Gründung am 19. Juli 1950

Zentralrat der Juden: Seit 70 Jahren Tacheles

Aziz Bozkurt 19. Juli 2020
Der Zentralrat der Juden ist ein Geschenk für Deutschland, meint Aziz Bozkurt, Bundesvorsitzender der SPD-AG Migration und Vielfalt.
Der Zentralrat der Juden ist ein Geschenk für Deutschland, meint Aziz Bozkurt, Bundesvorsitzender der SPD-AG Migration und Vielfalt.
Am 19. Juli 1950 wurde der Zentralrat der Juden in Frankfurt am Main gegründet. Er hat Deutschland zu einem besseren Land gemacht. Dafür gebührt ihm großer Dank.

Schon immer Tachles. Unter diesem Titel starteten sie, der Zentralrat der Juden, einen Podcast zum 70. Jahr ihres Bestehens. Unser gemeinsames Deutschland wäre ein anderes, ein schlechteres, wenn es ihre Stimme nicht gäbe, ihr Tachles. Ihnen gebührt dank, dass sie dieses Land so positiv geprägt haben. Danke und Glückwunsch zu 70 anstrengenden und intensiven Jahren.

Zentralrat der Juden: Ein Geschenk für unser Land

Dabei war es nicht selbstverständlich, dass sich das Judentum im Land der Täter wieder entfalten und wirken konnte. Ein Geschenk für unser Land. Ein Geschenk insbesondere für die Minderheiten in unserem Land.

Ohne sie fiele der Schutzwall gegen Rechts ohne starke Gegenwehr. Ohne sie würde eine moralische Instanz fehlen, die Leitplanken setzt, die das Land immer auf der Spur gegen Antisemitismus und Rassismus hält. Ohne sie wäre unser Land arm dran.

Beispielgebende Solidarität

Wir erinnern uns an große Vorsitzende, wie Ignatz Bubis, der als einer der ersten nach dem Progrom von Rostock-Lichtenhagen vor Ort war und den rechten Umtrieben die Stirn bot. Wir erinnern uns an die Rede von Charlotte Knobloch zum Gedenken an die Reichspogromnacht 2009 in der sie uns vor Augen führte, dass das braune Gedankengut längst in alle Bereiche unserer Gesellschaft eingesickert ist und dass es gerade darauf ankomme, die junge Generation aufzuklären und sie zu weltoffenen Bürgern zu erziehen.

Wir erinnern uns an Paul Spiegel, der erklärte, sich nicht nur für Juden, sondern auch für Flüchtlinge, Aussiedler und andere benachteiligte Minderheiten einsetzen zu wollen. Diese und viele weitere Gesten des Zentralrats zeigten auf, dass sie es nicht einfach zulassen werden, dass in diesem Land noch einmal solch ein Unheil wie vom Nationalsozialismus verbreitet wird.

Ihre Solidarität mit allen Menschen in Deutschland ist beispielgebend und bewundernswert.

Weit entfernt von Normalität

Aufgrund der großen historischen Schuld gerät die enorme Bereicherung unserer Gesellschaft durch das jüdische Leben heute zu oft aus dem Blick. Egal, ob in der Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, einfach in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Wir müssen das Erinnern und Mahnen, welches wir gemeinsam keinen Moment vernachlässigen dürfen, durch die Freude am Heute und dem Zusammenleben ergänzen.

Dieses aufrichtige Interesse muss ehrlich sein und darf nicht ins Folkloristische abdriften. Und erst recht darf es nicht für ein „Weißwaschen“ missbraucht werden.Nach dem Motto: Schaut, wir haben wieder Juden in Deutschland, alles gut und jetzt vergessen wir langsam die Verbrechen Nazideutschlands. Ehrlich zu sein heißt dabei auch, dass wir erkennen, dass wir sehr weit weg von einer Normalität für das jüdische Leben in Deutschland sind.

Weiter die Leviten lesen

Wenn Synagogen oder Schulen permanent bewacht werden müssen, sind wir weit, weit entfernt von einer Normalität. Das beschämt uns. Gerade uns als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Wurde doch die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie maßgeblich durch wichtige jüdische Persönlichkeiten wie Ferdinand Lassalle oder Rosa Luxemburg geprägt.

Wir wünschen uns, dass sie viele weitere 70 Jahre ihre Stimme erheben und diesem Land die Leviten lesen, wenn es sich verirren sollte. Bleiben sie immer so standhaft, egal wie der Wind weht. Und bleiben sie einfach so, wie sie sind. Ihr Tachles ist auch unser Schutz. Masel tov!

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