Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin

Darum verlor die SPD in Berlin so viele Stimmen an die AfD

Lars Haferkamp19. September 2016
Die Berliner SPD verlor die meisten ihrer früheren Wähler an die Alternative für Deutschland (AfD). Das zeigt die Wahlanalyse von infratest dimap. Sie erklärt auch, warum so viele frühere SPD-Wähler den Rechtspopulisten ihre Stimme gaben.

Die Analyse von infratest dimap zur Wählerwanderung der Berliner SPD zeigt beträchtliche Verschiebungen. Die SPD verlor rund 61.000 Wähler.

Berlins SPD verlor 24.000 Wähler an die AfD

Bemerkenswert bei den Verlusten ist, dass die SPD die meisten früheren Wähler an die AfD verloren hat, nämlich 24.000. Dann folgen Verluste von 20.000 Wählern an Die Linke und je 11.000 an FDP und CDU. Wähler gewinnen konnten die Sozialdemokraten dagegen bei Neu-Berlinern (16.000), im Nichtwählerbereich (7.000), von den Piraten (5.000) und von den Grünen (3.000).

Bei den wahlentscheidenden Themen für die Wechsler von der SPD zur AfD nannten 63 Prozent die Flüchtlingspolitik als entscheidendes Thema. 46 Prozent gaben die Innere Sicherheit als Grund für den Wechsel zur AfD an, 29 Prozent die Soziale Gerechtigkeit und 18 Prozent das Thema Wirtschaft und Arbeit.

SPD-Kompetenzen bei Arbeit, Soziales und Wohnen

Bei der Frage nach den Kompetenzen, sagten 35 Prozent der von infratest dimap Befragten, die SPD sei kompetent beim Thema Arbeitsplätze, ein Plus von 3 Prozent gegenüber der Wahl vor fünf Jahren. 31 Prozent der Befragten hielten die SPD für kompetent in den Bereichen Soziale Gerechtigkeit (minus 8 Prozent),  Familienpolitik (minus 4 Prozent) und bezahlbarer Wohnraum (plus 1 Prozent). Bei der Frage „Welche Partei sorgt am besten für sozialen Wohnraum?“ lag die SPD mit 31 Prozent vor der Partei Die Linke mit 26 Prozent, den Grünen mit 10 Prozent und der CDU mit 8 Prozent.

Infratest dimap befragte die SPD-Wähler zu ihren Ansichten über die Berliner SPD. Dabei stimmten 80 Prozent der Aussage zu „Hat gute Ideen für die Entwicklung Berlins“, 77 Prozent dem Satz „Bemüht sich am stärksten um sozialen Ausgleich“ und 72 Prozent der Aussage „Michael Müller ist der richtige Mann, um Berlin zu repräsentieren.“ Weniger Zustimmung gab es zu den kritischen Statements „Hat es in der Regierung nicht geschafft, die wirklichen Probleme anzupacken“ (37 Prozent) und „Man weiß nicht, wofür sie inhaltlich steht“ (33 Prozent).

70 Prozent der SPD-Wähler wollen Rot-Rot-Grün

Befragt nach ihren Koalitionspräferenzen erklären 70 Prozent der SPD-Wähler, eine rot-rot-grüne Koalition sei ein gutes Regierungsbündnis für Berlin. 37 Prozent sagen das von einer Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Ein Bündnis aus SPD, CDU und FDP halten nur 23 Prozent der SPD-Wähler für eine gute Lösung.

Auf die Frage, was für ihre Wahlentscheidung wichtig gewesen sei, antworteten 51 Prozent der SPD-Wähler „Lösungsvorschläge zu Sachfragen“. 30 Prozent nannten hier ihre langfristige Parteibindung, 18 Prozent den Spitzenkandidaten.

Michael Müller führt klar

Bei der Frage, wen die Berliner bei einer Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters wählen würden, lag Michael Müller mit 53 Prozent klar vor Frank Henkel von der CDU mit 23 Prozent. Mit der politischen Arbeit von Michael Müller zeigten sich 53 Prozent zufrieden. Frank Henkel (CDU) und Ramona Pop (Grüne) kamen hier auf 31 Prozent, Klaus Lederer (Linke) kam auf 28 Prozent, Sebastian Czaja (FDP) auf 20 Prozent und Georg Pazderski (AfD) auf 7 Prozent.

Bei der Analyse der SPD-Stimmenanteile zeigt sich bei den Altersgruppen die höchste Zustimmung von 28 Prozent bei den Berlinern, die 70 Jahre und älter sind. Es folgen 23 Prozent Zustimmung bei den 60- bis 69-jährigen, 20 Prozent bei den 36- bis 59-jährigen und 19 Prozent bei den 18- bis 34-jährigen.

Höchste Zustimmung für SPD bei Rentnern

Betrachtet man die Berufsgruppen erhält die Berliner SPD die höchste Zustimmung bei den Rentnern mit 26 Prozent. Es folgen die Angestellten mit 22 Prozent, Selbstständige mit 18 Prozent und schließlich Arbeiter und Arbeitslose mit 17 Prozent.

 

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Kommentare

Warum hat die SPD in Berlin so wenig Stimmen hinzugewonnen?

Das ist zuerst zu klären. Was hat also die SPD in Berlin nicht gemacht und deshalb kaum neue Wähler gewonnen?

Die Stimmverluste sind schlimm. Natürlich muss man sich auch darum kümmern und es nicht schönreden.

Wenn die SPD aber kein Fähnchen im Wind sein will, das sich nach Stimmungsumfragen dreht, untersucht sie selbst die politischen und gesellschaftlichen Gründe für fehlende Gewinne und für eingetretene Verluste und verlässt sich nicht auf Zahlen und "Analysen" aus zweiter Hand.

Kommentar

Kenne mich in Berlin nicht aus, gibt aber für ärmere und behinderte Menshcne nciht wirklich einen Grund, SPD zu wählen, war 1998 anders!!

Wählerpotential realistisch einschätzen

Die SPD regiert in Berlin schon sehr lange, was natürlich zu einem Ermüdungseffekt führt. Außerdem war die Koalition den Umfragen nach nicht beliebt. Daher sind Stimmenverluste kaum zu vermeiden gewesen.

Die Partei ist eingeklemmt zwischen einer Alternative zur Linken und einer sozialliberalen Alternative (den Grünen). Die AfD frisst sich in das Wählerpotential bei den sozial Schwachen und Arbeitermilieus. Geht man auf die einen zu, verliert man an anderer Stelle. Hierauf gibt es keine simple Lösung, und gleichzeitig muss man einsehen, dass Wahlergebnisse wie in der alten Bundesrepublik (vor 1990) unrealistisch geworden sind.

Worum es heute gehen muss ist, ein Programm zu entwickeln, mit dem man das (vorhandene) Wählerpotential so gut wie möglich ausschöpft, um dann in der Lage zu sein, eine Koalition anführen zu können. Dies geht m.E. am ehesten mit einer liberalen Gesellschaftspolitik, verbunden mit einer klassischeren Wirtschafts- und Sozialpolitik, die auf einen starken Staat setzt.

@ Sören. Alle Arbeitnehmer anzusprechen, ist das Ziel der SPD!

Wer anderes behauptet, erklärt den Bankrott der SPD als Partei des Volks, der Arbeitenden, der kleinen Leute.

Die von Ihnen ausgedrückte Haltung ist ein Grund für den Niedergang der SPD. Nur kleine Klientelparteien sprechen von "ihrem Wählerpotential".

In Berlin erfolgte der Niedergang durch eine bequem und selbstgefällig gewordene sowie mehr noch intellektuell korrumpierte SPD:

Westberlin (ca. 2 Mio. Ew.)
1946 - 1971 Wahlbeteiligung 92,9 - 86,2 % Ergebnis für die SPD 64,5 - 44,6 %

1975 - 1989 Wahlbeteiligung 87,8 - 79,6 % Ergebnis für die SPD 42,7 - 32,4 %

Berlin (ca. 3,5 Mio. Ew.)
1990 - 2016 Wahlbeteiligung 80,8 - 58,0 % Ergebnis für die SPD 30,8 - 21,6 %

Anstelle mit der richtigen Politik und zukunftsschaffenden Programmen um Wählerstimmen der übergrossen Mehrheit der Arbeitnehmerschaft [Beamte, Angestelle, Arbeiter] zu kämpfen, wird herumlaviert, gejammert und abgewiegelt sowie fatalistisch die Hände in den Schoss gelegt. Eine solche SPD ist weder sozialdemokratisch noch sozialliberal, sondern einfach nur noch beliebig, also ein Wahlverein, der Posten für die Versorgung eigener Funktionäre anstrebt und somit überflüssig ist, wie es sich zeigt.