Bundestagswahl

Wahlabend in der SPD-Zentrale: Erst Bangen, dann großer Jubel

Jonas JordanKai Doering26. September 2021
Erst Bangen, dann großer Jubel Im Willy-Brandt-Haus: Kanzlerkandidat Olaf Scholz trat Punkt 19 Uhr vor seine Anhänger*innen.
Erst Bangen, dann großer Jubel Im Willy-Brandt-Haus: Kanzlerkandidat Olaf Scholz trat Punkt 19 Uhr vor seine Anhänger*innen.
Lange war der Ausgang einer Bundestagswahl nicht so spannend wie an diesem Sonntag. Das macht sich auch im Willy-Brandt-Haus in Berlin bemerkbar. Riesigen Jubel gibt es dort, als Olaf Scholz die Bühne betritt.

Spannung liegt um kurz vor 18 Uhr in der Luft. Dichtes Gedränge im Atrium des Willy-Brandt-Hauses, wo an diesem Abend die 2G-Plus-Regel und Maskenpflicht herrschen. Dann die Prognose des ZDF: Die SPD liegt bei 26 Prozent, CDU/CSU zwei Prozentpunkte dahinter. Großer Jubel, Sprechchöre wie im Fußball-Stadion: „Oh, wie ist das schön!“ Dann die Zahlen der ARD: SPD und Union gleichauf bei 25 Prozent. Sieg, Unentschieden, Niederlage? Angespannte Stimmung zwischen Hoffen und Jubeln, nur unterbrochen vom Jubel für Manuela Schwesig, die in Mecklenburg-Vorpommern die Landtagswahl haushoch gewonnen hat.

Nach langer Zeit des Bangens dann um 18.43 Uhr endlich die erste Hochrechnung. Nun liegt die SPD auch in der ARD vorne. Es riecht nach Wahlsieg. Noch einmal großer Jubel. Erste „Olaf, Olaf!“-Rufe schallen durch die SPD-Parteizentrale. Eine gute Viertelstunde später wird es ganz still im Willy-Brandt-Haus. Der Auftritt des Kanzlerkandidaten ist angekündigt. Dann minutenlanger Applaus, SPD-Fahnen, laute „Olaf“-Rufe, dutzende Fernsehkameras, die sich auf die Bühne richten.

Scholz: Wir machen uns an die Arbeit

Die betritt Olaf Scholz gemeinsam mit seiner Frau Britta Ernst, SPD-Bildungsministerin in Brandenburg. Die Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans rahmen das Paar auf der Bühne ein. „Liebe Freundinnen und Freunde, ich freue mich, viele hier zu sehen. Und ich freue mich über das Wahlergebnis. Das ist ein großer Erfolg. Viele haben ihr Kreuz bei der SPD gemacht, weil sie wollen, dass es den Wechsel gibt“, beginnt Scholz seine Ansprache. Er prognostiziert: „Es wird ein langer Abend. Das ist sicher.“ Die SPD stehe für Geschlossenheit, Pragmatismus und Zuversicht. „Das werden wir auch in nächster Zeit zeigen. Darauf kommt es an. Wir warten das endgültige Ergebnis ab. Dann machen wir uns an die Arbeit. Schönen Dank!“

Dann spricht Saskia Esken. Für sie ist es ein „historischer Abend“. „Dieser Abend gehört unseren 400.000 Mitgliedern, all unseren Unterstützerinnen und Unterstützern. Wir sind vor zwei Jahren angetreten, um die Partei zu einen. Jetzt will ich Danke sagen, dass wir so geschlossen da stehen wie selten zuvor“, sagt die Parteivorsitzende. An Scholz gerichtet ergänzt sie: „Olaf, du hast den Menschen Zuversicht und Vertrauen gegeben. Vielen Dank, das ist dein Erfolg!“

Der Co-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans sagt: „Wir wollen feiern. Wir haben allen Grund dazu. Denn wir haben diese Wahl gewonnen. Wir sind wieder da. Die letzten zwei Jahre haben wir viel richtig gemacht.“ Die SPD habe aus Fehlern gelernt, die der politischen Konkurrenz erst noch bevorstünden. In Anlehnung an Laschets zweifelhafte Äußerung, die SPD haben „immer auf der falschen Seite gestanden“, sagt Walter-Borjans: „Die SPD steht wieder mal in der Geschichte der Bundesrepublik auf der richtigen Seite.“

Kutschaty: Klarer Auftrag für Olaf Scholz

Nach dem Auftritt der drei ist die Stimmung gut rund um das Willy-Brandt-Haus – und wird von Hochrechnung zu Hochrechnung immer besser. Es gibt Currywurst und Bier. Für Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, ist dieser Wahl-Sonntag ein „sehr schöner Tag für die Sozialdemokratie“. Vor allem junge Menschen hätten in der Corona-Zeit gemerkt, dass die SPD für sie da gewesen sei. Schramm ist in Nordrhein-Westfalen in der SPD kommunalpolitisch engagiert.

Dort ist Thomas Kutschaty Landesvorsitzender. Auch er ist am Sonntagabend im Willy-Brandt-Haus und spricht gegenüber dem „vorwärts“ von einer „grandiosen Aufholjagd“ der SPD. „Vor drei Monaten wurde ich von Journalisten noch belächelt, als ich gesagt habe, dass Olaf Scholz Kanzler wird. Der Wahlkampf hat richtig Spaß gemacht. Vor Ort war eine super Stimmung. Das Ergebnis gibt Olaf Scholz den Auftrag, die nächste Regierung zu bilden.“

So sieht es auch Carsten Schneider. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion spricht von einem „sensationellen Comeback der SPD“ und sieht eine „Hegemonie des Mitte-Links-Lagers“. Das herausragende Abschneiden von Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern sieht der Thüringer als „gutes Zeichen für Ostdeutschland“.

Scholz: „Ich will, dass es schnell geht.“

Auch der Schauspieler Heinrich Schafmeister ist ins Willy-Brandt-Haus gekommen. Er hat die SPD schon in mehreren Wahlkämpfen unterstützt, so auch diesmal. Er findet, dieser Wahlsonntag sei „ein Grund zum Feiern für alle Demokraten“. Gerade der Blick ins Ausland zeige, dass es keine Selbstverständlichkeit sei, wenn sich „drei integre Leute“ demokratisch miteinander stritten. Von der SPD erhofft sich Schafmeister besonders die Umsetzung der Bürgerversicherung.

Doch es sind nicht nur Politiker*innen, Parteimitglieder und Sympathisant*innen aus Deutschland, die am Sonntag in der SPD-Parteizentrale mitfiebern. Fabian Molina ist extra aus der Schweiz angereist. Er ist internationaler Sekretär der dortigen Sozialdemokrat*innen und hat ein besonderes Geschenk für Olaf Scholz dabei: ein Schweizer Taschenmesser, auf dem der Satz „Dem Genossen Olaf Scholz zur gewonnen Wahl“ und das Datum 26. September 2021 eingraviert ist. „Ich hoffe, dass ich es ihm noch überreichen kann“, sagt Molina.

Scholz sitzt zu diesem Zeitpunkt einige Kilometer entfern im Fernsehstudio in der „Berliner Runde“ mit den Spitzenkandidat*innen bzw. Vorsitzenden der anderen Parteien. Angesprochen auf eine mögliche Regierungsbildung sagt der erfolgreiche Kanzlerkandidat, dass sich jede Partei in einer Dreier-Koalition wiederfinden müsse. Und: „Ich will, dass es schnell geht.“ Angela Merkel solle nicht mehr die Neujahrsansprache halten. „Wir sollten deutlich vor Weihnachten fertig sein.“

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