Konservatismus

Das Anti-Gender-Telefon in Italien: Eine ganz heiße Nummer

Julia Korbik12. Oktober 2016
In der Lombardei wird zurzeit das „Telefono anti-gender“ erprobt, eine Telefonhotline gegen die „Gender-Ideologie“. Dass es bei dem Thema um eine vielfältige Gesellschaft geht und nicht um eine Indoktrinierung, ist den italienischen Konservativen herzlich egal.

Italien geht es nicht so gut, wirtschaftlich gesehen. Verliert Regierungschef Matteo Renzi das für Dezember angesetzte Referendum zur Verfassungsreform, drohen außerdem Neuwahlen. Die eurokritische „Fünf-Sterne“-Bewegung könnte mit an die Regierung kommen und kündigt für diesen Fall schon mal ein Referendum über den Verbleib in der Eurozone an. Mamma Mia!

Hilfe für besorgte Eltern und ihren Nachwuchs

Doch damit der Sorgen nicht genug. In der Lombardei kämpft man noch gegen ganz andere Probleme, nämlich: die Verbreitung der sogenannten Gendertheorie. Die vom ehemaligen Lega-Nord-Minister Roberto Maroni regierte Region hat im Mai mal eben 30.000 Euro in die Hand genommen, um eine Anti-Gender-Hotline zu finanzieren. „Telefono anti-gender“ nennt sich diese und soll besorgten Eltern sowie Schülerinnen und Schülern Hilfestellung bieten. Wobei? Na, im Kampf gegen die sich rasend verbreitende Gendertheorie an italienischen Schulen!

Grund für die Einführung des Sorgentelefons ist eine von Matteo Renzi durchgesetzte Schulreform. Die Richtlinien dieser Reform geben vor, auch gegen Diskriminierung aufgrund der „Geschlechterorientierung“ vorzugehen. Gegner befürchten hier eine Gelegenheit, die  Gender-Ideologie an Schulen quasi durch die Hintertür einzuführen. Das Ganze erinnert an den Kampf um sexuelle Vielfalt im Unterricht an baden-württembergischen Schulen. Ein Gender-Sorgentelefon wurde da allerdings (bisher) nicht ins Spiel gebracht.

„Schluss mit der ideologischen Indoktrinierung“

Unter konservativen Italienerinnen und Italienern erfreut sich das „Telefono anti-gender“ natürlich großer Beliebtheit. Die Vereinigung italienischer Eltern, ein Fan von christlichen Prinzipien und Erziehungsmethoden, schloss sich der Ausschreibung an. Momentan befindet sich das (teure) Sorgentelefon in einer zwölfmonatigen Pilotphase. Dass es jeden Cent wert ist, davon ist das zuständige politische Personal in der Lombardei überzeugt.

Das Anti-Gender-Telefon stelle ein „wirkungsvolles Kontrastinstrument zur Genderideologie“ dar, verkündete Cristina Cappellini, zuständig für Kultur, Identität und Autonomie. Nun sei „Schluss mit der ideologischen Indoktrinierung“. Die Lega Nord-Politikerin wurde prompt zum Opfer eines „bombings“ – eines Online-Protests von Menschen, die Cappellinis Begeisterung über das „Kontrastinstrument“ nicht teilen.

Eigentlich geht es um Diversität

Das Telefon ist also da, die Ausbreitung der so gefährlichen Genderideologie vorerst gestoppt. Auch von Papst Franziskus gibt es Unterstützung. Bei seinem Besuch in Polen im Juli empörte er sich: „Heutzutage wird in den Schulen Kindern beigebracht – Kindern! – dass jeder sich sein Geschlecht frei aussuchen kann.“ Es gebe eine „ideologische Kolonialisierung“ – und dazu gehöre auch das Geschlecht. Schon sein Vorgänger Benedikt habe gesagt, „das ist eine Epoche gegen Gott, den Schöpfer“. Papa knows best!

Was diese angeblich so gefährliche und gotteslästerliche Genderideologie anrichtet, steht fest: Die Geschlechter sollen abgeschafft werden. Keine Männer und Frauen mehr, die natürliche Ordnung der Dinge wird auf den Kopf gestellt. Dass es eigentlich um sexuelle und geschlechtliche Diversität geht, um Aufklärung, um den Kampf gegen Diskriminierung und dass prinzipiell jeder Mann oder Frau bleiben kann, der oder die das so möchte – egal. Eher unwahrscheinlich, dass Anrufer der Anti-Gender-Hotline darüber etwas erfahren.

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