Symposium „Wie steuerbar ist Integration?“

"Mit Vorurteilen lässt sich's so schön leben"

Bernd Brunke30. November 2010

Das vor einem Vierteljahrhundert von Faruk Sen gegründete ZfTI begleitet das Zusammenleben von Einheimischen und (türkischen) Zuwanderern wissenschaftlich und publizistisch.

Die Schwerpunkte des Symposiums waren eine Steilvorlage für NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD): "Nicht Desintegration und Scheitern, sondern Integration und Gelingen sind
Normalität in Nordrhein-Westfalen." Das habe auch eine "Integrationstour" gezeigt, die ihn und Staatssekretärin Kaykin zu vielen Einrichtungen und Initiativen der Integrationsarbeit im ganzen
Land geführt habe.

Der Islam gehört zu Deutschland

Schneider zeigte sich mit Bundespräsident Wulff einig: "Selbstverständlich gehört auch der Islam zu Deutschland. Zu welchem anderen Land sollen denn die vier Millionen Muslime in Deutschland,
von denen fast die Hälfte deutsche Staatsbürger sind, sonst gehören?"

Dass die NRW-Landesregierung am Thema des Symposiums besonders interessiert sei, zeige sich auch daran, dass Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit Berlin die länderoffene Arbeitsgruppe
"Indikatorenentwicklung und Monitoring" im Rahmen der Integrationsministerkonferenz leite. Für die 6. Integrationsministerkonferenz im Februar 2011 in Mainz werde diese Arbeitsgruppe einen
Bericht mit Daten zu knapp 30 Integrationsindikatoren aus allen 16 Bundesländern vorlegen, so Schneider.

Der Minister über das von der rot-grünen Landesregierung geplante Integrationsgesetz: "Das Gesetz wird verbindliche Normen für die Landesförderung von Integrationsangeboten schaffen. Und es
wird einen klaren institutionellen Rahmen für die Integration und die Beteiligung von Eingewanderten im Lande und in seinen Kommunen setzen.

Föderalismus im Bildungsbereich hemmt Integration

Im Integrationsgesetz werden wir auch das Ziel der interkulturellen Öffnung der Landesverwaltung festschreiben. NRW wolle auch über anonymisierte Bewerbungsverfahren Diskriminierungen am
Arbeitsmarkt abbauen.

Der neue wissenschaftliche Leiter des ZfTI, Haci-Halil Uslucan, unterstrich, dass Integration kein "Sekt oder Selters-Problem" weder für die Mehrheitsgesellschaft, noch für die Migranten sei.
Anhand unterschiedlicher Akkulturationsmodelle beschrieb er aus psychologischer Sicht, wie sich Menschen die kulturelle Umwelt aneignen. Steuerungsmöglichkeit sei hier, gegen Generalisierung und
Kategorisierung bei Urteilen und Vorurteilen sowie Bildung von Stereotypen anzugehen.

Integration sei steuerbar, wenn in den Schulen Veränderungen vorgehen, postulierte Yasemin Karakasoglu von der Uni Bremen. Der Föderalismus im Bildungsbereich hemme die bundesweite Steuerung
von Bildungschancen. Es sei auch ein Fehler, dass Kindergärten einer anderen politischen Verantwortung unterlägen als Schulen. Eine bundesweite Sprachförderung sei dadurch Utopie.

Die Wissenschaftler fixierten allesamt die Ressource Bildung als bedeutendste Stellschraube zur Steuerung der Integration. Frank Kalter (Uni Mannheim) wies nach, dass sich Bildungschancen
abhängig vom Bildungsstand der Eltern verhielten, sie also kein ethnisches, sondern ein Problem sozialer Herkunft seien.

Zerrbilder abbauen

"Mit Vorurteilen lässt es sich so schön leben", beschrieb Dietrich Thränhardt von der Uni Münster das Miteinander im gesellschaftlichen Alttag. Obwohl alle Vorurteile bezüglich "der Anderen"
längst wissenschaftlich widerlegt wurden, wolle der Mensch nicht hören, geschweige denn verstehen.

Ruud Koopmans (WZB, Berlin) forderte, die Probleme der Integration auf beiden Seiten beim Namen zu nennen. Verharmlosung biete die Plattform für Rechtspopulisten.

Wenn die richtigen Hebel bewegt würden - und die Chance dazu sehe er - lasse sich Integration mit dem Wohlwollen von Migranten und Mehrheitsgesellschaft positiv steuern, resümierte Gastgeber
Uslucan. Er forderte, wahrgenommene Fremdheit positiv zu bewerten und Kontakte zu suchen, um Zerrbilder abzubauen.

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