Aus dem Archiv

Wie der „Vorwärts“ 1930 über Missstände auf dem Schlachthof berichtete

Olaf Guercke02. Juni 2020
70- bis 90-stündigen Wochenarbeitszeit: Fleischereiarbeiter*innen in Oldenburg 1929
70- bis 90-stündigen Wochenarbeitszeit: Fleischereiarbeiter*innen in Oldenburg 1929
In der Corona-Krise sind die Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthöfen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Ein Blick ins vorwärts-Archiv zeigt, dass fragwürdige Praktiken der Fleischbranche bereits in der Weimarer Republik ein großes Thema waren.

Die Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachtbetrieben sind im Zuge der Covid-19-Pandemie viel zu spät in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. In einem Facebook-Beitrag hat die Friedrich-Ebert-Stiftung vor wenigen Tagen auf übermäßig lange Arbeitszeiten, Werkverträge ohne Mindestlohn, dubiose Arbeitsvermittler*innen und miserable, teure Unterkünfte aufmerksam gemacht, in denen sich viele der meist aus Rumänien oder Bulgarien stammenden Arbeiter*innen nun mit dem Corona-Virus infiziert haben. In einer Stellungnahme des Deutschen Gewerkschaftsbunds vom 11. Mai ist darüber hinaus von Berichten rumänischer Mitarbeiter*innen über „Tricks, wie Arbeitszeiten runtergerechnet werden können“ die Rede.

Der „Vorwärts“ über Konflikte im Berliner Schlachthof

Ein Blick in den „Vorwärts“ vom 2. November 1930 zeigt, dass gerade solche Praktiken der Fleischbranche bereits in der Weimarer Republik zur Zeit der Weltwirtschaftskrise ein großes Thema waren. Der „Interessenverband der Engrosschlächter“ hatte, so der „Vorwärts“, den bestehenden Tarifvertrag gekündigt und forderte eine „60stündige Arbeitswoche ausschließlich Pausen, Arbeitsbereitschaft und Reinigungsarbeiten“. Genau hier vermutet der „Vorwärts“ einen Versuch, die Arbeitszeiten herunterzurechnen: „Was die Herren unter ‚Arbeitsbereitschaft‘ und ‚Reinigungsarbeiten‘ verstehen, haben wir schon zum Ausdruck gebracht […]. Also das Ein- und Ausbringen des Schlachtguts in die Kühl- und Markträume, das Zerlegen in Spezialstücke, das Salzen und die Arbeit auf dem Fleischmarkt, die in der Woche etwa 25 bis 30 Stunden beträgt, soll nicht als Arbeitszeit gerechnet werden.“

Außerdem wurden, so der „Vorwärts“ weiter, Lohnsenkungen für Schwerbeschädigte, eine Aussetzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubskürzungen verlangt. Begründet wurden diese Forderungen mit einer „Notlage der Fleischermeister“ in der Wirtschaftskrise. „In einem Beruf also“, wird im Artikel kommentiert, „wo die Unfallgefahr eine außerordentlich hohe ist, noch gesteigert durch das Arbeitstempo, die lange Arbeitszeit und die leichte Infizierungsgefahr beim Schlachten kranker Tiere, tritt man die einfachsten sozialen Forderungen mit Füßen.“

Die Kommunalverwaltung schreitet nicht ein

Der Zentralvieh- und Schlachthof in Berlin war im Gegensatz zu heutigen Schlachthöfen eine kommunale Einrichtung, die von mehreren Hundert Privatbetrieben genutzt wurde. Gegen diese „Engrosschlächter“ richtete sich der Protest im Artikel. Bereits am 23. März 1930 hatte der „Vorwärts“ unter der Überschrift „Überstundenseuche auf dem Schlachthof“ von 70- bis 90-stündigen Wochenarbeitszeiten berichtet und die Kommunalverwaltung dazu aufgefordert, hier einzuschreiten.

In einem weiteren Artikel vom 4. April wird das Eingeständnis der kommunalen Schlachthofverwaltung dokumentiert, „zur Abänderung des Übelstandes nur einen geringen Einfluss auf die Gewerbetreibenden ausüben“ zu können. „In keinem Falle“, so die Verwaltung weiter, stehe ihr „das Recht zur Ausübung einer Kontrolle zu.“ Gleichwohl wolle man die Interessenvertretung der Beschäftigten, den „Verband der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter“ zu weiteren Besprechungen einladen.

Weiterlesen in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

In diesem Artikel soll lediglich auf augenscheinliche Ähnlichkeiten in den Konflikten um Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie 1930 und heute hingewiesen werden. Um die zugrunde liegenden Strukturen in den unterschiedlichen historischen Situationen miteinander vergleichen zu können, ist historische Forschung nötig. Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung bietet hier gerade durch ihren Fokus auf historische Gewerkschaftsliteratur ein reichhaltiges Angebot an Quellen.

So finden sich in unserem Bestand 84 originale Publikationen des „Verbands der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter Deutschlands“ aus der Zeit der Weimarer Republik, darunter auch zahlreiche Ausgaben der Fleischer-Fachzeitschrift des Verbands, die von 1929 bis 1933 erschien, und eine digitalisierte Ausgabe der Verbandszeitschrift von 1922 bis 1928.

Der Text erschien zuerst in Blog der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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Kommentare

Ganz plötzlich

Als wer die öffentlich rechtlichen ein bischen verfolgt hätte, wäre vielleicht schon vorinformiert gewesen. Aber man kann seine Blicke ja auch abwenden (sind ja nur Osteuropäer) und außerdem enspricht das ja auch unserer Agenda2010. Gut die Fleischverarbeituing haben wir jetzt in der Öffentlichkeit - was ist mit den Spargelstechern, Erdbeerpfückern ........Gurken.... und die Afrikaner in Spaniens "Gemüsegärten". Schön wegschauen ! Auch wenn der vorwärts schon 1930 auf die Missstände gezeigt hat, warum wurden sie nie beseitigt?
Upton Sinclais Buch "Der Dschungel" erschien 1905/06 über solche Zustände in Chicago.
Regierungsverantwortung/Regierungshandeln im Sinne der Arbeitnehmer ist ein bischen in's Hintertreffen geraten. Welche Partei stellte denn in den letzten 20 Jahren den/Die Arbeitsminister*** ?

Ganz plötzlich

Dieser Kommentar mit der Überschrift "Ganz plötzlich" ist ein sehr guter Kommentar.