Filmtipp

„Warten auf Schwalben“: Von den Mühen des Aufbruchs in Algerien

Nils Michaelis24. August 2018
Les Films Pelleas
Diese jungen Leute können einer verordneten Hochzeit nichts abgewinnen.
Menschen im Clinch mit sich und der Gesellschaft: In drei Geschichten zeigt der Film „Warten auf Schwalben“, wo es im kriselnden Algerien knirscht.

Von Algerien ist zumeist nur im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen über das Mittelmeer nach Europa die Rede. Wer denkt noch an die bis heute nachwirkenden Schrecken des Bürgerkriegs in den 90er-Jahren? Oder an die allgegenwärtige Stagnation, die sich in der seit 19 Jahren währenden Herrschaft von Staatspräsident Abd al-Aziz Bouteflika wie Mehltau über das Land gelegt hat? Die zunehmende wirtschaftliche Not und die Perspektivlosigkeit treiben immer mehr junge Leute ins Ausland.

All das in dem nordafrikanischen Land offen anzusprechen, ist gefährlich. Das Regime geht hart gegen Oppositionelle und Journalisten vor. So dürften für den algerischen Filmemacher Karim Moussaoui nicht allein ästhetische Gründe dafür ausschlaggebend gewesen sein, der Gesellschaft des Maghrebstaates vergleichsweise behutsam den Spiegel vorzuhalten. „Warten auf Schwalben“ erzählt von einigen Krisensymptomen. Etwa von der anhaltenden wirtschaftlichen Talfahrt oder von dem zunehmenden Rückzug breiter Schichten auf konservative und patriarchalische Werte.

Krasse Gegensätze

Der 1976 geborene Regisseur entfaltet drei Geschichten, die an wenigen Punkten überraschend miteinander verknüpft werden. Dabei bieten sich Einblicke in verschiedene Milieus zwischen Ober-, Unter- und Mittelschicht, aber auch in die Gegensätze zwischen Stadt und Land oder zwischen Tradition und Moderne. So werden Dinge miteinander in Beziehung gesetzt, die, wie es scheint, Welten trennen.

Immer geht es um Menschen, die plötzlich in Ausnahmesituationen geraten und die sich entscheiden müssen, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen oder die Augen davor zu verschließen. Um Menschen, die sich nach Stabilität und einer klaren Richtung für ihr Leben sehnen. Und damit geht es auch um die Mühen des Aufbruchs. Da wäre ein wohlhabender Projektentwickler: Bei einer nächtlichen Fahrt durch Algier beobachtet er, wie ein Mann misshandelt wird. Anstatt Hilfe zu holen, ergreift er die Flucht. Fortan plagt ihn das schlechte Gewissen.

In einer weiteren Geschichte fährt ein junger Mann einen Familienvater und dessen Tochter an einen entlegenen Ort. Dort soll die junge Frau mit einem deutlich älteren Mann verheiratet werden. Niemand ahnt, dass sie mit dem Fahrer ein delikates Geheimnis teilt. Mit Hochzeitsvorbereitungen ist auch ein erfolgreicher Neurochirurg beschäftigt. Mitten in die Vorfreude platzt eine beunruhigende Nachricht: Eine Frau aus einem ärmlichen Vorort will dem adretten Herrn bereits während des Bürgerkriegs begegnet sein. Was hat es mit deren Anschuldigungen auf sich?

Klare Worte

Die Geschichten leben weniger von pointierten Dialogen als von der präzisen Beobachtung der Handelnden. Vieles bleibt offen und ungesagt, stattdessen werden die inneren Kämpfe der Figuren skizziert. Im Zusammenspiel mit dem Wechsel der Landschaften ergibt sich nicht nur ein atmosphärisch dichter epischer Rahmen. Mit ebenso deutlichen wie subtilen Kontrasten zeichnet Moussaoui zudem ein facettenreiches Porträt seines Landes.

Dieses Porträt enthält durchaus idyllische Momente, doch jäh zeigt sich wieder ein ganz anderes Bild. Manchmal wird dann aber doch Klartext gesprochen. Etwa, wenn die Frau jenes Projektentwicklers beim Besuch des Basars die nicht enden wollende wirtschaftliche Talfahrt – und wohl nicht nur die – beklagt: „Wann wird sich hier endlich etwas ändern?“

Ansonsten lässt Moussaoui immer wieder die Szenerie an sich sprechen, um ein Gefühl für die Stimmung im Land zu vermitteln. Immer wieder tauchen unvollendete Wohnsilos auf. Als sollte der Film daran erinnern, dass eine ganz reale Illusion längst zerplatzt ist. Während des Arabischen Frühlings versuchte die autoritäre Führung, das Volk mit Neubauwohnungen und anderen sozialen Wohltaten ruhigzustellen. Doch angesichts sinkender Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt sind dem Exportland Algerien dafür längst die Mittel ausgegangen.

Aufbruch, Hoffnung und Stabilität: In „Warten auf Schwalben wirkt all das mitunter unerreichbar. Mit seinem eindringlichen Film schafft Moussaoui ein Bewusstsein dafür, was in Algerien auf dem Spiel steht.

 Info: „Warten auf Schwalben“ (FR/D/AL/QAT 2017), ein Film von Karim Moussaoui, mit Mohamed Djouhri, Sonia Mekkiou, Hania Amar u.a., 113 Minuten, OmU.

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