Wirtschaftspolitik

Ungleichheit in Deutschland: Die Gewinne der anderen

Robert Kiesel03. Januar 2018
Ungerechtigkeit in Deutschland
Die Ungleichheit in Deutschland wächst seit Jahren.
Die Ungleichheit in Deutschland steigt und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Familienunternehmen profitieren besonders stark.

Frau Bartels, nach Veröffentlichung des „Weltreports der Ungleichheit“ war zu lesen: „Deutschland ist so ungleich wie vor 100 Jahren“. Stimmt das?

Ja, mit Bezug auf die Einkommen der obersten zehn Prozent stimmt das. Auf Basis von Einkommenssteuerdaten können wir belegen, dass sie heute 40 Prozent des Gesamteinkommens vor Steuern aller Deutschen auf sich vereinen. Das ist exakt der Wert von 1913.

Charlotte Bartels
Charlotte Bartels ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und gehört zum Team des „Weltreports der Ungleichheit“.

Und die unteren zehn Prozent?

Der untere Teil der Einkommensverteilung bleibt leider unberücksichtigt, ganz einfach weil dieser vor dem Ersten Weltkrieg nicht steuerlich erfasst wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden von der Einkommensteuer die Einkommen von ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung erfasst. Daher können wir sehen, dass die untere Hälfte seit den 1960er Jahren deutlich verloren hat, während die obere Hälfte massiv dazu gewonnen hat.

Wo liegen die Ursachen dafür?

Ohne kausale Erklärungen liefern zu können, beobachten wir bestimmte, zeitlich parallel ablaufende Entwicklungen. Während die Einkommen der obersten Gruppe und der Exportanteil am Bruttoinlandsprodukt massiv steigen, sind die Spitzensteuersätze und die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften stark gesunken. Aus diesen Parallelentwicklungen kann jeder seine Schlüsse ziehen. Für eindeutige kausale Zusammenhänge gibt es aber bisher wenig belastbare Hinweise.

Wer profitiert besonders?

In Deutschland standen über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg – anders als in anderen Ländern – die Unternehmer an der Spitze der Einkommensverteilung. Sie können einen immer größeren Anteil des Gewinns für sich ausschütten, müssen das als Familienunternehmer aber kaum publik machen. Eine informierte Debatte muss das im Blick haben.

Werden Unternehmen in Deutschland bei der Besteuerung zu sehr geschont?

Im internationalen Vergleich versteuert Deutschland Vermögen extrem wenig, gerade auch beim Übergang von einer Generation zur anderen - Stichwort Erbschaftssteuer. Gleichzeitig wissen wir, dass diese durch Ausnahmen geschützten Familienunternehmen häufig Spitzeneinkommen generieren. Wie das mit dem Verständnis einer Leistungsgesellschaft zu vereinbaren ist, scheint fraglich.

Zuletzt wurde in Deutschland viel über die Besteuerung multinationaler Unternehmen diskutiert. Zurecht?

In dieser Debatte geht es um Wettbewerbsvorteile von multinationalen Unternehmen gegenüber nationalen Unternehmen und um Steuervermeidung. Wenn man die Spitzeneinkommen der Deutschen analysiert, ist allerdings klar: Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildet die GmbH und Co. KG XY, die sich in der Hand einer Familie befindet und teilweise riesige Vermögen hat, dafür aber wenige Informationen bietet. Unsere Daten weisen darauf hin, dass diese Unternehmen sehr bedeutend sind für die Verteilung der Einkommen zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern.

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Kommentare

Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel

So viel müsste man auch in der SPD mittlerweile begriffen haben: Wohlstand wird zusammen geschaffen. Die Verteilung des Wohlstandes ist dann einerseits eine Frage der Steuergesetze und andererseits der Lohnverhandlungen.

Die SPD hatte nun mit ihrer Steuerreform von 2000 die Veräusserungsgewinne beim Verkauf von Unternehmen bei den Unternehmen belassen.

Die SPD hat mit ihrer Agenda 2010 nicht nur massiv in das Tarifgefüge eingegriffen und in Deutschland den grössten Niedriglohnsektor Europas geschaffen sondern auch noch die Gewerkschaften nachhaltig geschwächt.

Mit dem um 12 Jahre verspätet eingeführten mickrigen Mini-Mindestlohn ist auch nicht wirklich jemandem geholfen.

Die Diskussion um eine Erbschaftssteuer für Unternehmer und um höhere Einkommenssteuersätze ist aus meiner Sicht verfehlt, weil sie davon ausgeht, dass das den Arbeitnehmern zugute käme. Dafür fehlt jeglicher Beweis.

Und von solchen Steuern Arbeitnehmer zu subventionieren oder ihnen ein Almosen zu geben, schafft keinen Wohlstand. Dazu braucht es eine in Deutschland wirkende aufeinander abgestimmte Wirtschafts-, Steuer-, Finanz-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Ungleichheit in Deutschland: Die Gewinne der anderen

Mich wundert immer eins:

Es gibt in diesem Medium häufig gute Beiträge, nicht nur von der Redaktion, sondern auch von Politikern, in denen Forderungen enthalten sind, die unseren Grundwerten und der Programmatik entsprechen.

Wenn ich aber dann die Politik, auch unserer Spitzenleute, verfolge, muss ich leider den Eindruck gewinnen, es handle sich um einen anderen Film. Natürlich wird von diesen sogleich der Einwand kommen, man sei ja in einer Koalition, in der unsere Vorstellungen leider nicht durchsetzbar seien.

Aber warum geht man solche Koalitionen ein, solange es Alternativen gibt, die nach den Wahlen von 2009 und 2013 bestanden und auch jetzt noch, wenn auch in verminderter Form, bestehen? Auch wären die Voraussetzungen zu einer Regierungsbildung und einer gerechteren Politik für die SPD wesentlich besser gewesen, und in einer neuen GroKO werden sie für künftige Wahlen noch schlechter werden. Die Töne, die seitens der CSU zurzeit gespuckt werden, lassen das Gegenteil von einer besseren Politik erahnen.

Und was macht die SPD? Sie wird wieder ihre Koalitionstreue betonen, allem Mist zustimmen und sich über die nächsten Wahlergebnisse wundern.

Die Umverteilung

Gerade in Zeiten wo die Kluft zwischen arm und reich immer weiter wächst und Reiche immer mehr entlastet werden ist es Zeit für eine Umverteilung der Gesellschaft. Das bedautet dass mit sofortiger Wirkung eine Vermögensteuer , eine Erbschaftssteuer von bis zu 70% und die Unternehmenssteuer drastisch erhöht werden müssen bzw. eingeführt wird, was bedeutet, dass die Agenda 2010 gekippt wird. Vor allem muss die Wirtschaft mehr zahlen und zwar so dass kleine Unternehmen nicht durch riesigen Unternehmen ( z.b. Amazon) schließen müssen. Die SPD braucht den gerechten Weg für die Zukunft, dass mit der Union nicht zumachen ist