50 Jahre nach Willy Brandt

Wahlalter 16: Wir sollten wieder mehr Demokratie wagen

Kai Doering31. Juli 2020
Wer 16 ist, darf Alkohol trinken, ein Konto eröffnen und heiraten, aber nicht wählen. Das sollten wir schnell ändern.
Wer 16 ist, darf Alkohol trinken, ein Konto eröffnen und heiraten, aber nicht wählen. Das sollten wir schnell ändern.
Vor 50 Jahren senkte die sozial-liberale Regierung unter Willy Brandt das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre. Eine solche Wiederbelebung der Demokratie würde Deutschland auch heute guttun. Deshalb sollten auch 16-Jährige künftig wählen dürfen.

Ende Oktober 1969 gab Willy Brandt ein Versprechen ab. „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, sagte Brandt in seiner ersten Regierungserklärung eine Woche nach seiner Wahl zum Bundeskanzler Die Einlösung dieses Versprechens folge ein Dreivierteljahr später: Am 31. Juli 1970 wurde das Wahlalter gesenkt. Statt erst mit 21 Jahren konnten deutsche Staatsbürger*innen von nun an ab 18 wählen. Für Millionen junge Menschen, die heute unter dem Begriff „68er“ zusammengefasst werden, bedeutete das mehr Mitspracherecht.

Alkohol trinken, heiraten – aber nicht wählen

50 Jahre später ist es wieder Zeit, mehr Demokratie zu wagen. Wer heute 16 ist, darf offiziell Alkohol trinken, die allermeisten Filme anschauen, ein Konto eröffnen und – unter gewissen Voraussetzungen – sogar heiraten. Eines allerdings dürfen 16-Jährige nicht: den Bundestag wählen. Das muss sich ändern. Das allgemeine Wahlrecht ab 16 ist mehr als überfällig.

Protestierten die 68er gegen starre Gesellschaftsnormen, den Vietnamkrieg und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus, gehen junge Menschen heute gegen Rassismus und für einen besseren Klimaschutz auf die Straße. Viele fühlen sich von „der Politik“ zu wenig beachtet, ihre Interessen unzureichend vertreten. Weniger als die Hälfte der Deutschen ist zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie (in Ostdeutschland sind die Werte noch geringer). Gleichzeitig wünschen sich viele mehr Möglichkeiten der Beteiligung. Das ergab im vergangenen Jahre eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Mehr Rechte, aber auch mehr Pflichte für junge Menschen

Kein Zweifel: Die Demokratie in Deutschland steckt in einer Krise. Sie braucht eine Erneuerung. Gerade junge Menschen wollen mitreden, sich beteiligen und selbst gestalten. Ihre Sicht auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen muss ernster genommen werden. Eine Senkung des Wahlalters wäre das sichtbarste Zeichen dafür. Gleichzeitig würden sie damit aber auch in die Pflicht genommen. Wer wählen darf, trägt gegenüber Staat und Gesellschaft eine stärkere Verantwortung als wenn er oder sie nur auf die Straße geht und die Politik zum Handeln auffordert.

Wie vor 50 Jahren wäre die Absenkung des Wahlalters heute ein richtiger Schritt unsere Demokratie zu beleben. „Die Politik“ würde damit auch signalisieren, dass sie anpassungsfähig ist und die Zeichen der Zeit erkannt hat. 50 Jahre nach Willy Brandt sollten wir mal wieder mehr Demokratie wagen.

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Überfällig !!!

Die Beteiligung der jungen Generation inbesondere in den Fragen die ihre Zukunft betrifft ist überfällig. Aufgewacht in dieser Frage sind die etablierten Parteien nachdem die junge scharenweise deren Wähler- und Mitgliederschaft verweigert hatte ! Die CDU scheint in dieser Frage noch im Halbschlaf zu sein, unsere SPD ist gerade aufgewacht !
Was wichtig ist: Der demokratische Prozess kann schon vom Kindergartenalter durch Beteiligungsprozesse geübt erlebt und wertgeschätzt werden. Wird er von oben verweigert, so wird er vom demokratisch versierten jungen oder älteren Menschen dann eingefordert ! Der beste Schutz einer Demokratie !
Demokratiemündigkeit fällt nicht vom Himmel ! Es braucht also viel mehr demokratische Bildung und Beteiligungsprozesse von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter und in der ganzen Gesellschaft !
Das Wahlalter 16 ist überfällig ! Vorgearbeitet wurde ja hoffentlich schon !

ja, das ist eure

Definition von Demokratie. Dabei tritt doch allzu deutlich die wirkliche Absicht zutage, nämlich den befürchteten Einfluss der "Alten" zu begrenzen. "Opa halts Maul" , war erst kürzlich hier plakatiert worden. Die SPD irrt, wenn sie meint, hier reussieren zu können. Einmal sind ihre noch vorhandenen Mitglieder überwiegend selbst alt. Dann neigen Erstwähler zu allen möglichen Parteien, die SPD kennen sie vielleicht, aber sie wählen sie nicht.

Außerdem paßt es nicht

Außerdem paßt es nicht zusammen, als nicht Volljähriger mit 16 Jahren Wähler bei der Bundestagswahl sein zu dürfen! Dazu kommt, daß so junge Leute mit allerlei Klimbim verführbar sind für irgendwelche Heilslehren. Und wenn man bedenkt, wie es um Bildung und Wissen von Schulabgängern und auch bei Erstsemestern an den Unis bestellt ist, kommen noch mehr Zweifel auf, ob eine Absenkung des Wahlaltes auf 16 Jahre eine gute Idee wäre.

Verstoß gegen Netiquette

Der Kommentar wurde gelöscht, da er gegen Punkt 6 unserer Netiquette verstieß.

https://www.vorwaerts.de/seite/netiquette

Wir ? Oder eher die Politik ?

Schon wieder wird angesichts eines erkennbaren Mißstandes ein wirkungsloses Gegenmittel propagiert.
Natürlich ist der erste Gedanke das die Politik hofft, das jüngere Menschen sich leichter betrügen und belügen lassen, doch dem stehen Fridays for Future, Attac oder sogar Einzelne wie Greta Thunberg oder Rezo gegenüber.

Das Problem ist aber, das die aktuellen Demokratiedefizite nichts mit dem Wahlalter zu tun haben sondern mit absichtlich oder grob fahrlässig herbeigeführten Zuständen.
Solange die Parteien im Bundestag sich weiterhin aktiv weigern, nach Grundgesetz und Wählerauftrag zu handeln, solange "Wahlversprechen" und Wahlprogramme nach Erschleichen der Stimmen restlos entsorgt werden und nicht ansatzweise versucht, wird, dem demokratischen Grundgeschäft ("Wenn Du mich wählst, verspreche ich Dir das ich ..... umsetzen will und in Deinem Sinne handeln werde.") zu entsprechen ist die Absenkung des Wahlalters bestenfalls Kosmetik, um die immer größere Nichtwähler"partei" statistisch kleiner zu machen.

Die erste Maßnahme aber muß das Beenden des Grundrechtsentzuges sein statt den undefiniert lang dauernden Ausnahmezustand als "Neue Normalität" zu bezeichnen.