Jubiläum

70 Jahre Nordrhein-Westfalen - Was das Land so besonders macht

Martin Kaysh24. August 2016
Was soll man schenken, wenn einer 70 wird? NRW feiert, aber es hat nichts zu verschenken. Keine Hymne, kein Wappentier, das man in Plüsch gießen könnte, allenfalls mit Düsseldorf eine Landeshauptstadt, die man in Köln schätzt wie Wattenscheid – nämlich gar nicht.

NRW hat immerhin ein ableitendes Fließgewässer, den Rhein, an dem es zumindest auf NRW-Gebiet nur deshalb so schön ist, weil man dort zwei bierhafte Getränke kennt, deren Genuss ungeahnte Folgen hat. Ansonsten spült er fort, was Emscher und andere ihm anliefern. Bier können die da nicht, Fußball auch nicht, und Arbeit schon gar nicht. Weshalb man sich NRW vorstellen kann als schmuck verrottendes Industriegebiet mit graugrünen Umland.

NRW ist durch und durch sozialdemokratisch. Die CDU hat hier 1947 ihr Ahlener Programm beschlossen und sich davon nie wieder erholt. Sie stellte mit Karl Arnold den ersten gewählten Ministerpräsidenten. Er bezeichnete sich erfolgreich als christlichen Sozialisten. Jahrzehnte später versuchte sich Jürgen Rüttgers als Arbeiterführer. Er spielte diese Rolle indes noch schlechter als seinen Klassiker „Der Zukunftsminister“. Fünf Jahre später war die Zeit des selbst ernannten Rauerben vorbei. Erbschleicher mag man hier nicht so.

Wenn es ein Wort gibt, das hier zuhause scheint, ist es nicht der Strukturwandel. Auf den hätte ich gerne ein Copyright, das bei mir bei jeder Nennung einen Cent bringt. Es ist die „Gesamthochschule“, Bildung für alle. Arbeiter in die Hörsäle. Umgekehrte Kulturrevolution.

Die SPD hätte auf Wilhelm II. hören sollen. Der wollte angeblich keine Kasernen und keine Hochschulen im Ruhrgebiet. Rein rechnerisch hat die SPD mit jedem neuen Studienplatz zehn Wähler verloren. Das Sozialdemokratische könnte die UNESCO retten. Mit einer „Route der Sozialkultur“.

Das Land hält wohl nur deshalb zusammen, weil der Rheinländer sich so toll findet, dass ihm die Koexistenz anderer Regionen egal ist. Dem Westfalen ist vollkommen egal, wer sich toll findet, und im Grunde ist das Dabeibleiben schon seine härteste Form des Protestes. Die Sitzblockade ist ihm artgerecht. Der Lipper schließlich kam später dazu, und braucht immer etwas länger, auch um zu entscheiden, ob es ihm bei uns gefällt.

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