Freitag-Salon zum Thema Emanzipation

Die unbewegte Frau

Shirine Issa23. Februar 2011

Die Journalistin Bascha Mika beschäftigt sich in ihrem Buch "Feigheit der Frauen" mit Rollenmustern zwischen den Geschlechtern. Solche Rollenmuster seien fest verankert, sagt sie: "Die sind
bei uns im Kopf, im Bauch und im Herz". Und vor allem: Sie werden weitergegeben, bewusst und unbewusst. Ob es auch biologische Prägungen gibt? Da ist sich die Autorin nicht sicher, aber stellt
klar: "Sie rechtfertigen keine Ungleichbehandlung." Mit ihrem Buch will sie Frauen ansprechen, sie auf ihre eigene Verantwortung hinweisen, denn: Viele Frauen würden sich freiwillig unterordnen
und so viele Chancen vergeben, sagt sie.

Dieser Selbstbeschuldigung von Frauen steht die Literaturkritikerin Iris Radisch sehr kritisch gegenüber. Immer noch sei die klassische Hausfrauenehe Wirklichkeit in unserer Gesellschaft,
aber den Grund sieht die Mutter dreier Kinder woanders: "Wir haben Strukturen, die das auffangen."



Erst das Recht, dann die Wirtschaft?

Über welche Probleme sprechen wir heute, wenn Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen eingeklagt wird? Rechtlich stehen Frauen und Männer gleich. Schon Art. 3 II 1 GG besagt: "Frauen
und Männer sind gleichberechtigt." Regelungen, nach denen die Frau den Haushalt in eigener Verantwortung führt oder nach denen sie ihren Ehemann um Erlaubnis fragen muss, um zu arbeiten, sind in
Deutschland Geschichte. Was wollen die Frauen? Klagen sie nun in einer Emanzipation 2.0 ihr Recht auf Kariere ein?

Das streitet Bascha Mika vehement ab. Trotzdem sieht sie die Arbeit als ein wesentliches Element der Frauenbewegung. Arbeit sei mehr als Kariere: Zum einen gebe Arbeit Bestätigung und
Sinnstiftung im Alltag, die eigene Tätigkeit werde geschätzt und gebraucht. Zum anderen diene ein Beruf der ökonomischen Unabhängigkeit.

Emanzipation in der Familie

Iris Radisch steht der Vorstellung, die von der modernen Frau heute vermittelt wird, sehr kritisch gegenüber. Die Familienpolitik der CDU vermittle ein Bild der perfekten Ehe in der beide
gleichberechtigt sind, viel arbeiten und viele Kinder haben. "Dieses Bild ist eine Illusion".

Moderator Jakob Augstein fragt nach: "Ist die Emanzipation der Frau in dem Kapitalismus, in dem wir leben, überhaupt möglich?" Für Basha Mika ist die Antwort klar: Es gehe nicht darum, dass
beide Kariere machen. Aber Frauen und Männer müssten gleichermaßen bereit sein, Kompromisse einzugehen. Frauen müssten erkennen: "Liebe hat nichts mit Unterordnung zu tun."

Sicher ist Unterordnung erst einmal leichter, sicher ist es auch leichter, bekannte Rollenmuster anzunehmen. Und vielleicht machen es sich viele Frauen einfach leicht. Abschließend stellt
Jakob Augstein fest: "Wir haben ein Empörungsdefizit in unserer Gesellschaft". Konzepte, Ideen, Vorstellungen von Gleichberechtigung gibt es. Jetzt ist es daran, Instrumente zu suchen, sie
einzufordern.

Der Freitag-Salon ist eine Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater Berlin und findet einmal im Monat statt.

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