125. Geburtstag

Willi Eichler: Wegbereiter des Godesberger Programms

Klaus Wettig07. Januar 2021
Präsidium des Godesberger Parteitags der SPD 1959. Willi Eichler sitzt ganz rechts.
Präsidium des Godesberger Parteitags der SPD 1959. Willi Eichler sitzt ganz rechts.
In der Weimarer Republik engagierte er sich gegen den aufkommenden Faschismus. Nach dem Krieg wurde Willi Eichler zum maßgeblichen Schreiber des Godesberger Programms. Vor 125 Jahren wurde er in Berlin geboren.

Wer sich an die Debatten um das „Godesberger Programm“ erinnert, der kann Willi Eichler nicht vergessen haben. Der hoch gewachsene, mit beachtlicher Rhetorik ausgestattete Sozialdemokrat, dem in schwierigen Situationen sein Berliner Mutterwitz beisprang, war fast ein Jahrzehnt die treibende Kraft für ein neues Parteiprogramm.

Dass das „Heidelberger Programm“ von 1925 durch ein neues Programm ersetzt werden müsse, darüber bestand bei der Wiedergründung der SPD 1946 Übereinstimmung, doch lange besaßen die tagespolitischen Fragen Vorrang: Die getrennten Wege der wiedergegründeten SPD zwischen den westlichen Besatzungszonen und der Sowjetischen Besatzungszone. Der Wiederaufbau der SPD-Organisation. Der Beginn des kommunalen Lebens und die Gründung der Bundesländer. Die Währungsreform. Die Gründung der Bundesrepublik mit dem Umzug von Hannover nach Bonn. Schließlich der Tod des charismatischen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher 1952 und die nachfolgende Neuformierung der SPD-Führung.

Eichler, das theoretisch beschlagenste Mitglied des Parteivorstands

Kurt Schumacher hatte die Frage eines neuen Programms bewusst zurückgestellt, um die Wiedergründung nicht mit einer verfrühten Programm-Debatte zu belasten. Nach seinem Tod und der schweren Wahlniederlage 1953 kamen dann die Arbeiten in Gang. Schon auf dem Parteitag 1952 referierte Willi Eichler über ein Aktionsprogramm, was er 1954 auf dem Berliner Parteitag wiederholte.

Nun musste es vorangehen mit dem neuen Programm. Zunächst eine kleine, dann eine große Programmkommission, in der die wichtigen Tendenzen der sozialdemokratischen Theoriediskussion vertreten waren, sollte die Arbeiten abschließen. Dass Willi Eichler, der unbestritten als das theoretisch beschlagenste Mitglied des Parteivorstandes galt, die Kommissionen organisierte, war eine Selbstverständlichkeit.

Ohne höheren Schulabschluss zum Programmschreiber

Nach Ausbildung und politischem Werdegang war dieses ganz und gar nicht selbstverständlich. Im Unterschied zu früheren Programm-Schreibern hatte Willi Eichler keine höhere Schule besucht, schon gar nicht hatte er studiert. Am 7. Januar 1896 wurde er in einem kleinbürgerlichen Elternhaus in Berlin geboren. Nach dem Volksschulbesuch lernte er einen kaufmännischen Beruf und arbeitete als Kalkulator.

Der Verlauf des Ersten Weltkrieges und der Verlauf der Revolution 1918/19 politisierten ihn. Eichler wurde zu einem Zweifelnden und Suchenden. Intensives Selbststudium führte ihn zu den Schriften des Göttinger Philosophen Leonard Nelson, der mit seiner Idee eines ethisch begründeten Sozialismus Eichler Orientierung verschaffte.

Anführer des „Internationalen Jugend-Bundes“

1922 trat Willi Eichler dem von Nelson gegründeten „Internationalen Jugend-Bund“ (IJB) bei, der junge Menschen in einer Erziehungs- und Lebensgemeinschaft auf intensive politische Arbeit vorbereitete. Bald darauf übernahm Willi Eichler Aufgaben im IJB. Er arbeitete in dem IJB-Schulungsheim Walkemühle, klärte die wirtschaftlichen Probleme und geriet damit in das Blickfeld von Nelson, der ihn als Sekretär des IJB nach Göttingen holte.

Schnell wurde er zur rechten Hand des Philosophen. Da die IJB-Mitglieder in politischen Parteien arbeiten sollten, stieg Eichler bald in der Göttinger SPD auf, die die IJB-Mitglieder dominierten. Nachdem der SPD-Parteivorstand mit der IJB-Führung über die Organisationsweise und die Politik des IJB in Konflikt geriet, endete jedoch diese Karriere. 1925 beschloss der SPD-Parteivorstand die Unvereinbarkeit der Mitgliedschaften. Nelson gründete daraufhin 1926 in Gegnerschaft zur SPD den „Internationalen Sozialistischen Kampf-Bund“ (ISK). Nach dem frühen Tod Nelsons 1927 wurde Willi Eichler der unbestrittene Nachfolger.

Einheitsfront gegen die Faschisten

Der Konflikt zwischen der SPD-Führung und dem IJB hatte sich über Jahre entwickelt, sodass die Trennung vom IJB absehbar war, der sich als Erziehungs- und Lebensgemeinschaft nach strengen Regeln organisierte und wie eine Fraktion wirkte. Obwohl bisher nur an wenigen Orten vorhanden, war die SPD-Führung alarmiert, weil die Attraktivität des IJB anwuchs. Vor allem das strenge Führungsprinzip des IJB störte die SPD-Führung. Eine Organisation, die die Demokratie als politische Organisation ablehnte, wollte sie nicht dulden.

Nach dem Tod von Nelson wuchs der ISK dank der Fähigkeiten von Willi Eichler. Er verlagerte seine Zentrale von Göttingen nach Berlin und erhöhte seine Aktivitäten im Kampf gegen die NSDAP. Ihre Zeitung „Der Funke“ wurde zum Kampfblatt. Die politische Forderung des ISK war die Einheitsfront aller antifaschistischen Kräfte unter Einschluss der KPD. Der ISK kandidierte nie bei Wahlen, sondern warb für andere Parteien. In der Schlussphase der Weimarer Republik für die KPD.

Im Exil wird Eichler zum Pragmatiker

Mit der Machtübertragung auf Hitler kam auch das Ende des ISK. Seine wenigen Büros wurden geplündert; „Der Funke“ verboten. Um der Verfolgung zu entgehen, wurde der ISK 1933 offiziell aufgelöst. Willi Eichler ging zunächst in den Untergrund, bis er im November 1933 Deutschland verließ. Willi Eichler organisierte einen Widerstand aus dem Ausland, seine vielbeachteten „Reinhart-Briefe“ verbreiteten in Deutschland unterdrückte Nachrichten. Der Inlands-ISK existierte bis zu einer Verhaftungswelle 1936.

Willi Eichlers Weg führte über Paris nach London. Stets war er eine wichtige Person in der Vielfalt des antifaschistischen Widerstandes aus dem Ausland. Er hielt die ISK-Emigranten zusammen, suchte daneben den Kontakt zu anderen sozialistischen Partnern. In London wurde daraus die Mitarbeit in der „Union deutscher sozialistischer Organisationen“. Dort bereinigte er seine Differenzen mit der SPD, dort entwickelte er eine veränderte Organisationssicht. Der pragmatische Willi Eichler entstand in der Emigration.

Die ethische Philosophie tritt neben Marx

Seine Vorstellung von der Zukunft des ISK war bei Kriegsende klar: Eine Wiedergründung sollte es nicht geben. Die Mitarbeit in der SPD sah er als einzige Möglichkeit an, um den zweiten Versuch zu einer demokratischen Republik zu sichern. Nachdem ihm Kurt Schumacher für die eintretenden ISK-Leute Sonderrechte zugesichert hatte, setzte Willi Eichler den Eintritt der meisten ISK-Mitglieder in die SPD durch. Trotz ihrer geringen Zahl erreichten sie in der SPD einen beachtlichen Einfluss, was sie ihrer guten politischen Bildung und ihrem unbedingten gesellschaftlichen Einsatz verdankten.

Nachdem Willi Eichler viel Ballast aus der politischen Philosophie Nelsons abgeworfen hatte, schaffte er sogar einen dauerhaften Einfluss der Nelsons auf die Programmatik der SPD: Als bestimmendes Element trat die von Nelson weiterentwickelte ethische Philosophie neben die Marx’sche Geschichtsphilosophie. Die programmatische Grundlage der SPD verbreiterte sich, machte die SPD wählbarer. Mit den gewonnenen Mehrheiten konnte mehr für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden durchgesetzt werden.

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