125. Geburtstag

Wenzel Jaksch: Vom sudetendeutschen Parteivorsitzenden in die SPD

Thomas Oellermann25. September 2021
Letzter Vorsitzender der sudetendeutschen Sozialdemokratie: Wenzel Jaksch bei einem Besuch in London 1938
Letzter Vorsitzender der sudetendeutschen Sozialdemokratie: Wenzel Jaksch bei einem Besuch in London 1938
An der Wiederentstehung der SPD nach 1945 beteiligten sich auch aus der Tschechoslowakei vertriebene Mitglieder der sudetendeutschen Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Vor 125 Jahren wurde ihr letzter Vorsitzender Wenzel Jaksch geboren.

Am 25. September ist es 125 Jahre her, dass Wenzel Jaksch in den Tiefen des Böhmerwalds, im äußersten Süden der heutigen Tschechischen Republik, geboren wurde. Sein politisches Wirken über Jahrzehnte – er ist der einzige Demokrat, der sowohl dem tschechoslowakischen Abgeordnetenhaus als auch dem Bundestag angehörte – ist heute nahezu in Vergessenheit geraten, dabei gehörte er immerhin zum Schattenkabinett Willy Brandts.

Als Arbeiter in Wien

Wenzel Jaksch stammte aus einfachen Verhältnissen und musste daher bereits früh seine Heimat verlassen. Er absolvierte eine Maurerlehre in Wien und schloss sich hier der Arbeiterbewegung an. Der Erste Weltkrieg brachte große Veränderungen in Mitteleuropa mit sich. Als einer der Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns entstand die Tschechoslowakei, die mit ihren 3,5 Millionen Sudetendeutschen vor großen Minderheitenproblemen stand. Die sudetendeutsche Sozialdemokratie hatte zunächst für einen Anschluss der Sudetengebiete an die Republik Österreich geworben und sich nur widerwillig mit dem Verbleib in der Tschechoslowakei abgefunden. Letztlich entwickelte die neu gegründete Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei aber unter ihrem Vorsitzenden Josef Seliger eine Politik der konstruktiven Mitarbeit an den Geschicken des Staates.

Im alten Österreich hatten sich die industrialisierten Gebiete Nord- und Westböhmens zu Hochburgen der Sozialdemokratie entwickelt. Und hier begann Wenzel Jaksch nach dem Krieg seine politische Karriere. Zuerst widmete er sich der Gewinnung der Landbevölkerung für die Sozialdemokratie. Dann aber begann er, für verschiedene sozialdemokratische Tageszeitungen als Redakteur zu arbeiten. In dieser Funktion bereiste er ab Mitte der 20er Jahre wiederholt die Sudetengebiete und zeichnete in wortgewaltigen Reportagen das unglaubliche Elend der Menschen nach. Die Texte verstanden sich auch als Anklage an die seit 1926 amtierende deutsch-tschechische bürgerliche Koalitionsregierung. In der Opposition näherten sich tschechische und sudetendeutsche Sozialdemokraten einander an. Ursprünglich hatte es große Differenzen zur Minderheitenpolitik gegeben.

Im tschechoslowakischen Parlament

Bei den Wahlen Ende 1928 konnte die sudetendeutsche Sozialdemokratie Zugewinne erzielen und wurde Teil einer Mehrparteienkoalition, zu der auch die tschechischen Genossen gehörten. Wenzel Jaksch hatte den Einzug ins Parlament geschafft. Die Regierung stand allerdings unter keinem guten Stern. 1930 setzte auch in der Tschechoslowakei die Weltwirtschaftskrise ein, die ganz besonders die Sudetengebiete traf. Von der Not profitierten wie in Deutschland radikale Kräfte, insbesondere auf der Rechten. 1933 gründete sich die Sudetendeutsche Heimatfront, die den Anspruch einer Sammelbewegung hatte. Unter der Bezeichnung Sudetendeutsche Partei verbuchte diese Bewegung, die in der Nähe zum reichsdeutschen Nationalsozialismus stand, 1935 einen erdrutschartigen Wahlsieg.

Die Sozialdemokrat*innen und Jaksch warnten vor deutschen Verhältnissen und beriefen sich hierbei auf die Berichte der zahlreichen Flüchtlinge aus Deutschland. Diesen wurde über Jahre eine aufopferungsvolle Hilfe gewährt. In dieser Zeit profilierte sich Jaksch zusehends als Erneuerer sozialdemokratischer Politik. Er plädierte zum einen für verbindliche Zugeständnisse der tschechischen Mehrheitsgesellschaft an die deutsche Minderheit. Zum anderen forderte er, die Sozialdemokratie müsse zur Nationalitätenfrage Stellung beziehen und sich nicht allein mit sozialen Fragen auseinandersetzen.

Letztlich forderte Jaksch auch, die Partei möge eine Politik für das ganze Volk machen und nicht nur für die Arbeiterschaft. Diese Positionen stießen nicht überall auf Begeisterung. Dennoch wurde Jaksch 1937 zum Parteivorsitzenden gewählt. Die internationale Entwicklung hatte aber den Spielraum für politische Lösungen zu diesem Zeitpunkt bereits sehr verkleinert.

Flucht auf Skiern

Im September 1938 beschlossen Großbritannien, Frankreich, das Deutsche Reich und Italien in München die Abtretung der Sudetengebiete an das nationalsozialistische Deutschland. Für die sudetendeutschen Sozialdemokrat*inen begann eine Zeit der Verfolgung und Flucht. Als am 15. März 1939 deutsche Truppen auch in Prag einmarschierten, flüchtete Wenzel Jaksch in die britische Botschaft, schlug sich dann maskiert durch Prag durch und überquerte auf Skiern die Grenze nach Polen.

Von hier gelangte er nach Großbritannien, wo er eine starke Exilorganisation aufbaute. Diese geriet bald in Konflikt mit der tschechoslowakischen Exilregierung unter Präsident Edvard Beneš, die zusehends dazu tendierte, die Minderheitenproblematik durch eine Aussiedlung aller Deutschen zu lösen. Jaksch und die sudetendeutschen Sozialdemokraten konnten dem letztlich nichts mehr entgegensetzen. Erschüttert mussten sie im Exil nach Kriegsende die Vertreibung der Sudetendeutschen beobachten.

Neuanfang in Deutschland

Erst 1949, nach Gründung der Bundesrepublik, konnte Jaksch aus dem Exil nach Deutschland einreisen. Wie die meisten sudetendeutschen Sozialdemokrat*innen schloss er sich der SPD an und gelangte bei einer Nachwahl in den Bundestag, dem er bis zu seinem Unfalltod im Jahr 1966 angehörte. Für die hessische Landesregierung erstellte er einen Plan zur Eingliederung der vielen Vertriebenen.

Jaksch war Präsident des Bundes der Vertriebenen und Vizepräsident der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Ebenso stand er seit 1951 der Seliger-Gemeinde vor, der Nachfolgeorganisation der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei. Die Gemeinde verleiht bis heute den Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis für Verdienste um den deutsch-tschechischen Dialog und die europäische Einigung.

Kolumne des SPD-Geschichtsforums

Unter dem Titel „Im Rückspiegel“ beleuchten wechselnde Autor*innen des Geschichtsforums historische Ereignisse, die für die SPD bedeutend sind. Im Rückspiegel eines Autos sieht man bekanntlich nach hinten, aber wenn man ihn etwas kippt bzw. dreht, sieht man sich selbst. Um Vergangenheit und Gegenwart soll es in der Kolumne gehen.

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Kommentare

muss jetzt auch die SPD

die Legende um die so genannte Vertreibung pflegen? Das ist der Sprachgebrauch der Revanchisten, und ich würde mir wünschen, man nähme dies in der Redaktion zur Kenntnis