Filmtipp: „Bis dann, mein Sohn“

Wirtschaftswandel in China als Familiendrama im Kino

Nils Michaelis15. November 2019
Indirekt ist es der Wandel der chinesischen Wirtschaft, der Yaojun und Liyun (Wang Jingchun, Yong Mei) in „Bis dann, mein Sohn“ aus der Bahn wirft.
Indirekt ist es der Wandel der chinesischen Wirtschaft, der Yaojun und Liyun (Wang Jingchun, Yong Mei) in „Bis dann, mein Sohn“ aus der Bahn wirft.
Zwei Familien, ein tragischer Unfall und der brachiale Weg zur Marktwirtschaft: In seinem Film „Bis dann, mein Sohn“ verknüpft der chinesische Regisseur Wang Xiaoshuai die Umbrüche im Reich der Mitte mit einem zeitlosen Drama um Schuld und Vergebung.

 

Rund 30 Jahre lang verfolgt das Drei-Stunden-Epos „Bis dann, mein Sohn“ einen kleinen Kreis von Menschen in China von den 1980er-Jahren bis weit in die 2000er-Jahre hinein. Unter ihnen sind Gewinner und Verlierer der wirtschaftlichen Öffnung der aufstrebenden Weltmacht, die im Zeichen der erst 2004 aufgegebenen Ein-Kind-Politik zugleich von einer bis ins Intimleben reichenden staatlichen Repression flankiert war.

Dass sich beide Familien entzweien, hat in diesen Umwälzungen seinen Ursprung. Besiegelt wird der Bruch aber dadurch, dass Xingxing, der Sohn von Yaojun und Liyun, bei einem Badeunfall ums Leben kommt. Dessen Freund Hao hatte ihn angestiftet, mit ihm in das Rückhaltebecken eines Stausees zu steigen. Fortan plagen ihn, aber auch seine Eltern, die einst gemeinsam mit Xingxing und dessen Mutter und Vater in einem Arbeiterwohnheim im Norden der Volksrepublik lebten, Schuldgefühle. Haos Mutter hadert aber noch aus einem anderen Grund mit sich.

Tragischer Auftakt

Xingxings Tod gegen Mitte der 90er-Jahre verschafft dem Film einen tragischen Auftakt, doch tatsächlich befinden wir uns bereits mitten in der Geschichte. Diese erzählt Wang nur selten chronologisch, vielmehr wechselt er mittels Rückblenden und Ellipsen beständig zwischen den zeitlichen Abschnitten. Immer wieder fallen dramatische Wendungen in der „äußeren Zeit“ zusammen mit Einschnitten in der „inneren Zeit“ der Protagonisten.

Yaojun und Liyun profitieren kaum von den Verheißungen des roten Kapitalismus. Das moderne China verfolgen sie vom Rand aus. In ihrer ärmlichen Bekleidung wirken sie wie Relikte aus den frühen Jahren nach der Kulturrevolution. Als nach 1990 Liyuns Großbetrieb radikal verschlankt wird, verliert sie ihren Job. Auch bei ihrem Mann könnte es besser laufen. So beschließen die beiden, sich vor all dem chaotischen Neuen abzuschotten. Nach dem Verlust ihres Kindes gehen sie in den Süden, um dort mit einem Adoptivsohn und einer kleinen Werkstatt neu anzufangen.

Im weiteren Verlauf wird klar, dass sie bereits Jahre zuvor ein Kind verloren hatten. Und zwar auf Geheiß der Werksleitung, die seinerzeit für die Geburtenkontrolle unter ihrer Belegschaft zuständig war. Damals begann das Paar am Leben zu verzweifeln, und doch immer irgendwie weiterzumachen. Ganz anders ergeht es Haos Eltern. In den Achtzigern arbeiteten sie sich in der Hierarchie der Metallfabrik, in der auch Xingxings Eltern schufteten, nach oben und waren vorbereitet auf die neuen, wirtschaftsliberalen Zeiten. Drei Jahrzehnte später haben sie mit Immobiliengeschäften ein Vermögen angehäuft. Doch die Schulgefühle sind geblieben.

Brüche mit Langzeitfolgen

Die zeitlichen Sprünge sind anfangs verwirrend. Weil meist wenig gesprochen wird, müssen sich die Zuschauenden die jeweilige Situation, den Kontext, aber auch das Personal selbst erschließen. Die häufigen Wechsel auf der Zeitebene sind allerdings in eine behutsame und ruhige Erzählweise eingebettet, die jede Szene atmen lässt und auch grauenhaften Momenten warme Farbtöne zu verleihen vermag. Das hält nicht nur das Spannungslevel ganz oben. Dadurch wird umso deutlicher, welche Langzeitfolgen die Brüche im Leben von Liyun und Yaojun zeitigen und wie sie damit umgehen. Darin liegt zudem der eigentliche Fokus des Films.

Nicht zuletzt ist es die ebenso kraftvolle wie unaufdringliche Spielkunst der Hauptdarsteller Wang Jingchun und Yong Mei, die dafür sorgt, dass „Bis dann, mein Sohn“ in seiner epischen Dimension, aber auch als Charakterstudie zweier Außenseiter eine überwältigende Wirkung entfaltet. Zu gerne würde man beider Lebensweg weit über das Filmende hinaus verfolgen. Verdientermaßen wurden die beiden Schauspieler bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Somit funktioniert auch die ethische Botschaft dieses Films vor allem dank dieser Protagonisten. Das überraschende, weil hoffnungsvolle Ende der Geschichte ist mit der Erkenntnis verbunden, dass nur derjenige echte Vergebung und eine sichere Zukunft erwarten kann, der sich mit seinen Taten aus der Vergangenheit auseinandersetzt. So hat es Wang, der mit Independent-Filmen bekannt geworden ist und diese Produktion als ersten Teil einer Trilogie über Chinas jüngere Geschichte bezeichnet hat, selbst gesagt. Man könnte diese Ansage wohl auch auf das Pekinger Regime münzen. So deutlich wird Wang an dieser Stelle natürlich nicht, aber sein überaus berührender Film sagt schon genug.

 

Bis dann, mein Sohn (China 2019), ein Film von Wang Xiaoshuai, Kamera: Kim Hyun-seok, mit Wang Jingchun, Yong Mei, Qi.

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