Zur Verfolgung der Sinti in der Nazizeit

Wissenslücken füllen

Gudrun Giese28. Mai 2010

Zu diesem bitteren Schluss gelangte Siegfried Franz vom Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti e.V. kürzlich bei einer Veranstaltung der Amadeu Antonio Stiftung zum Thema im neuen
Ausstellungsgebäude der Stiftung Topographie des Terrors. Auch die relativ geringe Besucherzahl ließ den Schluss auf ein nicht sehr ausgeprägtes Interesse am Schicksal der als "Zigeuner"
diffamierten Bevölkerungsgruppe zu. Dabei erlaubten die zwei gezeigten Filme und die anschließende Diskussion vertiefende Einblicke in die Leidensgeschichte ganzer Sinti-Familien.

Nur vier überlebten den Völkermord

Während im Mittelpunkt des ersten Filmbeitrags die gebürtige Berlinerin Erna Lauenburger stand, die unter ihrem Spitznamen Unku Titelheldin des Romans "Ede und Unku" von Grete Weiskopf
(Pseudonym Alex Wedding) war, verfolgte der zweite Streifen das Schicksal von 27 Angehörigen der Familie Franz während und nach der Nazizeit. Nur vier von ihnen überlebten den Völkermord an den
Sinti und Roma. Johann Franz, Vater des bei der Veranstaltung anwesenden Siegfried Franz', war einer von ihnen.

Die beiden Filmdokumentationen "Was mit Unku geschah" und "Nicht wiedergekommen" wurden vom Alternativen Jugendzentrum Dessau hergestellt. Langjährige Recherchen in Archiven und Ämtern standen
dabei am Anfang, und auch die Dreharbeiten zogen sich über längere Zeiträume hin, wie Jana Müller vom Jugendzentrum berichtete.

Auch nach 1945 an den Rand der Gesellschaft gedrängt

Als besonders wichtig für beide Filme erwies sich dabei die Zeitzeugin Wald-Frieda Weiss, geborene Franz, die sich sehr exakt an viele Details der Verfolgungsgeschichte ihrer Familie erinnerte
und die zudem auch Erna Lauenburger in einem Sinti-Lager in Magdeburg kennenlernte. Die Schwester von Johann Franz überstand Zwangsarbeit, Hunger und Schläge in mehreren Lagern. Beide Filme
basieren neben den Zeitzeugenerinnerungen zudem auf einer Vielzahl recherchierter Fakten über die Angehörigen der Familie Franz sowie vieler anderer Sinti, die zu ihrem Freundes- und
Verwandtenkreis gehörten.

Rund eine halbe Million Sinti und Roma wurden in Nazi-Deutschland verfolgt und ermordet. Der Völkermord an der bis heute größten Minderheit innerhalb Europas ist zwar mittlerweile als Faktum
anerkannt, doch eine umfassende Aufarbeitung steht noch aus. Schließlich wurden Sinti auch nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Siegfried Franz schilderte seine Kindheit und Jugend in den 1950er Jahren, die er in einem "Zigeuner-Ghetto" am Rand von Osnabrück verlebte. "Ich wurde erst spät eingeschult, und Kontakte zur
Mehrheitsgesellschaft hatte ich lange Zeit nicht." Stark belasteten ihn die Schilderungen des Vaters über die erlebten Schreckensjahre in den Konzentrationslagern.

Deutscher Boxmeister von 1933 im KZ ermordet

Inzwischen ist die Kluft ein wenig kleiner geworden. Doch als integraler Bestandteil - das verdeutlichten auch Fragen aus dem Auditorium an Siegfried Franz - der deutschen Bevölkerung werden
Sinti nicht automatisch wahrgenommen. "Sinti leben seit fast 700 Jahren in Deutschland und gehören damit selbstverständlich zu dieser Gesellschaft", stellte Franz klar und stieß mit dieser
Anmerkung wohl noch andere Anwesende auf ihre Wissenslücken über diese große Minderheitengruppe.

Mehr über das Leben und Leiden von Sinti und Roma während der Nazizeit lässt sich auch bei einer Veranstaltungsreihe erfahren, die zwischen dem 10. Juni und dem 16. Juli im Kreuzberger
Viktoriapark stattfindet. Anlass ist die Einweihung des Temporären Denkmals für Johann Trollmann am 9. Juni am selben Standort. Geehrt wird damit der Deutsche Boxmeister im Halbschwergewicht von
1933, der wegen seiner ethnischen Wurzeln inhaftiert und 1944 im KZ Wittenberge ermordet wurde.

Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe werden am 22. Juni auch die Filme "Was mit Unku geschah" und "Nicht wiedergekommen" wiederum gezeigt. Mehr zum Programm unter
www.trollmann.info Die Filme können als DVD zum Stückpreis von 10 Euro beim AJZ e.V., Schlachthofstr. 25, 06844 Dessau, e-Mail:
ajz-dessau@web.de bestellt werden.

Gudrun Giese