Debatte des „Fortschrittsforums“

Wirtschaftswachstum? Lieber nicht!

Carl-Friedrich Höck26. Oktober 2011

Gegen Ende des Abends schweift Dennis Meadows Blick durch die Sitzreihen im Kongressraum des WZB. Er schmunzelt. "Wir haben heute ein kluges Publikum", sagt der Professor. "Aber es sind kaum
Ökonomen hier. Ökonomen mögen diese Diskussion nicht so gerne."

Die Diskussion, die gerade geführt wird, befasst sich mit der Frage: Ist sozialer Fortschritt ohne Wirtschaftswachstum möglich? Das vor wenigen Wochen gegründete "Fortschrittsforum" hat
hierzu zwei bekannte Ökonomen eingeladen. Der Amerikaner Dennis Meadows sorgte schon 1972 mit der Studie "Die Grenzen des Wachstums" für Aufsehen. Das Buch verkaufte sich weltweit 30 Millionen
Mal. Sein Gegenpart Gustav Horn leitet das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. Eigentlich sollen die Beiden ein Streitgespräch führen. Doch dann sitzen
sie weitgehend einträchtig auf dem Podium und werben für ein neues Verständnis von Wachstum.

Wachstumsgrenze ist erreicht

"Viele Wirtschaftswissenschaftler setzen Wachstum mit einem Anstieg des Brutto-Inlandsproduktes gleich", erklärt Meadows. Diese Definition sei aber nicht zukunftsfähig. "Wir können gar nicht
mehr wachsen. Wenn wir das ignorieren, wird das in einer Katastrophe enden", warnt der Ökonom. Der Hintergrund: mit dem Wirtschaftswachstum steigt auch der Bedarf an natürlichen Rohstoffen, die
aber nur begrenzt vorhanden sind. Gleichzeitig wird die Umwelt zerstört. Meadows ist deshalb überzeugt, dass das Wachstum innerhalb der nächsten Jahrzehnte auf natürliche Grenzen stößt.

Meadows vergleicht die Wirtschaft mit einem Kind, das schnell wächst. Anfangs seien die Eltern meist stolz darauf. Wenn das Kind aber irgendwann 20 Jahre alt ist, seien die Eltern froh, wenn
es aufhört zu wachsen. Stattdessen würden sie sich nun wünschen, dass ihr Kind Sprachen oder fremde Kulturen kennen lernt. Ebenso sei auch das "physische Wachstum" der Wirtschaft in der
Vergangenheit sinnvoll gewesen. Jetzt aber müssten die Menschen andere Formen finden, sich weiter zu entwickeln.

Horn will Wohlstand verteilen

Gustav Horn glaubt dennoch, dass die Wirtschaft auch in Zukunft weiter wachsen wird. Allerdings schlägt er vor, das klassische Wachstum nicht mehr mit Wohlstand gleich zu setzen. Denn
Wohlstand werde dadurch definiert, wie die Früchte des Wachstums verteilt sind. Er verweist auf die Rezession in Deutschland zwischen 2001 und 2005: "Die Wirtschaft ist damals weder gewachsen
noch geschrumpft. Doch trotzdem hatten am Ende Einzelne mehr Geld und Viele weniger."

Was ist also zu tun? Horn schlägt vor, den Wohlstand durch Steuern besser auf die ganze Gesellschaft zu verteilen. Wenn genug Menschen bereit seien, auf maximalen Reichtum zu verzichten,
könne man auch ohne Wachstum mehr Arbeitsplätze schaffen - etwa durch Teilzeitarbeit. Außerdem müsse die Wirtschaft lernen, mit den natürlichen Ressourcen effizienter umzugehen. Meadows bleibt
unkonkret: Jeder müsse selbst erkennen, wie er zu einem neuen und nachhaltigen Wachstum beitragen kann. Derartige Fragen von zentralen Behörden entscheiden zu lassen, lehnt er ab. "Ich halte es
auch für falsch, dass immer mehr Entscheidungen nach Brüssel delegiert werden."

Dabei glaubt Meadows selbst nicht, dass die Menschen ihre Gewohnheiten tatsächlich ohne Zwang hinterfragen. "Es gibt in der Geschichte kein Beispiel, dass sich ein Land verändert hat, bevor
eine Krise eingetreten ist." Doch wenigstens einmal an diesem Abend legt Gustav Horn Widerspruch ein: "Ich glaube nicht, dass wir nur durch Krisen lernen. Wir können auch präventiv
reagieren."


Was ist das Fortschrittsforum?

Das
Fortschrittsforum ist eine gemeinsame Initative der Hans-Böckler-, der Otto-Brenner- und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es wurde am 17. Oktober 2011
gegründet und soll die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Deutschen Bundestags unterstützen. Mit Debatten will es dazu beitragen, den Begriff "Fortschritt" neu zu
definieren und Wege einer nachhaltigen Entwicklung zu finden.

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