Expertenanhörung der AfB

Übergänge im Bildungssystem erfolgreich gestalten

Julian Zado27. November 2010

Das Bildungssystem in Deutschland ist gekennzeichnet von einem Nebeneinander unterschiedlicher Teilsysteme und Institutionen. Frühkindliche Bildung, Grundschule, weiterführende Schulen,
Berufsbildung, Hochschulbildung, Weiterbildung sind nur einige der Stationen und Bereiche, in denen (aus-)gebildet wird.

So ist auch ein zentrales Problem des Bildungssystems, dass zwischen diesen Stufen unnötige Hürden entstehen. Anstatt den Übergang von dem einen zum anderen Bereich zu erleichtern, müssen
viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an unzureichenden und widrigen Regelungen scheitern. Sie können dann nicht die (Aus-)bildung erhalten, die ihnen zusteht und die sie vielleicht auch
dringend brauchen.

Auf diesen zentralen Missstand wies die
Bundesvorsitzende der AfB,
Eva-Maria Stange, hin, die zugleich stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im sächsischen Landtag für die Bereiche Bildung und Kultur
ist und früher sächsische Wissenschaftsministerin sowie Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) war. Deshalb, so Stange, habe sich die AfB dazu entschlossen, auf dieser
Tagung nicht Schul- und Berufsbildung usw. einzeln zu diskutieren, sondern die Übergange in den Blick zu nehmen.

15 Prozent verlassen Übergangssysteme ohne Perspektive

Zunächst wurde dabei der Übergang von der Schule in die berufliche Bildung diskutiert.
PD Dr. Marius Busemeyer vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln referierte einführend über die historische
Entwicklung, die aktuelle Situation und den Reformbedarf in den Übergangssystemen zwischen Schule und Berufsbildung. Dieses Übergangssystem besteht aus zwei Bereichen: Dem Berufsgrundbildungsjahr
(BGJ), das grundsätzlich allen AusbildungsplatzbewerberInnen offen steht und das allgemein auf eine Berufsbildung vorbereitet, sowie verschiedenen anderen Systemen, die spezielle Unterstützung
für BewerberInnen mit besonderem Förderbedarf bereithalten.

Das BGJ ist in den 70er Jahres als sozialdemokratisches Reformprojekt mit Unterstützung der Gewerkschaften eingeführt worden, um mögliche theoretische Defizite von SchulabgängerInnen im
Hinblick auf die Ausbildung auszugleichen. Es wurde rechtlich geregelt, dass ein Grundbildungsjahr auf die Lehrzeit anrechnet wurde, was aber in den folgenden Jahren von den Betrieben regelmäßig
unterlaufen wurde. Die schwarz-gelbe Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl reagierte darauf, in dem die Vorschriften zur Anrechenbarkeit gelockert wurden. Dies wurde auch 1998 fortgesetzt.
Das hatte zur Folge, dass das BGJ aus der Perspektive von AusbildungsbewerberInnen keine attraktive Alternative mehr war und so nur noch von denjenigen genutzt wurden, die nicht sofort eine
reguläre Ausbildung erhielten. Es wurde zu einem Übergangssystem.

Die Maßnahmen zur Benachteiligenförderung dagegen sind vor allem gekennzeichnet durch eine unüberschaubare Anzahl unterschiedlicher Ausbildungsträger. Mittlerweile haben Übergangssysteme
das Ziel, junge Menschen auf einen Beruf vorzubereiten und ihre Chanchen zu erhöhen, einen regulären Ausbildungsplatz im Rahmen der beruflichen Bildung zu erhalten. Dies gelingt in vielen Fällen
auch. 15 % der Teilnehmer solcher Maßnahmen verlassen das Übergangssystem jedoch ohne einen Ausbildungsplatz. Eine erschreckende Bilanz.

Es gibt Instrumente!

Als mögliche Reforminstrumente nannte Gusemeyer die Einführung einer anrechenbaren vollzeitschulischen Phase der Berufsausbildung, für diejenigen, die dauerhaft keinen Ausbildungsplatz
erhalten. Dabei müsse es einen flexiblen Übergang von Schule zu beruflicher Ausbildung geben. Diese und andere Instrumente wurden dann im Folgenden lebhaft diskutiert.
Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung
Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB-Bundesvorstand, stellte zunächst
klar, dass sich die Gewerkschaften keinesfalls, wie oftmals unterstellts, ledglich an denen orientieren, die bereits eine Ausbildungsstelle haben. Er bejahte ebenfalls einen wesentlichen
Reformbedarf und sagte auch, dass man sich dabei nicht ausschließlich auf die Berufliche Ausbildung fokussieren solle, auch wenn diese weiterhin die "bessere" Alternative sei.

Zudem kritiserte er die Praxis der Bundesagentur für Arbeit, jugendliche Ausbildungsbewerber als ausbildungsfähig oder -unfähig einzustufen, um so die Statistiken zu schönen. Teilnehmer der
Diskussion forderten unter Anderem eine genauere Betrachtung der beruflichen Bildung. Nicht jede Ausbildung in Deutschland, sei danach eine gute. In nicht wenigen Fällen hätten vollzeitschulische
Berufsausbildungen auch Vorteile. Zum Abschluss bekräftige
Willy Brase, Mitglied in der
Arbeitsgruppe für Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion, dass es weiterhin zu wenige Ausbildungsplätze gäbe. Ein
regionales Übergangsmanagement könnte ein Schritt sein, das Ziel zu erreichen, alle jungen Erwachsenen eine Ausbildung zukommen zu lassen

Die Öffnung der Hochschulen

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde eine andere Bildungshürde diskutiert, nämlich der Übergang von einer beruflichen Ausbildung zu den Hochschulen. Hier ist das wesentliche Problem nicht
nur das knappe Angebot an Studienplätzen. Vielmehr gibt es hier sogar rechtliche Hürden. Hochschulen sind nachwievor Menschen mit einer allgemeinen Hochschulreife vorbehalten. Möglichkeiten, auch
ohne ein 'Abitur' an die Hochschule zu kommen, stellen weiterhin die Ausnahme dar. Diese Konzeption zeugt nicht nur von einem antiquierten-elitären Bildungsdenken, sondern lässt auch viel
geistiges Potential ungenutzt.

Es ist anerkannt, dass viele Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung sehr erfolgreich ein Studium absolvieren können und sich auf diesem Wege weiterqualifizieren. Sie sollten
nicht an formalen Regelungen scheitern, denn das ist nicht nur für sie selbst frustrierend, sondern auch für die Gesellschaft schädlich. Auch diese Fragen wurden nach einem Referat von
Ulf Banscherus vom
Promotionskolleg Lebenslanges Lernen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam diskutiert.

Fazit der Veranstaltung ist, dass dringender Reformbedarf bei den Übergängen zwischen den einzelnen Bildungssystemen besteht. Junge Menschen, die sich bilden sollen, müssen die Möglichkeit
dazu haben. Werden ihnen Bildungsmöglichkeiten versagt, entspricht dies nicht dem sozialdemokratischen Menschen- und Gesellschaftsbild.

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