale gekommen, Kosten für eine Inszenierung werden dabei nicht gescheut und so erleben wir auch dieses Jahr wieder ein Feuerwerk an Feuerwerk. 

05 Ungarn – Schreite voran, du großer Pionier.
Freddie: Pioneer

Groß, muskulös, kantiges Gesicht, markante Augenbrauen und ein Blick, der einigen das Herz höher schlagen lässt, zumal wenn der Sänger Freddie (26) dann noch verspricht, als Pionier alles in die Hand zu nehmen. Zusammen mit der rauchigen Stimme, dem Pfeifen der drei perfekt synchron wippenden Backings und einer großen Trommel schaffte Ungarn den Finaleinzug zum sechsten Mal in Folge.  

06 Italien – Sucht Euch sofort jemanden oder etwas zum Kuscheln
Francesca Michielin: No Degree of Separation

Italien startet einen radikalen Angriff auf das Kuschelzentrum. Wie die sanfte Brise über ein Blumenfeld schmeichelt die Stimme der 21 jährigen Sängerin Fransesca Michielin dem Herzen, jetzt muss irgendjemand oder zuminderst irgendetwas gekuschelt werden.

Die Inszenierung unterlegt diese Attacke mit realen Gegenständen auf der Bühne wie Blumen und Luftballons, das Virtuelle wird trotz Kritzeleien per Videoeinblendungen bewusst in die zweite Reihe gestellt.  Die Sängerin wurde beim Festival della canzone italiana in San Remo zwar „nur“ Zweite, da aber die Sieger des Festivals Stadio, wie zuvor bereits angekündigt, nicht nach Stockholm fahren wollten, war nunmehr der Weg offen für die junge Sängerin.

In ihrem Canzone geht es um ein altes und ein neues Leben. Das alte Leben war ein Leben aus der Distanz, ein Leben, in dem der Verstand eine größere Rolle als das Herz spielt und in dem sie sich andauernd im Alarmzustand befand. Jetzt aber hat sie den Abstand aufgegeben, es gibt kein Zögern mehr, denn die Liebe lässt sie gemeinsam mit jemandem Schritt halten, im Himmel tanzen und mit dem Universum in Bewegung bleiben. Schön! Wunderschön!

Die bunten Bänder in Regenbogenfarben an ihrem Mikrophon sind übrigens jene Bänder, die auf dem Festival von San Remo als Zeichen der Solidarität mit den Befürwortern der Homo-Ehe in Italien verwendet wurden. (In Italien stand zu dem Zeitpunkt eine Parlamentsdebatte zum Thema an und Francesca ergriff wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen Partei!)

07 Israel – Wertvoll sind wir alle.
Hovi Star: Made Of Stars

Eine schillernde Person im Stil des jungen Boy George vertritt in diesem Jahr Israel: Der 29-jährige offen schwule Hovi Star besingt wie wichtig es ist, sich immer wieder deutlich zu machen, dass jeder und jede von uns wertvoll ist. Wir alle sind aus Sternen gemacht, auch wenn andere anderes sagen. Diese Selbstzuversicht zu vermitteln und Schwachen in der Gesellschaft Mut zu machen, zu sich zu stehen, darum geht es in diesem Lied.

Made of Stars stammt aus der Feder von Doron Medalie, der im letzten Jahr für das mitreißende Golden Boy, gesungen von Nadav Guedj, den neunten Platz in Wien erreichte. Die akrobatische Einlage des sich drehenden Reifens fügt sich ein wie die vielen Sterne in Form des Hintergrunds und des Goldregens - nur das Ende kommt so plötzlich und unentschlossen.

Dieser Song wird einen festen Platz in der ESC-Geschichte als Hymne erhalten, denn es geht bei diesem Wettbewerb immer auch um Rücksicht, Respekt, Akzeptanz und Toleranz. Und so verwundert es auch nicht, dass das Lied von Hovi Star von sehr vielen in der Halle mitgesungen wird, denn We are made of stars.
 

08 Bulgarien – Der Euroclub Hit Nr. 1
Poli Genova: If Love Was a Crime

Bulgarien ist das zehnte Mal dabei und hat es bisher nur einmal, 2007, ins Finale geschafft. Und jetzt ist Bulgarien der Dancefloor-Hit im Euroclub 2016 gelungen. Sobald die ersten Takte erklingen, rennen alle auf die Tanzfläche und schreien sich die Seele aus dem Leib: „дай ми любовта! – Dai mi ljubowta“, was nichts anderes heißt als „Gib mir Liebe!“

Die 29jährige Bulgarin, zum zweiten Mal nach 2011 dabei, bringt mit ihren leuchtenden Bein-Reifen ein sehenswertes futuristisches Outfit auf die Bühne, um ihr modernes Hohelied der Liebe „Gemeinsam sind wir unantastbar, unbesiegbar – Du und Ich gegen den Rest der Welt - sie werden uns nicht zerbrechen“ zu singen. Besonders umjubelt wird, wenn die Backings am Ende des Songs nach vorne kommen. Hier wird anders als bei vielen anderen Ländern mit offenen Karten gespielt.

09 Schweden – Ein Prinzensohn gibt sich bescheiden.
Frans: If I Were Sorry

Für Schweden tritt der 17jährige Frans Jeppsson-Wall, Sohn eines gekrönten Prinzen von Ogboh (Nigeria) und einer Schwedin, an. Sein Song hebt sich vor allem durch die vermeintliche Schlichtheit der Inszenierung von vielen anderen Nummern dieses Jahrgangs ab. Denn um eine Studiobühne zu imitieren, bedarf es hierfür nur einer großen Projektionswand, vor der Frans singt.

If I Were Sorry ist ein ruhiger und nachdenklicher Song. Es ist etwas passiert, dass die Beziehung gefährdet. Wenn er sich schuldig fühlen würde, dann würde er alles tun, um seine Reue zu zeigen. Doch und das ist die letzte Zeile: Ihm tut es nicht leid!

10 Deutschland – Helft dem Manga-Rotkäppchen
Jamie-Lee: Ghost

Das Markenzeichen der Voice of Germany-Siegerin, die 18 jährige Jamie-Lee Kriewitz, ist der japanische ‚Decora Kei‘-Stil. Sie lebt das Bild des mit großen Augen in die Welt schauenden Mädchens, das sich in einer Fantasy-Welt fragt, ob die Liebesgeschichte nicht eigentlich schon beendet ist? Warum halten wir aneinander fest wie ein Drache an seinem Gold? – Es ist der Geist von Dir, der den Geist von mir jagt.

Schwerer Stoff eigentlich, den die Nürnberger Songwriterin Anna Leyne der jungen Sängerin hier geschrieben hat. Doch Jamie-Lee versteht ihn zu verkörpern.

Und die Inszenierung des durch den unheimlichen Wald wandelnden Manga-Rotkäppchen nimmt beim ersten Sehen sofort gefangen – Jüngere sehen in ihr einen Star, und bei Älteren wird der Beschützerinstinkt geweckt.

11 Frankreich – Mit Amir durch Dick und Dünn
Amir: J'ai Cherché

Für den Euroclub ist immer wichtig, was tanzbar ist: Und das Lied aus Frankreich ist es auf jeden Fall. Die Botschaft ist so einfach wie wichtig:  die Kraft, die ich habe, um meine Ziele zu erreichen, geben mir die Menschen, die zu mir stehen, mich stützen und mit mir durch Dick und Dünn gehen.

Amir, vollständig Laurent Amir Khlifa Khedider Haddad wurde 1984 in Paris als Kind von Juden marrokanisch-tunesisch-spanischer Abstammung geboren.

Und eine Neuerung, die in Frankreich für Kritik gesorgt hat: Der Refrain wird in Englisch gesungen: „You're the one that's making me strong, I'll be looking looking for You, Like the melody of my song” Sofort mitsingbar, auch wenn man den Rest nicht sofort verstehen sollte.

Misslich nur die Inszenierung, die nicht zum authentischen Charme versprühenden Franzosen passt.

12 Polen – Zeitlos altbacken
Michał Szpak: Color of Your Life

Freunde, Freude, Erfolg, Ruhm ist alles nichts, wenn wir keine Liebe im Herzen tragen – es ist unsere Wahl, wie wir unser Leben leben: „Tell me: black or white? What color is your life? Try to ask your heart, who you really are!“

Der 25-jährige Michał Szpak, X-Factor Gewinner 2011 tritt hier an und seine Lockenpracht zusammen mit dem Zirkus-Dompteur-Outfit wird auf jeden Fall in Erinnerung bleiben. Und die Oho-Oho-Oho Sequenz wird in diesem zeitlos altbackenen Lied gerne mitgesungen.

13 Australien – Einsamkeit in den sozialen Medien.
Dami Im: Sound of Silence

Im letzten Jahr nahm Australien erstmals am Song Contest teil, als - so die Ansage damals - einmalige Ausnahme zum 60ten Song Contest. Doch selbst aufgestellte Regeln müssen ja glücklicherweise nicht eingehalten werden, also gibt es 2016 wieder einen australischen Beitrag, der es ganz weit nach vorne schaffen wird - dank perfekter Stimme und perfekter Inszenierung.

Die 27jährige gebürtige Süd-Koreanerin sticht mit ihrer Power-Ballade unter den vielen Balladen des Jahrgangs angenehm heraus. Für den Titel Sound of Silence singt Dami die Ballade ganz schön laut. Doch sie demonstriert die Wucht der nächtlichen Stille, die den eigenen Herzschlag so drängend und laut werden lässt, dass er den Rhythmus des Rufens und Suchens (im Staging ist es die einsame Suche im virtuellen Raum) nach einem geliebten Menschen, der nicht mehr da ist, antreibt. „And I keep calling, calling / Keep calling cause / Now my heart awakes to the sound of silence / And it beats to the sound of silence / And it beats to the sound of silence…“

Trotz aller Vernetzung ist man einsam in der leeren stillen Wohnung. Die wunderbar glitzernde Schönheit bleibt nur Fassade und verdeckt die wahren Gefühle. Unerreichbar hoch, zur Bewegungslosigkeit verdammt sitzt Dami wie ein Ausstellungsstück auf einem hohen Kubus. Von Auftritt zu Auftritt singt sich Dami Im immer weiter hin zur Favoritenposition.

14 Zypern – Das Jaulen der Mittelmeer-Wölfe
Minus One: Alter Ego

Von der Mittelmeerinsel kommt eingängiger Rockpop: „Take it on/ Take it on / and get me through the night/ Take it on/ Take it on/ Unthel the morning light” – schnell hat man die Zeilen im Kopf und vergisst den bösen Blick des Liedsängers, der eh nur gespielt ist. Angesichts des dramatischen Textes (Liebe ist vorbei und alles ist schlimm) erklärt sich auch das Anjaulen des einsamen Wolfes um Mitternacht.

Zypern konnte mit dem vom Schweden Thomas G:son geschaffenen Werk (bisher 11 Lieder beim ESC für 6 Länder) diesmal sogar Griechenland ausbooten. Ob sie sich jedoch mit ihrem artifiziellen Schlager-Rock von den authentischer wirkenden Georgiern abheben können, bleibt spannend.

15 Serbien – Balkaneske Bedeutungsschwere
Sanja Vučić ZAA: Goodbye (Shelter)

Körperliche oder sexuelle Gewalt in einer Beziehung thematisiert der serbische Beitrag: Was für Liebe gehalten wird, entpuppt sich als Unterdrückung und Gewalt. Und trotzdem gelingt es nicht, sich zu lösen. Das Lied beschreibt den letzten Schritt zur Trennung: „Every time I say goodbye, you try to keep me by your side. Gotta fight my way out of your hands, find the shelter from the pain.”

Unterstrichen wird die Botschaft durch die unfassbar kraftvolle Stimme der Sängerin und eine ausdrucksvolle Tanzvorführung von vier Frauen und einem Mann. Die Frauen gewähren einander Schutz, um der Gewalt des Mannes zu entkommen.

Der Einzug Serbiens ins Finale und das Ausblieben dieses Erfolges für Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zeigt: um beim ESC weiter zu kommen, riecht die reine Balkan-Ballade nicht mehr aus, aber auch nicht das Zusammenführen zweier Stile, die sich abwechseln, wie bei Bosnien-Herzegowina und Griechenland Rap und Folklore. Erfolgreich ist in diesem Jahr (siehe auch Ukraine) eher die Symbiose von traditionellen mit sehr modernen Musikelementen .

16 Litauen – Zurück in die 80er Jahre.
Donny Montell: I’ve Been Waiting for This Night

Zurück in die 80er Jahre geht es frisurentechnisch. Blonde Locken und Undercut, wir bitten den Gott der Friseure um Gnade, dass diese Mode nicht wieder in Europa Einzug hält. Donny Montell (eigentlich: Donatas Montvydas) aus Litauen sang in Baku 2012 von blinder Liebe und auch in Stockholm wird er die Übermacht der Liebe besingen, jenen Moment auf den er immer gewartet hat, wenn er in die Augen der Partnerin sieht und weiß, dass sie die richtige sein könnte, wenn die Nacht nur nicht zu Ende ginge: „For a thousand years, through a million tears, with a hungry heart, every day apart, I’ve been waiting for this night“!

Die Bühneninszenierung greift in die Vollen und so wird auch ein Mini-Trampolin zum Einsatz kommen, genauso wie 2012 kommt ein Überschlag vor. Und in jeder Probe versuchte es Donny mit einem neuen Outfit - die weiße Jacke scheint aber gewoirkt zu haben - er kam für uns unerwartet ins Finale.

Bei Litauen weisen wir auf die versteckten fünf Backing-Sängerinnen und Sänger hin, die dem Fernsehzuschauenden nicht gezeigt werden.

17 Kroatien – Licht im Gestrüpp
Nina Kraljić: Lighthouse

Mit der eingängigen Pop-Ballade mit Ethno-Elementen namens Lighthouse gelang Kroatien nach vier erfolglosen Versuchen wieder ein Einzug ins Finale.

Die Inszenierung lässt einem zwar die Augen weiten, leider aber im negativen Sinn: Was soll das Baumgestrüpp-Kleid zu Beginn, das dann nur zerrissen wird, um ein silber-weißes Flatterflügel-Ungetüm entstehen zu lassen, das aussieht, als hätte die Katze mal wieder mit sämtlichen Toilettenpapierrollen gespielt?  Der nach ihrer Veröffentlichung frisch und unverkrampft wirkenden schönen Power-Ballade hat es geschadet.

18 Russland – David-Copperfield-Zauber lässt Proteste verschwinden.
Sergey Lazarev: You Are The Only One

Gehörte es in Kopenhagen und Wien noch zum guten Ton, bei den russischen Liedern zu buhen und die Regenbogenfahne zu schwenken, bleibt bei diesem gutgebauten Mann die Reaktion nahezu aus.

Das eher hausbackene, stimmlich aber perfekt vom 32jährigen, durchaus charmanten Sergey Lazarev vorgetragene Lied erhält eine Verkleidung, die einen drei Minuten in den Bann zieht, und einem in der Halle glauben lässt, in eine Zaubershow gelandet zu sein.

Selbst aus der Nähe geradezu unsichtbare, temporär ausfahrende Trittstufen helfen den Russen weit nach oben.

19 Spanien – Akute Sturzgefahr
Barei: Say Yay!

Spanien bricht mit einer Tradition: Das Lied wird vollständig in Englisch gesungen! Lebensbejahend wird „Hurray“ und „Yay“ geträllert, durch alle Kämpfe, die Barei durchmacht, geht sie gestärkt hervor.
Ein Up-Tempo-Mitmach-Lied, das in seiner Einfachheit wirkt und durch den Clou mit den Tanzschritten als Erkennungs- und Mittanz-Merkmal punkten kann. Dazu passend Turnschuhe mit goldenem Cocktail-Kleid.

Bárbara Reyzábal González-Aller (Künstlername Barei) verbreitet gute Laune und liefert einen Sommerhit, doch bei allem Tanzen hoffen wir mal, dass Barei nicht stürzt.

20 Lettland – Herzklopfen pur.
Justs: Heartbeat

Im letzten Jahr injizierte uns die lettischen Sängerin Aminata Liebe und holte den sechsten Platz, jetzt schrieb sie dem 21jährigen Sänger Justs Sirmais das Lied Heartbeat.

Und seine Stimme ist so rockig-soulig, dass das Sehnen und Verlangen nach dem Herzschlag einer anderen Person und der Schmerz dabei mit den Bässen spürbar werden. Ergänzt um die Holz-Xylophon-ähnliche elektronische Instrumentierung pulsiert der Rhythmus und man schwingt sofort mit. einer der besten Songs des Jahrgangs!

21 Ukraine – Die Geschichte der Krimtartaren
Jamala: 1944

Angesichts der hochmodernen Inszenierungsmaschinerie beim ESC sind Momente von Gänsehaut nur aufgrund des Gesangs selten - Albanien und Frankreich gelang dies in den letzten Jahren und Conchita Wurst holte sich so den Sieg in Kopenhagen. Jetzt aber haut Jamala die Zuhörenden in der Halle einfach nur um - und das mit richtig schwerer Kost. Man hört nicht nur zu, man fühlt mit.

In dem von ihr selbst geschriebenen Klagelied geht es um ein politisches Verbrechen an ihrem Volk, den Krimtataren. Es ist die Erinnerung der Sängerin Susana Dschamaladinowa an ihre Urgroßmutter Nasylchan, die am 18. Mai 1944 mit fünf Kindern aus ihrem Haus im Dorf Kutschuk Osen auf der Halbinsel Krim geholt worden war. Zu einer „Reise“, die ihre einzige Tochter nicht überlebte: ihre Leiche wurde vor den Augen Nasylchans wie Müll aus dem Zug geworfen. Die vier Söhne überlebten.
Ihre Urgroßmutter sah die Krim nie wieder, Jamala selbst kehrte jedoch als Kind 1990 mit ihren Eltern dorthin zurück.

Doch neben der Klage zeichnet die Sängerin ein Bild der Hoffnung; “We could build a future / Where people are free / to live and love. / The happiest time.”

Ihr Song ist eine moderne Elektronic-Beats-Nummer, die mit viel folkloristischen, teils orientalisch anmutenden Gesangselementen zu einem Gesamtwerk verschmilzt.

Beim Wehklagen wird die traditionelle Mugham-Technik angewendet, eine Gesangsform mit persischen und arabischen Wurzeln, deren melodische Intervalle nicht in Noten notiert, sondern von Generation zu Generation weitergegeben werden. Mugham steht auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Zudem ist 1944 das perfekte Beispiel, wie eine Inszenierung punktgenau zum Text passen und diesen visualisieren kann, statt vom Lied abzulenken.

22 Malta – Was gut war, bleibt doch gut, oder?
Ira Losco: Walk On Water

Über das Wasser gehen - für die Malteserin Ira Losco ein passendes Sinnbild für eine große Liebe. Und so, unterstützt von einem Mann, dessen Ausdruckstanz ausgefallen zu nennen ist, erleben wie eine 34 jährige Sängerin, die sich gerne in den Mittelpunkt stellt - kein Wunder, denn sie schaffte 2002 den zweiten Platz für Malta und Malta will den ESC auf jeden Fall einmal austragen. Nachdem Chiara (1998 Dritte, 2005 ebenfalls Zweite) 2009 nur 22te wurde, darf es Ira Losco noch einmal versuchen.

23 Georgien – Was für eine verpeilte Nacht!
Nika Kocharov & Young Georgian Lolitaz: Midnight Gold

Indie-Rock aus Georgien mit etwas düster-erotischem Text: Es geht um einen Filmriss von 10 Stunden und vage Erinnerungen an eine Nacht. Nika Kocharov (ნიკა კოჩაროვი) und seine Band sind von Oasis inspiriert, doch ihren Song ließen sie vom schwedischen ESC-Tausendsassa Thomas G:Son überarbeiten, der auch für den zypriotischen Song verantwortlich ist. Die Inszenierung trägt zum Gesamtbild stimmig bei, sie erinnert an die Anfänge der Musikclips mit Aufteilung und Spiegelung der Bilder, wie zu guten alten Musikladen-Zeiten.

In der Pressekonferenz wollten wir gerne wissen, ob der Songtitel den verklausulierenden Namen einer Partydroge darstellt. Nein, nein – es ginge „nur um Alkohol“ und einen „ganz normalen Hangover“ antwortete Nika. So so…….

24 Österreich – Prinzessin der Herzen
Zoë: Loin d'ici

Wie Freude und Glückseligkeit aussieht, das kann man derzeit wunderbar bei der 19jährigen Zoë Straub beobachten. Nicht nur in ihrem Lied geht sie mit einem breiten Lächeln ihrem Weg, sondern jeder ihrer Auftritte ist wie ein Blumenstrauß an guten Gefühlen.

Schmetterlinge umflattern sie, einb Regenbogen erscheint wie über dem Land von Oz und alles ist natürlich rosig-tuffig-schön, aber man hat eben nicht das Gefühl, dass die Sängerin in einer Traumwelt lebt, denn, wie sie selbst sagt, weiß sie, dass sie am Sonntag aus der Blase fallen wird und lacht dabei und genießt jede Sekunde der applausumtosten Auftritte. Eine ESC-Prinzessin der Herzen!

25 Großbritannien – Augenbrauenzucken und Augenglitzern
Joe and Jake: You´re Not Alone

In einer Entscheidungsshow ließ die BBC aus sechs Acts die Zuschauerinnen und Zuschauer den Act für Stockholm wählen.

Der frische Song von Joe Woodford (21) und Jake Shakeshaft (20) ist ein herrlich unbeschwerter Pop-Love-Song mit klassischen oh-oh-oh-Lauten, in dem es darum geht, dass gemeinsam alles besser geht. Denn „Du bist nicht alleine und wenn du fällst, bin ich dein Fallschirm.“ Selten wurde eine Freundschaft so schön besungen!

Man spürt beim Auftritt der beiden Briten ihre Lebensfreude und deswegen sind es gerade die Close-Ups in der Inszenierung, die zum Punkten animieren werden.

26 Armenien – Erotik und Stimmgewalt pur
Iveta Mukuchyan: LoveWave

Offensichtlicher kann man Erotik fast nicht präsentieren. Iveta Mukuchyan (auch bekannt aus The Voice of Germany), die mit 29 Jahren eine der älteren Teilnehmerinnen im Contest ist, versteht es durch ihr hingehauchtes „Hej, it´s me“ zu Beginn mit dazu gehörigen Berührungen ihres Körpers die Luft zum Knistern zu bringen. Und insofern ist der folgende Sirenenton nur folgerichtig. Fesselnde Stimmakrobatik mit kraftvollen Oh-Ausrufen und armenische Klänge hauen auch denjenigen um, der sich der erotischen Ausstrahlung entziehen kann.

Beim Semifinale ist sie durch eine Provokation gegenüber Aserbaidschan aufgefallen und von der EBU zwar verwarnt, aber anschließend doch mit einem Startplatz am Ende der Show belohnt worden.

Der Schnelldurchlauf

Übertragung und Streaming

Dasa Finale beginnt Samstagabend um 21 Uhr. Wer des live sehen möchte, hat dazu folgende Möglichkeiten:

 

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