Beginn des Zweiten Weltkriegs

Überfall auf Polen: Deutschland muss sich seiner Verantwortung stellen

Dietmar Nietan01. September 2020
Symbol für den Beginn des Zweiten Weltkriegs: Wehrmachtssoldaten reißen auf einem – später gestellten – Foto einen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze nieder.
Symbol für den Beginn des Zweiten Weltkriegs: Wehrmachtssoldaten reißen auf einem – später gestellten – Foto einen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze nieder.
Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Die Dimensionen der Verbrechen gegen das polnische Volk sind bis heute den wenigsten Menschen in Deutschland geläufig. Das muss sich ändern.

Deutsche Soldaten, die den Schlagbaum der polnischen Grenze beiseiteschieben dieses – wie wir heute wissen gestellte – Foto verbinden viele von uns mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges  am 1. September vor 81 Jahren. Es war kein Zufall, dass Nazi- Deutschland seinen barbarischen Vernichtungsfeldzug im Osten begann.

Dimensionen der Verbrechen nur Wenigen geläufig

Und doch sind die Dimensionen der Verbrechen gegen das polnische Volk, die dem Einmarsch auf dem Fuß folgten, bis heute den wenigsten Menschen in Deutschland geläufig. Tausende Angehörige der polnischen Eliten wurden systematisch umgebracht. Die Deutschen führten eine Schreckensherrschaft voller Willkür, Terror und Gewalt über das polnische Volk. Vertreibungen, Deportationen, Plünderungen, Massaker, Verschleppung von Zwangsarbeitern waren allgegenwärtig. Polen war das erste Land, in dem der menschenverachtende Rassismus und Antisemitismus des deutschen Faschismus ungehemmt wütete. Der Hitler-Stalin-Pakt gab den Deutschen den Freiraum dazu.

Und es ist auch kein Zufall, dass Polen, welches vor dem Krieg einen hohen Anteil jüdischer Bevölkerung hatte, als Ort für die industrielle Vernichtung des europäischen Judentums gewählt wurde. Das präzedenzlose Menschheitsverbrechen der Shoa sollte nicht „daheim im Reich“, sondern fernab der Augen der deutschen Bevölkerung in den Vernichtungslagern generalstabsmäßig geplant durchgeführt werden.

Unauslöschbare Spuren und Narben in Polen

Krieg und Shoa hinterließen unauslöschbare Spuren und Narben in zahllosen Biografien, in den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der vom Deutschen Reich überfallenen Länder und ihrer Völker. Nicht nur die Polen, sondern auch viele andere Völker zahlten einen millionenfachen Blutzoll von Elend, Entmenschlichung und Tod.

Lange mussten die Opfer des deutschen Faschismus auf Anerkennung ihrer Leiden und eine umfassende Würdigung warten – trotz einer (halbherzigen) Entnazifizierung in der Bundesrepublik und einem von oben angeordneten Antifaschismus in der DDR.

Die unermessliche deutsche Schuld und die Teilung Europas nach 1945 ließen eine deutsch-polnische Aussöhnung lange unmöglich erscheinen. Bewegung kam aus kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Kreisen. Unvergessen der 1965 noch völlig unerhörte Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ im Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder. Unvergessen die ersten Fahrten der Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz. Die mutige Ostpolitik Willy Brandts öffnete schließlich neue Türen.

Die heute guten Beziehungen zu Polen haben für mich aus historischer Sicht einen besonders hohen Stellenwert. Deutschland hat seine Schuld anerkannt und ist weit gekommen in der Aufarbeitung der Geschichte.

Deutsches Unverständnis gegenüber polnischem Leid

Doch wie gut finden wir uns zurecht in den Erinnerungen unserer Nachbarn an die dunkle Zeit? Ist uns der Warschauer Aufstand von 1944 über interessierte Kreise hinaus ein Begriff? Wem ist der Anteil polnischer Soldaten in den alliierten Armeen an der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus bewusst? Was wissen wir über die Schicksale polnischer Zwangsarbeiter? Was über die im Zuge der Westverschiebung Polens umgesiedelten Polinnen und Polen? Wer weiß, dass es in Deutschland innerhalb der britischen vorübergehend auch eine polnisch verwaltete Besatzungszone gab?

Dass der Schmerz über die Kriegsgräuel in Polen dort bis heute immer wieder mitschwingt, überrascht nicht. Gibt es doch in Polen wohl keine einzige Familie, die nicht von Krieg und deutscher Besatzung unmittelbar betroffen war. Wie sehr muss es da unsere polnischen Freunde schmerzen, dass es bis heute in Deutschland immer noch viel Unkenntnis oder gar Unverständnis über das Leid gibt, welches den Polen von Deutschen damals angetan wurde.

Gedenkort in der Hauptstadt Berlin nötig

Deshalb müssen wir uns der Frage nach angemessenen Formen des Erinnerns und Gedenkens immer wieder stellen – nicht nur in Bezug auf die polnischen, sondern alle Opfer des deutschen Faschismus. Dabei müssen wir uns auch den Erinnerungen unserer Nachbarn öffnen, wirklich zuhören und immer wieder zum „Dazulernen“ bereit sein.

Im Bundestag habe ich mit Kollegen von CDU/CSU, Grünen, Die Linke und FDP im vergangenen Jahr einen Aufruf initiiert, um in Berlin einen geeigneten Ort zu finden, der den Opfern des Krieges und der Besatzung in Polen gewidmet ist.

Es gibt keine NS-Opfer erster und zweiter Klasse. Es geht auch nicht um eine „nationale Kategorisierung“ der Opfer. Aber die Frage, wie sich Deutschland seiner Verantwortung für die von ihm an seinen polnischen Nachbarn verübten Verbrechen stellt, steht immer noch im Raum. Der Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges ist ein mehr als angemessener Anlass, darüber noch einmal genau nachzudenken.

Der Text erschien bereits zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns auf vorwärts.de und wurde von uns aktualisiert.

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Kommentare

Respekt für die Polen

Alles was Sie, Herr Nietan, über die Schwere der deutschen Verbrechen in Polen im 2. Weltkrieg schreiben, ist mir bekannt. Ich schäme mich als Deutscher dafür. Aber ich fühle mich persönlich nicht schuldig! In der DDR wurde, da widerspreche ich Ihnen, meiner Meinung nach in der Schule, in vielen Büchern und Filmen, sehr ausführlich dieses Thema behandelt und viele Menschen wurden angemessen sensibilisiert. Von oben verordnet? Versuchen Sie das eben nicht auch? Man kann Kriegsverbrechen nie ungeschehen machen. Deutschland hat mit den Verlust seiner Ostgebiete, Pommern, Schlesien, und viele Menschen mit dem Verlust ihrer Heimat gebüßt. Die Anerkennung der Oder/Neiße- Grenze, die Akzeptanz der Gebietsverluste als Sühne, ist für mich eine geeignete und ausreichende Form des Gedenkens. Wichtiger für mich: Deutsche Politiker sollten polnischen Politikern nicht vorschreiben wollen, welche Politik sie in ihren Land machen. Toleranz und Respekt für den und das Andere!