Der Ton wird schärfer

Zusammenhalt: Deutschland ist (noch) nicht so gespalten wie die USA

Laura-Kristine Krause12. August 2020
So gespalten wie in anderen Ländern ist die Gesellschaft in Deutschland noch nicht – aber auch hier ist der Zusammenhalt gefährdet.
So gespalten wie in anderen Ländern ist die Gesellschaft in Deutschland noch nicht – aber auch hier ist der Zusammenhalt gefährdet.
In Ländern wie den USA und Polen ist die Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Steht das Deutschland ebenfalls bevor? So schlimm ist es zum Glück noch nicht. Aber ähnliche Tendenzen gibt es auch hierzulande.

Polarisierung, gesellschaftliche Spaltung, Populismus – der Zustand der deutschen Gesellschaft treibt politische Akteure genauso wie viele Bürgerinnen und Bürger seit geraumer Zeit um. Populistische Wahlerfolge und die für das hiesige Parteiensystem rasante Etablierung einer neuen Partei (der AfD) in allen nennenswerten Parlamenten, körperliche wie verbale Angriffe auf Politikerinnen und Politiker von der Bundes- bis in die Kommunalpolitik, der Anstieg rassistischer Straftaten, der schärfere gesellschaftliche Ton (sowohl in den sozialen Medien als auch „offline“) – all das wirft die Frage auf, wie polarisiert Deutschland eigentlich ist. Befinden wir uns auf demselben Weg wie die USA, Polen oder Großbritannien? Zeichnet sich auch hier eine Spaltung in „wir gegen die“, in unversöhnliche Meinungslager ab?

Ideologische Gräben noch nicht so tief

Die Antwort ist ein seufzendes „Nein, noch nicht“. Denn in Deutschland hat die gesellschaftliche Dynamik noch nicht die gleiche Qualität erreicht wie in anderen westlichen Ländern: Weder ist die Gesellschaft so tiefgreifend in allen Lebensbereichen polarisiert wie die US-amerikanische, in der nahezu alle Sachfragen entlang ideologischer Gräben diskutiert werden und Freundeskreise, Familien und Beziehungen unter Kollegen nicht mehr frei von politischen Konflikten sind. Ebenso ist die Bundesrepublik politisch und gesellschaftlich nicht so blockiert wie Großbritannien oder muss sich die deutsche Bevölkerung nicht in einem fast vollständig neu „sortierten“ politischen Gemeinwesen zurechtfinden, wie die Menschen in Frankreich, wo die altbekannte Parteienlandschaft innerhalb weniger Jahre nahezu verschwunden ist. Zudem sind die meisten Menschen hierzulande davon überzeugt, dass es für die Zukunft vor allem wichtig ist, trotz unterschiedlicher Ansichten zusammenzuhalten.

Das zeugt eigentlich von einem realistischen Verständnis gesellschaftlichen Zusammenhalts – es geht nicht um einen Zustand, in dem sich immer alle lieb haben, sondern um die Bereitschaft, in einer pluralistischen Gesellschaft auch ein Stück weit Differenzen auszuhalten.

Spaltung in Deutschland in drei Lager denkbar

Und doch ist die deutsche Gesellschaft nicht in einem Zustand, in dem man sich ausruhen könnte. Denn viele der „Zutaten“ für in anderen Ländern beobachtbare Entwicklungen sind eben auch in Deutschland vorhanden – und treffen auf eine gesellschaftliche Dynamik, die für Deutschland keine Spaltung in zwei unversöhnliche Lager darstellt, sondern eine Dreiteilung der Gesellschaft.

Insgesamt hat unsere Forschung bei More in Common in Deutschland sechs gesellschaftliche Typen identifiziert (die Offenen, die Involvierten, die Etablierten, die Pragmatischen, die Enttäuschten und die Wütenden), die allesamt unterschiedlich auf Gesellschaft blicken. Keiner hat eine gesellschaftliche Mehrheit, das heißt der Zusammenhalt kann letztlich nur gelingen, wenn verschiedene Typen, also Menschen mit sehr unterschiedlichen Ausgangsperspektiven miteinander zurechtkommen. Mit dieser Betrachtungsweise rücken auf einmal nicht mehr unterschiedliche Meinungen in den Fokus der gesellschaftlichen Debatte, sondern die Tatsache, dass Menschen in Deutschland Gesellschaft sehr unterschiedlich erleben und sowohl politisch als auch sozial unterschiedlich gut in sie eingebunden sind.

Denn jeweils zwei der sechs Typen in unserer Gesellschaft nehmen ähnliche „Rollen“ ein: So sind die gesellschaftlichen Stabilisatoren (die Involvierten und die Etablierten) gut in die Gesellschaft eingebunden, mit der Demokratie wesentlich zufriedener als andere und gehören zu denjenigen, die Politikern noch überwiegend vertrauen. Die gesellschaftlichen Pole (die Offenen und die Wütenden) erhalten viel öffentliche Aufmerksamkeit und sie haben deutliche (wenn auch sehr unterschiedliche) Vorstellungen davon, wie Gesellschaft gestaltet werden sollte. Die Wütenden lehnen dabei das politische System in seiner aktuellen Form ab und misstrauen politischen Eliten.

All das gilt nicht für das unsichtbare Drittel (die Enttäuschten und die Pragmatischen), die dritte und vielleicht ungewöhnlichste gesellschaftliche Rolle, die wir identifiziert haben. Die Unsichtbaren sind sozial schlechter eingebunden als andere, häufiger einsam und verspüren die größte Distanz zum politischen System. Sie vertrauen politischen Akteuren und weiteren staatlichen Instanzen weniger als andere, und so verwundert es nicht, dass mehr als die Hälfte der Nichtwählerinnen und Nichtwähler aus dem unsichtbaren Drittel kommt. Auch für zivilgesellschaftliche Arbeit ist das unsichtbare Drittel (u.a. aufgrund des niedrigeren Interesses für Politik) weniger gut greifbar.

Nicht jede Gruppe ist gesellschaftlich gut vertreten

Aus dieser Gesamtlage ergibt sich, dass die Sichtweisen und Perspektiven der Enttäuschten und Pragmatischen derzeit nur unzureichend in den (gesellschaftlichen und politischen) Diskurs einfließen – sie sind de facto unsichtbar in unserer Debatte. Das ist problematisch, denn die Pragmatischen haben den mit Abstand höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund und die Enttäuschten den niedrigsten sozialen Status. Ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen muss jedoch in der Lage sein, sehr unterschiedliche und möglichst alle Menschen in einer Gesellschaft zu erreichen – und von ihnen zu hören. Das ist aktuell nicht der Fall.

Will man Polarisierung in Deutschland also tatsächlich etwas entgegensetzen, ist die bessere gesellschaftliche und politische Einbindung des unsichtbaren Drittels ein guter Anfang. Außerdem sollte eine Grundbedingung des guten Zusammenlebens gestärkt werden: Vertrauen. Aus privaten Kontexten weiß man: Ist Vertrauen einmal verloren, braucht es enorm viel Zeit und Mühe, es wiederzuerlangen. Genau dieser Einsatz scheint aber aktuell gesellschaftlich nötig, denn wir haben es mit einer mindestens doppelten Vertrauenskrise zu tun: einer Vertrauenskrise in die Demokratie und ihre Institutionen sowie einer zwischen den Menschen.

Nur knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland ist derzeit zufrieden mit der Art und Weise wie die Demokratie funktioniert und die wenigsten Bürgerinnen und Bürger vertrauen den politischen Institutionen. Dahinter verbirgt sich tatsächlich eine umfassende und vor allem äußerst grundsätzliche Kritik am politischen Betrieb. So beklagen im Jahr 2019 breite Mehrheiten, dass sich „die Politik“ weder zureichend für ihre Meinung noch für die wichtigen Zukunftsprobleme des Landes interessiere. Diese (empfundene) Unzulänglichkeit bedroht die Legitimation des politischen Systems.

Misstrauen in Politik, Menschen und Medien

Gleichzeitig leidet die gesellschaftliche Substanz unter den Menschen – nur 39 Prozent der Befragten geben an, dass man den meisten Menschen vertrauen kann, knapp ein Drittel der Bevölkerung fühlt sich nicht angemessen respektiert und wertgeschätzt. In Forschungsgesprächen berichten viele Befragte von einem gesamtgesellschaftlich grassierenden Egoismus, der pauschale Vertrauensvorschüsse in die Mitmenschen zusehends erschwere.

Hinzu kommt, dass deutliche Mehrheiten in Deutschland mit dem gesellschaftlichen „Grundton“ hadern, der ihnen zunehmend zu rau wird. Dies gilt insbesondere für den politischen Diskurs, den drei Viertel der Menschen als zunehmend hasserfüllt einschätzen. Ein ähnlich hoher Anteil (73 Prozent) fürchtet in diesem Kontext, Meinungen nicht mehr frei äußern zu können, ohne unmittelbar persönlich angegriffen zu werden. Außerdem vertrauen über 80 Prozent der Menschen am meisten ihrem persönlichen Umfeld für das Erlangen von Informationen; Journalisten und Politik wird deutlich weniger vertraut. Es gehen also auch gemeinsame Informationsräume verloren.

Der Faktor Misstrauen schädigt also den Zusammenhalt in der Bundesrepublik sowohl auf politischer als auch zwischenmenschlicher Ebene. Vertrauen – in Normen, in Regeln und in unsere Mitmenschen – ist ein zentraler Bindestoff von Gesellschaft, der auch kurz- und mittelfristige Unzufriedenheiten kompensieren kann. Vertrauen zu stärken ist also auch wichtig für die Stärkung der Widerstandskraft von Demokratie – und müsste angesichts der Vertrauenskrise auf allen Ebenen unseres Gemeinwesens viel stärker in den Fokus rücken.

Vertrauen wiederherstellen: Jede*r ist gefragt

Die gute Nachricht ist, dass jede und jeder im eigenen Umfeld den Handlungsspielraum hat, Vertrauensaufbau zu anderen Menschen zu fördern und durch Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit einen kleinen Beitrag zu diesem Bindestoff zu leisten. Noch mehr gilt dies außerdem für politische Akteure, denn sie können Vertrauen stiften (oder in Mitleidenschaft ziehen), wann immer sie agieren: durch Verlässlichkeit von Entscheidungen und Prozessen (oder verspielen, durch taktische Manöver) und auch durch eine aufrichtig-kritische Reflexion des demokratischen Prozesses.

Als vertrauensstärkende Maßnahme kann es zudem lohnen, sich ab und an zu erinnern, was eigentlich noch ganz gut funktioniert in dieser bundesrepublikanischen Demokratie, bei aller Ungeduld mit gesellschaftlichem Fortschritt, den der eine oder die andere zu Recht verspüren mag. Denn die Wertschätzung des politischen Kompromisses, Respekt unter handelnden Akteuren verschiedener Parteien trotz unterschiedlicher Meinung in der Sache und eine Medienlandschaft, die nicht entlang schnurgerader politischer Trennlinien sortiert ist – das alles sind Stärken dieser Demokratie, die es zu bewahren gilt und keine Selbstverständlichkeiten. Wie dann wiederum der Blick ins Ausland zeigt.

Dieser Artikel erschien zuerst im IPG-Journal.

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Kommentare

Unkritischer Kadavergehorsam als Rezept für "Zusammenhalt" ?

In letzter Zeit häufen sich "Warnungen" vor gesellschaftlicher Spaltung die aber inhaltlich betrachtet die ungesunde Zielrichtung der medialen Betrachtungen nur unterstützen, statt tatsächliche Ursachen zu benennen.

Im Falle "Corona-Schutzmaßnahmen" zum Beispiel muß man sich fragen, warum die Bürger zum Tragen von "Schutzmasken" gezwungen werden auf deren Verpackung klar steht, das sie gegen COViD 19 wirkungslos sind.

Oder warum die "Warn-App" nicht einmal prüft, ob das Smartphone auf dem sie installiert ist überhaupt einen Chipsatz/Hardware aufweist der das BLE Protokoll unterstützt bzw. warum die "Warn-App" in den Überwachungsfunktionen und bei der persönlichen Verknüpfung (Testergebnisse aufs Smartphone) immer weiter entwickelt wird während die eigentliche Warnungsfunktion dysfunktional verkümmert und der Nutzer keinen informationellen Überblick über Funktionen erhält und nicht einmal Screenshots machen darf.

Statt berechtigte Kritik anzunehmen, erkannte Mißstände zu akzeptieren und zu korrigieren und auf Sachebene die Bürger einzubinden hagelt es Beleidigungen, Strafen und Ausgrenzungen gegen "Covidioten".

Unkritische Unterwerfung einzufordern ist der falsche Weg.

Politik und Medien selbst schuld am Vertrauensverlust

Die Spaltung unserer Gesellschaft auf wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Ebene ist das Ergebnis einer falschen Politik. Es war eben ein großer Fehler, den neoliberalen Thesen der 1980er/90er nachzurennen. Diesen Fehler hat auch die SPD gemacht. Politik und Medien bekommen jetzt ab, was sie selbst verursacht haben.

Das Problem der Medien ist natürlich ihr wirtschaftlicher Überlebenskampf, den die Digitalisierung ausgelöst hat. Die Jagd nach Klicks, etwa durch reißerische Überschriften, hat längst über Sorgfalt und Qualität gesiegt. Da sich viele eilig geschriebene Artikel als fehlerhaft erweisen, sinkt natürlich das Vertrauen in Journalisten.

Viele Politiker haben schlicht keinen Bezug mehr zum Leben von normalen Menschen, und dies merken die Leute einfach. Das teilweise völlig weltfremde Gerede von Politikern ist erschreckend und beschämend für die "einfachen" Mitglieder unserer Partei. Dieser fehlende Bezug zur Mehrheit im Land kann noch schlimme Konsequenzen haben.

Die aktuelle Lage offenbart beide Problemfelder nur nochmal deutlich, hat aber nicht zu diesen Problemen geführt.

Digitaliserung nur zum Vorteil weniger Superprivilegierter !

Dieser Analyse bestätige ich! Für weite Teile der Bevölkerung geraten die Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen durch Digitalisierung unter dem Strich massiv zum Nachteil ! Arbeit wird vielereorts zunehmend verdichtet, Zeit für zwischenmenschliche Kontakte wird dabei mehr und mehr gekappt bzw. wird von Profitmaximierern als überflüssiger "Geldfresser" betrachtet. Die Gesellschaft spaltet sich dabei in mehrere "Kasten" deren Grenzen zumindest nach "oben" immer undurchlässiger werden ! Vermögen wächst, Krisen hin oder her, gefährlich einseitig dort wo es am wenigsten gebraucht wird ! Bescheidenen Wohlstand aus Arbeit erreichen wird immer schwieriger. "Schaffe, schaffe Häusle baue" bleibt nicht mehr als ein Traum für die Allermeisten ! Die politisch mangelhaft begleitete Coronakrise fördert durch die noch weitere Privilegierung großer Digitalkonzerne die Zerstörung analoger Lebenswelten. Heimatverlust im Zeitraffer als Antreiber rechtsnationalistishcer populistischer Tendenzen. Unabhängige Medien immer weiter im Rückgang weil inzwischen die werbefinanzierte, reisserische meist digitale Alternative demokratiegefährdend längst die Oberhand hat! Misstrauen die logische Folge!

Vergleich

Indem man auf einen noch schlechteren verweißt wird man noch lange nicht besser.