Christiane Baumann: Manfred „Ibrahim“ Böhme

Die zwei Leben des Manfred „Ibrahim“ Böhme

Julia Hamann26. Dezember 2009

Als Manfred "Ibrahim" Böhme im November 1999 im Alter von nur 55 Jahren in Berlin starb, war er verlassen von allen: Freunde, Bekannte, selbst die Familie hatte sich von ihm losgesagt. Zu
unglaublich war sein Verrat. In seiner 20jährigen Stasi-Tätigkeit hatte er sie alle bespitzelt.

Der Hoffnungsträger

Manfred Böhme, der sich seit 1979 Ibrahim nannte, galt nach dem Fall der Mauer als Hoffnungsträger der soeben gegründeten SPD im Osten. Er war ein Politstar, eine charismatische Persönlichkeit
mit besten Aussichten auf das Amt des Ministerpräsidenten. Auf dem Gothaer Parteitag im Januar 1990 saß er wie selbstverständlich neben Willy Brandt und Egon Bahr. Nicht nur bundesdeutsche
Politiker auch Journalisten waren angetan von ihm.

Der Enttarnte

Bereits zu Beginn des Jahres 1990 kursierten die ersten IM-Gerüchte. Zu dieser Zeit gingen viele "Hinweise" und "Tipps" in den Redaktionen von Nachrichtenmagazinen ein, die auf dem offiziellen
Rechercheweg jedoch schwer verifiziert werden konnten. Noch waren die Stasi-Archive nicht öffentlich zugänglich.

Der Druck auf Böhme wuchs beständig. Sein Stern begann zu sinken. Erste Berichte über seine "inoffizielle" Vergangenheit dementierte er noch entschieden: "Ich bin zu keiner Zeit … als
Mitarbeiter der Stasi tätig gewesen", erklärte er am 23. April im Spiegel.

Die vielen Gerüchte und Verdachtsmomente ließen sich aber nicht entkräften. Im Gegenteil: Der Schriftsteller Reiner Kunze, der selbst von Böhme jahrelang bespitzelt wurde, lieferte im
Dezember 1990 eindeutige Beweise. Er veröffentlichte unzählige IM-Berichte seines einstigen Freundes. Böhmes Verrat war nun offenkundig.

Der Widersprüchliche

Auch 10 Jahre nach seinem Tod, gibt Böhmes schillernde Biografie Rätsel auf. Gerüchte, Halbwahrheiten und Legenden verleihen seiner Person auch heute noch etwas geheimnisvolles, nebulöses.
Böhme selbst verbreitete immer neue Versionen seiner Lebensgeschichte. Als Meister des Bluffens erfand er seine Vita stets neu, je nach Facon.

Nach seiner Enttarnung und dem damit verbundenen Verlust aller Ämter vereinsamte Böhme. Zuflucht und Trost suchte er im Alkohol. Aus dem umtriebigen, eloquenten Mann wurde ein bettlägeriger,
depressiver Pflegefall - ein dankbares Thema für die Boulevardpresse. Zahlreiche Reporter suchten den einstigen Prominenten auf, um über sein nunmehr glanzloses Leben zu berichten.

Während seiner Aufenthalte im Krankenhaus besuchten ihn auch einige seiner ehemaligen Opfer, darunter Ulrike Poppe. Poppe, die 1983 zusammen mit Bärbel Bohley wegen "Verdachts auf
landesverräterische Nachrichtenübermittlung" in Haft saß, suchte nach Antworten. Zu einer Aussprache sollte es jedoch nicht kommen. Manfred "Ibrahim" Böhme leugnete hartnäckig bis zuletzt seine
Stasi-Vergangenheit: "Er leugnete alles, sprach teilweise ziemlich wirr und bezeichnete das Ganze als eine letzte Rache der Staatssicherheit. Es war im Grunde sinnlos."

Christiane Baumann: Manfred "Ibrahim" Böhme. Ein rekonstruierter Lebenslauf, Schriftenreihe des Robert-Havemann-Archivs 15, Berlin 2009, 193 Seiten, 10,00 Euro, ISBN
978-3-938857-08-3


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