Bundeswehr

Wehrbeauftragte fordert „kritische Bilanz“ des Afghanistan-Einsatzes

Lars Haferkamp05. Juli 2021
Wehrbeauftragte Eva Högl: „Der militärische Einsatz ist nun zu Ende gegangen, wir sollten uns aber weiter für Afghanistan engagieren.“
Wehrbeauftragte Eva Högl: „Der militärische Einsatz ist nun zu Ende gegangen, wir sollten uns aber weiter für Afghanistan engagieren.“
Die Wehrbeauftragte des Bundestages Eva Högl fordert vom Parlament eine „ehrliche“ Analyse der Afghanistan-Mission der Bundeswehr. Das sei man auch den Gefallenen schuldig. Für die aus dem Einsatz Zurückkehrenden wünscht sie sich mehr Hilfsangebote.

Frau Högl, die Bundeswehr ist nach 20 Jahren aus Afghanistan abgezogen. Wie bewerten Sie den bisher zweitlängsten Auslandseinsatz?

Dieser Einsatz hat die Bundeswehr geprägt: 59 Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben gelassen, es gab und gibt viele, die seelisch verwundet sind, rund 160.000 Soldatinnen und Soldaten haben dort ihren Auftrag erfüllt. Für diese Leistung gebührt ihnen Dank und Anerkennung. Afghanistan ist heute ein anderes Land. Es ist nicht mehr Rückzugsort des internationalen islamistischen Terrorismus. Ein politisches System mit rechtsstaatlichen und demokratischen Strukturen wurde etabliert. Afghanische Sicherheitskräfte wurden aufgebaut und ertüchtigt. Es gibt mehr Freiheiten, Wirtschaftswachstum und Bildungschancen. Das alles ist ein Verdienst des internationalen Engagements – auch des Einsatzes der Bundeswehr.

Welche Lehren würden Sie zum jetzigen Zeitpunkt für aktuelle bzw. künftige Einsätze ziehen?

Es ist sehr wichtig, realistische Ziele für die Einsätze festzulegen: Was können wir erreichen, mit welchen Mitteln und wie robust wird der Auftrag? Das ist für jeden einzelnen Soldaten, für jede einzelne Soldatin wichtig zu wissen. Wir brauchen auch eine Verständigung mit unseren internationalen Partnern darüber, in welchen Regionen der Welt wir uns engagieren wollen. Ich wünsche mir eine viel breitere gesellschaftliche Debatte darüber, wohin wir unsere Soldatinnen und Soldaten entsenden.

Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Deshalb fordern Sie „eine kritische und ehrliche" Bilanz durch den Bundestag. Ist das bisher nicht ausreichend erfolgt?

Eine umfassende Bilanz gibt es bislang nicht, weil der Einsatz noch lief. Die Bundeswehr wurde vom Parlament in den Einsatz nach Afghanistan entsandt. Deshalb hat der Bundestag eine besondere Verantwortung, auch eine kritische und ehrliche Bilanz zu ziehen. Das sind wir auch den Soldatinnen und Soldaten schuldig, die ihr Leben in dem Einsatz riskiert haben sowie den Angehörigen der Gefallenen. Eine Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages könnte das leisten und alle militärischen und zivilen Aspekte betrachten.

Die Bundeswehr hat im Afghanistan-Einsatz, Sie hatten es angesprochen, dutzende Soldaten verloren, noch mehr wurden körperlich und seelisch verwundet. Werden diese Opfer in Deutschland angemessen gewürdigt?

Mein Eindruck ist, dass wir ein exzellent funktionierendes Netzwerk mit breitgefächerter Unterstützung haben. Auch die Einsatzvor- und Nachbereitung sehr gut und umfassend. Verbessert werden sollte vor allem die Information, damit die Soldatinnen und Soldaten wissen, welche Hilfsmöglichkeiten es gibt. Es ist wichtig, auch die Angehörigen mitzunehmen. Sie müssen mit einbezogen, betreut und umsorgt werden. Sie müssen fähig sein zu erkennen, wann beispielsweise eine Posttraumatische Belastungsstörung vorliegt. Viele sind überfordert, wenn sich der Partner nach einem Einsatz merkwürdig verhält. Hinzu kommt, dass manche Soldatinnen und Soldaten erst mit großer Verzögerung bemerken, dass sie in den harten Jahren in Afghanistan Posttraumatische Belastungsstörungen erlitten haben. Und die Wiedereingliederung in die Bundeswehr oder den zivilen Bereich ist ebenfalls wichtig.          

Sollte sich Deutschland – auch nach dem Abzug der Bundeswehr – weiter in Afghanistan engagieren?

Der militärische Einsatz ist nun zu Ende gegangen, wir sollten uns aber weiter für Afghanistan engagieren. Wir können in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung, in der Bildungsarbeit oder bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte helfen, damit Afghanistan eine gute Zukunft haben kann. Das auch ein Auftrag und eine Verpflichtung nach 20 Jahren Präsenz in dem Land.

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Kommentare

Bilanz

Hoffentlich ist das mit der kritischen Bilanz/Diskussion der Auslandseinsätze der Bundeswehr auch (im vorwärts) ernst gemeint.
Lsaut Grundgesetz ist die BW eine Verteidigungsarmee und am Hindukusch wie auch anderswo (Mali, Kiatuen, Ukraine, Chinesisches Meer, Schwarzes Meer .....) hat die nichts zu suchen. Das mag dem Herrn Strunk nicht passen, aber so ist nun mal unsere Verfassung. Tote, Verletzte, Traumatisierte .... es werden nur die Zahlen der "eigenen Seite" genannt; wieviel Afhhanen hat dieser Einsatz, samt Drohnenmord dutrch die Verbündeten, Leben und Existenz gekostet ? Das wird medial ziemlich KLEIN gehalten. 12 Milliarden €, das ist schon ein Sümmchen im Angesicht von Wohnungsmangel, maroden Schulen ...... an der Heimatfront.
Mit Gewehrkugeln kann man den Menschen nicht die Liebe zur Demokratie in die Herzen planzen !!!

Bekämpfung des radikalen Islams

Wer den radikalen Islam bekämpft, muss wissen, dass die Kämpfer des radikalen Islams [hier die 'Taliban'] lange Jahre und generationenübergreifend Jahrzehnte für ihre Sache kämpfen.

Bei dem Kriegseinsatz in Afghanistan, zu dem sich alle Kriegsteilnehmer der Bundeswehr freiwillig meldeten, ging es aber darum, die Bundeswehr kriegserfahren zu machen und so ihre Rolle in der NATO aufzuwerten.

Das war und ist natürlich ein Verfassungsbruch.