Vor 30 Jahren

Weil Rau und Lafontaine nicht wollten, übernahm Vogel 1987 den SPD-Vorsitz

Renate Faerber-Husemann14. Juni 2017
Feier zum 90. Geburtstag 2016: Jubilar Hans-Jochen Vogel mit Frau Liselotte und Bruder Bernhard Vogel
Feier zum 90. Geburtstag im Jahr 2016: Jubilar Hans-Jochen Vogel mit Frau Liselotte und Bruder Bernhard Vogel
Vor 30 Jahren übernahm Hans-Jochen Vogel als Nachfolger Willy Brandts den SPD-Parteivorsitz. Damals wurde Brandt geliebt, Vogel respektiert. Heute gilt die Amtszeit des „Mannes mit den Klarsichthüllen“ als gute Zeit für die SPD. Besonders die Frauen haben ihm viel zu verdanken.

Am 14. Juni 1987 wurde Hans-Jochen Vogel nach dem Rücktritt Willy Brandts zum neuen SPD-Parteivorsitzenden gewählt. So etwa wurde der Wechsel vor 30 Jahren innerhalb und außerhalb der SPD kommentiert: Nach dem Visionär Willy Brandt kam der Pflichtbewusste. Auf den Mann mit der bunten Vita und einer faszinierenden Ausstrahlung folgte der Jurist, der als knochentrocken galt, als harter Arbeiter, der sich selbst und seinem Umfeld täglich ein hohes Arbeitstempo abforderte. Auf eine Kurzformel gebracht: Willy Brandt wurde geliebt, Hans-Jochen Vogel geachtet und respektiert.

Die Partei folgte Brandt 1987 nicht mehr

Am 23. März 1987 hatte Willy Brandt nach 23 Jahren seinen Rücktritt vom Parteivorsitz angekündigt. Der Grund war eigentlich lächerlich. Er wollte Margarita Mathiopoulos zur neuen Parteisprecherin machen, obwohl sie nicht einmal SPD-Mitglied war, ja als neoliberal eingeschätzt wurde und über keinerlei praktische politische Erfahrung verfügte. Trotz aller Verehrung für Willy Brandt: Die Partei war empört, ihr Chef  reagierte tief getroffen und sprach vom „Aufstand des Spießertums“.

Hans-Jochen Vogel sah sich selbst als Übergangsvorsitzenden. Er hatte sich wahrlich nicht nach der Aufgabe gedrängt. Doch nachdem sowohl Oskar Lafontaine als auch Johannes Rau abgewinkt hatten, erklärte er in typisch Vogel’schem Understatement: „Ein drittes Mal in sieben Jahren stand ich nach der Berliner Kandidatur und der Kanzlerkandidatur vor der Situation, dass eine Aufgabe auf mich zukam, die kein anderer übernehmen wollte. Deshalb sagte ich Ja.“

Vogel setzte die Frauenquote in der SPD durch

Es waren keine schlechten Jahre für die Partei unter Vogel: Vor allem waren es gute Jahre für die Frauen. Gegen zunächst heftigen (wenn auch selten offenen) Widerstand  setzte er eine Frauenquote durch, die zunächst die SPD, später auch die anderen Parteien veränderte. Auf dem Parteitag von Münster wurde 1988 ein Quotierungsschlüssel abgesegnet und mit Herta Däubler-Gmelin erstmals eine Frau zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Die Quote sah ab 1994 mindestens 40 Prozent Frauen in Parteifunktionen vor und ab 1998 ebenfalls 40 Prozent bei Mandaten. Zwar wurde der Schlüssel nie voll erfüllt, doch immerhin stieg der Frauenanteil in der SPD-Bundestagsfraktion auf über ein Drittel an und die Männer gewöhnten sich daran, auf allen Ebenen der Politik nach weiblichen Kandidaten zu suchen.

Diese moderne Politik hatte Vogel schon als Bundesjustizminister vorangetrieben: Er steht für ein zeitgemäßes Ehe- und Familienrecht, für die Ablösung des Schuldprinzips durch das Zerrüttungsprinzip bei Scheidungen und für ein Ende des Leitbildes der Hausfrauenehe. Auch bei der Reform des Paragraphen 218 stand er engagiert auf der Seite der Frauen.

Und wieder sagte Lafontaine „Nein“

Viele Sozialdemokraten bedauerten, dass Hans-Jochen Vogel 1991 tatsächlich wie von ihm angekündigt mit 65 Jahren sowohl den Parteivorsitz als auch den Vorsitz in der Bundestagsfraktion niederlegte. Er hatte sich engagiert für einen Generationenwechsel in der SPD eingesetzt und fing damit nun bei sich selbst an. Seine Begründung mit milder Ironie war: „Meine Maxime war, man müsse gehen, solange man seinen Mitmenschen  die Bekundungen des Bedauerns noch glauben könne.“

Und wieder lehnte Oskar Lafontaine eine Kandidatur für den Parteivorsitz ab, nachdem er innerhalb der Partei heftig für seinen 1990er Wahlkampf als Kanzlerkandidat kritisiert worden war. Für die SPD begann eine Leidenszeit: Nach Vogel wechselten die Parteivorsitzenden in einem Tempo, wie es das nie zuvor in der Geschichte der mehr als 150-jährigen Partei gegeben hatte: Auf Hans-Jochen Vogel folgte Björn Engholm, der als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ins Gestrüpp der Barschel-Affäre geriet und von allen Ämtern zurücktrat. Sein Nachfolger Rudolf Scharping wurde weggeputscht.

Das schönste Amt nach dem Papst?

Dessen Nachfolger Oskar Lafontaine warf den Genossen beleidigt mit dem Vorsitz auch gleich sein Parteibuch vor die Füße. Gerhard Schröder war als Kanzler ein unwilliger Vorsitzender und ließ sich gern von Franz Müntefering ablösen, für den der Vorsitz (später) „das schönste Amt neben Papst“ war und der dennoch bald kapitulierte. Es folgte Matthias Platzeck, dessen Gesundheit das strapaziöse Amt nicht aushielt. Und dann kam Kurt Beck, der von Parteifreunden ebenfalls aus dem Amt gedrängt wurde. Sigmar Gabriel immerhin hielt sieben Jahre durch und gab den Stab in diesem Jahr weiter an Martin Schulz.

Und Hans-Jochen Vogel? Keiner spricht mehr vom „Mann mit den Klarsichthüllen“. Der 91-Jährige, der vor einigen Jahren seine Parkinson-Krankheit öffentlich gemacht hat, wird in der Partei verehrt: für seine Zuverlässigkeit, für seinen politischen Mut, der dem Land moderne Gesetze beschert hat, für seine Redlichkeit und seine kompromisslose Parteitreue. Und selbst diejenigen, die unter seiner Arbeitswut gelitten hatten, räumen heute ein: Ja, Charme und Humor hat er auch. Und die Klarsichthüllen? Die sorgten einfach für Ordnung.

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