Ausstellung im Willy-Brandt-Haus Berlin

Vivian Maier Superstar

Birgit Güll19. Februar 2015
Selbstporträt von 1955
Selbstporträt von 1955.
Als ihre Fotografien Weltruhm erlangten, war Vivian Maier bereits tot. Nun zeigt das Willy-Brandt-Haus Berlin Werke der Frau, die als Kinderfrau arbeitete und so heimlich wie leidenschaftlich Fotokünstlerin war: „Vivian Maier. Street Photographer“ heißt die Schau.

Der Andrang war gewaltig. Wer am Mittwochabend zur Eröffnung der Ausstellung „Vivian Maier. Street Photographer“ ins Willy-Brandt-Haus wollte, musste erst mal anstehen. Dabei war die 1926 in New York geborene Vivian Maier, die heute als eine der wichtigsten amerikanischen Fotokünstlerinnen gilt, bis vor wenigen Jahren völlig unbekannt. Sie hat ihre Fotografien der Öffentlichkeit zeitlebens vorenthalten. Mehr noch, einen Großteil ihres Werkes hat Maier selbst nie gesehen: In ihrem Besitz, der 2007 – zwei Jahre vor ihrem Tod – zwangsversteigert wurde, fanden sich tausende unentwickelte Filmrollen.

Großstadtfotografien der 1950er Jahre

Der New Yorker Immobilienmakler John Maloof hat Maiers Besitz größtenteils ersteigert. Er hat den Nachlass erforscht und veröffentlicht. Fast über Nacht hatte die Fotokunst einen neuen Star: Vivian Maier. Stilsicher und handwerklich perfekt hat diese Frau der Welt einen Fotoschatz beschert, der nun besichtigt werden kann. Ihr Gesamtwerk wird auf mehr als 120.000 Negative geschätzt, sie hat Schwarzweiß- und Farbfotografien angefertigt. Zusätzlich hat sie Super-8- und 16-mm-Filme gedreht, auch davon sind einige in der Schau im Willy-Brandt-Haus zu sehen.

In den frühen 1950er Jahren beginnt Maier mit ihrer Rolleiflex-Kamera, später mit einer Leica, das urbane Leben in New York und Chicago festzuhalten. Sie fotografiert Menschen aller Milieus. Ihr besonderes Interesse gilt aber nicht dem Glanz der Großstadt, sondern den dunklen Ecken. Handwerker, Bettler, Kinder, Obdachlose und Invalide – auf sie richtet sie häufig ihre Kamera. Ihr Blick ist nüchtern und neugierig, die Bildkompositionen beeindrucken. Auch sich selbst hat Maier mehrfach porträtiert, meist mit ihrer Kamera in der Hand und nüchternem Blick, manchmal als Schatten, sehr häufig als Spiegelung.

Das geheime Leben der Kinderfrau

Maier, die Tochter europäischer Einwanderer, bleibt unverheiratet. Von der französischen Familie ihrer Mutter erbt sie 1950 Geld, mit dem sie Reisen nach Frankreich, Kuba, Kanada und Kalifornien finanziert. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitet Maier vierzig Jahre lang als Kinderfrau, erst in New York, später in Chicago. Maier reist um die Welt und verfolgt wohl auch die Fotografie ihrer Zeit. Ihr eigenes fotografisches Werk hält sie geheim. 2009 stirbt diese private, heimliche Künstlerin.

Heute begeistert ihr Werk Publikum und Fachleute weltweit. Ihre Arbeiten stehen gleichrangig neben jenen von Künstlerinnen wie Lisette Model oder Diane Arbus. 2013 macht der Film „Finding Vivian Maier“ ein breites Publikum auf die begnadete Fotografin und ihre geheimnisvolle Geschichte aufmerksam. Im Berliner Willy-Brandt-Haus ist nun erstmals in Deutschland die von Anne Morin kuratierte Schau „Vivian Maier. Street Photographer“ zu sehen.

 

Die Schau ist bis 12. April 2015 zu sehen

Am Karfreitag, 3. April 2015, ist sie geschlossen, an allen Osterfeiertagen incl. Ostermontag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderlich