30 Jahre Mauerfall: Als Millionen in die Röhre schauten

Martin Kaysh24. September 2019
Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall ist die Geschichte von Ossis und Wessis nicht vorbei. Noch immer zeigt man mit dem Zeigefinger auf den anderen. Muss das sein?

Drei Jahrzehnte ist es her. Im Herbst 1989 öffnete sich die Mauer. Immer noch zeigen die aus dem Westen auf die aus dem Osten, verlangen jetzt die Wiedererrichtung des Antifaschistischen Schutzwalls. Die aus dem Osten zeigefingern zurück und lassen sich nicht bevormunden, belügen, aber auch nicht becircen.

Wandelnd angenähert

Um die lange Strecke von drei Jahrzehnten zu begreifen, sollten wir auf das Ende des Ersten Weltkrieges zurückgehen. Schlagen wir 30 Jahre drauf, landen wir im Jahr 1948. Dazwischen liegen Scheidemann auf dem Balkon, die Goldenen Zwanziger Jahre und das Schlimmstmögliche, diese tausend Reichsjahre, die viel zu spät nach zwölfen endeten. 

Dreißig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren wir Deutschen zweimal Fußballweltmeister geworden und hatten beim zweiten Mal gleichzeitig noch den Weltmeister besiegt. Wir hatten uns wandelnd angenähert und wagten mehr Demokratie.

Ein südwesthistorischer Tag

Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall? Wir sind noch zweimal Weltmeister geworden, haben dieses Neuland, dieses Internet betreten. Manchmal aber scheint es, als verharre man in nahem Abstand und wandele weg von der Demokratie. Die SPD hatte jede Menge Vorsitzende. Die CDU hatte nicht ganz so viele Vorsitzende, die aktuelle aber rühmt sich damit, Bahnfreikarten fürs Militär erkämpft zu haben. Annegret Kramp-Karrenbauer ist nicht nur nach 50 Jahren die erste Parteichefin, die hauptamtlich für Kriege zuständig ist, sie macht das offensichtlich auch noch gerne.

Schauen wir als Zeitzeuge, also als natürlicher Feind der Historiker, auf den 9. November 1989. Im Osten saß man in der Sauna, im Westen vorm Fernseher. Da passierte erst mal – nichts, bis dann nach 22 Uhr einer erregt und immer wieder von einem historischen Tag sprach, Holger Obermann, damit aber das gerade übertragene Fußballspiel meinte. Der VfB Stuttgart hatte im DFB-Pokal Bayern München besiegt. Südwesthistorisch.

Marx sah den Untergang der DDR

Anschließend in den Tagesthemen wurde es sachlicher. Reporter Robin ­Lautenbach sendete live von der Berliner Mauer, leider vom falschen Grenzübergang. Tapfer ließ er sich an der Invalidenstraße von einem vorbeilaufenden Mann im Jogginganzug vom historischen Moment an der Bornholmer Straße berichten. Ein paar Westberliner Gaffer standen drumherum, und Millionen in West und Ost schauten in die Röhre.

Zwei Denker sahen klarer. Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben bereits 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei Werden und Untergang der DDR: „Auf diese Weise entstand der feudalistische Sozialismus, stets komisch wirkend durch gänzliche Unfähigkeit, den Gang der modernen Geschichte zu begreifen. Den proletarischen Bettelsack schwenkten sie als Fahne in der Hand, um das Volk hinter sich her zu versammeln. Sooft es ihnen aber folgte, erblickte es auf ihren Hintern die alten feudalen Wappen und verlief sich mit lautem Gelächter.“

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