Benjamin Halevi – Richter im Eichmann-Prozess

„ .. darum wollte man mich beinahe als ›voreingenommen‹ vom Eichmann-Prozess ausschließen .. “

Reinhard Schramm11. April 2011

In der Goethe-Oberschule von Ilmenau
(Thüringen)
gestaltete ich zusammen mit einer Mitschülerin die FDJ-Wandzeitung zum Thema Holocaust. Der Prozess bewegte uns noch stärker, als meine Mutter den
Jerusalemer Richter Dr.
Benjamin Halevi als ihren Schulkameraden und Freund Ernst Levi aus ihrer Jugendzeit in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) erkannte.

Levis hatten als eine der ersten jüdischen Familien ihre Heimatstadt Weißenfels verlassen. Dr. Hermann Levi - der Vater von Ernst Levi - war der Hausarzt und Freund unserer
Familie gewesen.
Mit Ernst Levi besuchte meine Mutter den jüdischen Religionsunterricht bei Kantor Heß. Ernst war nicht diszipliniert, aber meine Mutter hielt ihn für den intelligentesten
Jungen.


Die Zeit um den 24. Juni 1922


Rechtsradikale Hetze führte zur Ermordung des
Außenministers Walther Rathenau. Der liberale Jude war nach Erzberger, Liebknecht und Luxemburg das vierte prominente Opfer. Obwohl
erst zwölfjährig, engagierte sich Ernst Levi: "Nach der Ermordung Walter Rathenaus wurde die Saale-Brücke in Weißenfels ›Rathenau-Brücke‹ genannt, und kurz darauf wurde dieser Name mit einem
dicken Teer-Hakenkreuz überschmiert. Ich kletterte auf das Schild am Brückengeländer und kratzte das Hakenkreuz mit dem Taschenmesser meines Vaters langsam ab. Inzwischen sammelte sich eine
Menschenmenge um mich, die gefährlich wurde. Da kam Herr Pömpner, der Inhaber eines Geschäfts für Emaillewaren (?) in der Jüdenstraße, nahm mich in seinen Schutz und begleitete mich nach Hause.
All das zehn Jahre vor der Machtergreifung!"

Nachdem Ernst Levi das Weißenfelser Reformrealgymnasium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, studierte er in Freiburg, Göttingen und Berlin Mathematik, Naturwissenschaft und
Recht. Am 23. Juni 1933 promovierte er mit 23 (!) Jahren an der Juristischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute: Humboldt-Universität zu Berlin). Professor Wolff
charakterisierte Ernst Levi als einen Doktoranden, "der schon während seiner Studienzeit als Jurist von besonders großen Fähigkeiten hervorgetreten ist." E
rnst Levi verteidigte seine Dissertation mit dem Prädikat "magna cum laude".


Aprilboykott 1933

Louis Reiter, der 1933 nach Berlin und Frankfurt und 1935 nach Palästina ging, schrieb 1998 über Levis: "Ich hatte nur noch wenig Verbindung zu den zionistischen Jugendkreisen
in Weißenfels. Ich weiß nur, dass Ernst Levi viel dazu beitrug, dass so viele Weißenfelser nach Palästina kamen. Sein Vater war schon Anfang der 30er Jahre ein sehr liberaler Jude, aber
eifriger Zionist."

Bei dem Aprilboykott 1933 hatten vor der Wohnung der Familie Levi SA-Männer die Patienten vor dem Besuch bei dem jüdischen Arzt gewarnt und dessen Wirken behindert. Dr. Levi
arbeitete für alle Arbeiterkrankenkassen. Wegen seiner Fürsorge für ärmste Familien nannten ihn viele den "Arbeiterdoktor".
Eines Nachts wurde er in das "Volkshaus" gerufen. Dr. Levi eilte sofort zu Hilfe. Als er den Patienten versorgt hatte, wurde er von zwei SA-Männern beschimpft und geschlagen. Ein
Bürger half Dr. Levi, nach Hause zu gelangen. Manche Weißenfelser waren erschrocken und empört. Der 62jährige Sanitätsrat entschied sich daraufhin, seine Heimat zu verlassen.

Ernst Levi ging im Juli 1933 nach Palästina. Seine Eltern folgten ihm am Silvestertag des Jahres 1933. Levis hatten denNationalsozialismus frühzeitig begriffen. Sie verloren
ihre Heimat, retteten aber ihre Würde und ihr Leben.


Amtsrichter und Präsident des
Jerusalemer
Distriktsgerichts

Dr. Ernst Levi gab seinen Beruf auf und schloss sich einer landwirtschaftlichen Genossenschaft im Jordantal an, dem Kibbuz Daganiah. Er war der älteste Kibbuz des Landes. Dr.
Ernst Levi - er hieß inzwischen Dr. Benjamin Halevi - schrieb über seinen weiteren Weg: "Mitte 1934, als mein Vater im Alter von 63 Jahren keine ärztliche Praxis mehr gründen konnte, setzte ich
meine Berufsausbildung fort … Mein Vater starb 1939 an einer langen und schweren Herzkrankheit, die wahrscheinlich die Folge der Aufregungen war … Ich wurde 1938 von der englischen
Mandatsregierung als erster jüdischer Einwanderer aus Deutschland als Amtsrichter ernannt. Mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde ich Präsident des Jerusalemer Distriktsgerichts
und 1963 Mitglied des Obersten Gerichtshofes."

Dr. Benjamin Halevi führte bedeutende Prozesse gegen nationalsozialistische Verbrecher. 1961 war er neben
Mosche Landau und
Itzchak Raven dritter
Richter im Eichmann-Prozess. An meine Mutter schrieb er 1989 über diesen Prozess: "Du hast recht, ich habe damals den
Nazi Globke [Hans Globke war Staatssekretär unter Adenauer - R. S.] beim Namen genannt. Ich hatte schon in einem früheren Prozess wichtige
Persönlichkeiten wegen ihrer Beziehungen zu den Nazis angeprangert, und darum wollte man mich beinahe als ›voreingenommen‹ vom Eichmann-Prozeß ausschließen … Meine ›Voreingenommenheit‹ begann
schon in meiner Weißenfelser Kindheit", als er sich gegen die Schändung des Namens Rathenau engagierte.


Von 1969 bis 1981 war Dr. Halevi Abgeordneter der
Knesset

, des israelischen Parlaments, zuletzt als Vizepräsident.
Seine Einstellung zu Deutschland und zur deutschen Sprache beschrieb er in seinem 80. Lebensjahr: "Ich dagegen bin seit 1933 weder an deutscher Literatur noch an Deutschland
überhaupt interessiert, so viel ist zwischen uns gefallen … Ich sehe meine Hauptleistungen nicht in Schul- und Universitätsauszeichnungen, sondern in meinen Mannesjahren, auf dem Weg vom jungen
Einwanderer bis zum Richter im Eichmann-Prozeß und Mitglied des höchsten israelischen Gerichtshofs."

Neben dieser nüchternen
Beschreibung gibt es auch sehr herzliche und feinfühlige Briefe an seine Bekannten in der damaligen DDR. Man spürt sein Bemühen, in diesem geteilten Land niemanden ungerechtfertigt
zu verletzen.
Die Weißenfelser Gedenkfeiern und die Veröffentlichungen im Jahre 1988 anlässlich der Judenpogrome von 1938 hatte Dr. Benjamin Halevi noch aufmerksam verfolgt und kommentiert:
"Die 50jährigen Gedenkfeiern für die Opfer der Progrome … waren nur eine reichlich verspätete, schwache Anerkennung der Schuld der großen Majorität. Und doch war es eine späte Ehrung der
Ermordeten und des verschmähten jüdischen Volkes, für die Dank gebührt."

Schroff ist sein Urteil über Juden, die ihre eigene Geschichte zu wenig beachten. Dem Weißenfelser Jungen von einst und späteren Chefredakteur der "New York Times"
Max Frankel (Max Fränkel) machte er diesen Vorwurf. Ob er seine Meinung nach dem Erscheinen Frankels Buch "The Times of My Life and My
Life with THE TIMES" geändert hätte, bleibt unbeantwortet.

Als seine Frau am 15. Februar 1990 starb, war er nicht allein. Sein Sohn und drei Enkel leben in Israel. Seine Tochter mit seinen zwei Enkelinnen ist in London verheiratet.
Dennoch verrieten seine Briefe starke Depressionen: "Ich bin zu mitgenommen von meiner Vereinsamung." Sein letzter Gruß an mich kam im September 1990 aus London, wo er sich bis Jahresende bei
seiner Tochter von einer schweren Operation erholen wollte. Dann riss der Kontakt ab. Im Sommer 1996 starb er. In Weißenfels war eine Straße nach Dr. Benjamin Halevi benannt worden.

Als im Jahre 2000 anlässlich Hitlers Geburtstag ein Brandanschlag auf unsere Erfurter Synagoge verübt wurde, nahm ich das zum Anlass, die Herausgabe meines Buche "Ich will
leben …" - Die Juden von Weißenfels (Böhlau 2001 - ISBN 3-412-12700-0) zu beschleunigen. Der Richter Im Eichmann-Prozess Dr. Benjamin Halevi und seine ehemalige jüdische Gemeinde sind nicht
vergessen.

Reinhard Schramm ist
Vizevorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

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