Gleichstellungspolitik

Wiebke Neumann: „Gleichstellung ist der Markenkern der SPD“

Jonas Jordan20. Dezember 2018
Demonstration zum Weltfrauentag
Transparente Verfahren und wirkliche Beteiligung sollen für mehr Gleichstellung sorgen, hofft Wiebke Neumann.
Wiebke Neumann leitet seit dem 1. September 2018 die Stabsstelle Gleichstellung im Willy-Brandt-Haus. Im Interview mit vorwärts.de spricht sie über die gesellschaftlichen Herausforderungen in diesem Bereich. Trotz vieler Errungenschaften gibt es auch in der SPD noch viel zu tun, sagt Neumann.

Was bedeutet für Sie Gleichstellung?

Gleichstellung ist der Markenkern der SPD. Deswegen sollte es selbstverständlich sein, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben, wenn es zum Beispiel um die Vergabe von Posten geht. Das ist es aber noch nicht immer. Die SPD hat viel erreicht in den vergangenen 155 Jahren, aber noch nicht genug.

In welchem Bereich hat die SPD den größten Nachholbedarf?

Wir müssen vor allem die Sichtbarkeit erhöhen, beispielsweise was Vorbilder angeht. Auf Bundesebene haben wir Vorbilder, auf kommunaler Ebene gibt es deutlich weniger Bürgermeisterinnen, Ortsvereinsvorsitzende oder Stadträtinnen. Da ist es meine Aufgabe, auch auf die positiven Beispiele, die es gibt, hinzuweisen. Auch bei Veranstaltungen sitzen viel zu oft nur Männer auf den Podien. Frauen dürfen allenfalls moderieren. Das ist ein Unding, wenn wir über gesellschaftliche Zukunftsfragen debattieren.

Wiebke Neumann
Wiebke Neumann ist im Willy-Brandt-Haus für den Bereich Gleichstellung verantwortlich.

Was hat Sie in Ihrer neuen Funktion am meisten überrascht?

Im Willy-Brandt-Haus gibt es eine große Offenheit und Sensibilität für das Thema. Viele Arbeitsbereiche bringen eigene Ideen ein, was wir konkret verbessern können. Beispielsweise hatten wir beim Debattencamp bereits paritätisch besetzte Podien. Das hat man auch in der Diskussion gemerkt. Ein überraschend gutes Beispiel.

Der frühere Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende Gerhard Schröder sprach noch von Frauen-, Familien- und Gleichstellungspolitik als „Gedöns“. Wie hat sich der Stellenwert des Themas innerhalb der Partei in den vergangenen 20 Jahren geändert?

Wir reden viel mehr über das Thema, auch ernsthafter darüber, wie wir Debattenkultur leben wollen und es schaffen können, dass sich Frauen stärker einbringen.

Wie kann das gelingen?

Wie gesagt, es geht zum einen darum, gute Beispiele bekannter zu machen. Zum anderen möchte ich  mit der Stabsstelle die einzelnen Gliederungen beraten und ihnen Angebote machen, beispielsweise wenn sie überlegen, welche Frau sie zu einer bestimmten Diskussion einladen können. Dafür möchte ich einen Referentinnenpool schaffen.

Seit der Bundestagswahl 2017 gilt in der SPD das Credo, die Partei müsse jünger und weiblicher werden. Wie kann das in der Praxis gelingen?

Wir können das schaffen, indem wir viel früher anfangen, daran zu denken, dass Frauen bei der Kandidatenauswahl auch eine Rolle spielen. Das fängt schon bei der Ansprache an. Wir brauchen auch auf kommunaler Ebene transparentere Verfahren und wirkliche Beteiligung. Es reicht nicht, dass eine Frau im Bild ist. Wir müssen beispielsweise auch über das Thema Präsenzkultur nachdenken.

Präsenzkultur bedeutet, dass nur diejenigen mitreden dürfen, die anwesend sind?

Genau. Wer immer da ist, hat bessere Chancen. Um einen bestimmten Posten zu bekommen, muss man bei jeder Sitzung anwesend sein. Dass man mal drei Monate raus ist und trotzdem bei der nächsten Mitgliederversammlung wieder gewählt wird, funktioniert in der Partei bislang leider eher selten. Das betrifft ja nicht nur Frauen, sondern viele unserer Mitglieder.

Wir erleben in vielen gesellschaftlichen Bereichen Rückwärtstendenzen in Bezug auf Gleichstellungspolitik. Die AfD tritt offen antifeministisch auf. Sozialdemokratinnen werden für feministische Positionen angefeindet. Was kann die SPD dem entgegensetzen?

Wir müssen Haltung bewahren und dagegenhalten. Die SPD darf nicht wanken und muss ein Vorbild sein. Das funktioniert zum einen über Sichtbarkeit, dass Frauen in Podien und bei Wahlen eine Rolle spielen, zum anderen aber auch über Themen.

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