Historische Ausstellung in Berlin

Verraten und verkauft

23. Oktober 2008

Der Kurfürstendamm Nummer 26 hatte in den 1930er Jahren international einen guten Ruf. Hier betrieb Karl Kutschera sein Weinrestaurant "Zigeunerkeller" sowie die Konditorei "Café Wien" - beide
beliebte Treffpunkte für das mondäne Berlin. Im September 1936 gerieten Kutscheras Lokale in den Fokus des nationalsozialistischen Hetzblatts "Der Stürmer", das eine Kampagne startete. Um sein
Geschäft zu retten, verpachtete es Kutschera an nichtjüdische Gesellschafter.

Kurz darauf wurde die Familie Kutschera nach Theresienstadt deportiert. Nur Karl Kutschera und seine Frau überlebten, kehrten nach dem Krieg nach Berlin zurück und nahmen den Betrieb ihrer
Lokale wieder auf. An die Erfolge der Vorkriegszeit konnten sie freilich nicht anknüpfen.

Geschichten, die noch nicht erzählt wurden

Die Geschichte des "Zigeunerkellers" ist nur eine von 16, die die Ausstellung "verraten und verkauft" erzählt. Nicht alle gehen so glimpflich aus wie die des Karl Kutschera. "Wir wollen
Geschichten erzählen, die noch nicht erzählt wurden", erklärt Christoph Kreutzmüller vom Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität. Gemeinsam mit dem Verein "Aktives
Museum" hat er die Ausstellung konzipiert.

Es geht darin um jüdische Unternehmen in Berlin in der Zeit zwischen 1933 und 1945. "Die Geschäfte sollen keine Klischees erfüllen", betont Kreutzmüller. Statt Banken und Warenhäusern
werden eine Eiergroßhandlung, ein Antiquariat und das Deutsche Theater vorgestellt. Exemplarisch werden die Verläufe der schleichenden Entrechtung und Existenzvernichtung dargestellt und
Geschichten erzählt, die überall in Deutschland tausendfach passiert sind.

Eine Projektgruppe hat die Daten aller Geschäfte in Eigenregie recherchiert und die Ausstellungstafeln anschaulich und ansprechend gestaltet. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte wird
auf diese Weise erlebbar. Eine Gegenüberstellung historischer Fotografien und aktueller Aufnahmen desselben Ortes schlagen zudem die Brücke in die Gegenwart. Dies kann auch als Mahnung verstanden
werden.

Die Ausstellung "verraten und verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933 - 1945" ist bis zum 30. November im Foyer der Berliner Humboldt-Universität, Unter den Linden 6 zu sehen. Der
Eintritt ist frei.