Tunesien

Die tunesische Demokratie: Wie Brandenburg nach der Wende

Jonas Jordan10. Oktober 2018
Rica Eller diskutiert mit tunesischen Teilnehmern
Rica Eller, die Vorsitzende der Jusos Brandenburg, im Gespräch mit tunesischen Jugendlichen.
Rica Eller ist Vorsitzende der Jusos Brandenburg. In Tunesien war sie noch nie, bis sie an einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung teilnimmt. Dort erfährt sie von den Problemen junger Tunesier. Vieles erinnert sie an Brandenburg nach der Wende.

Ein Mann liegt auf dem Boden. Rica Eller versucht, ihm aufzuhelfen. Sie schafft es nicht, probiert es wieder. Drei Menschen kommen dazu, gemeinsam hieven sie den Mann hoch. Sie stützen ihn und ballen die linke Faust. Es ist eine Szene, mit der fünf Jusos aus Deutschland tunesischen Jugendlichen den sozialdemokratischen Grundwert der Solidarität näherbringen wollen.

Rica Eller ist eine von ihnen. Die 25-jährige Bernauerin hat in China studiert, in Brüssel ein Praktikum gemacht. Doch in Tunesien war die Vorsitzende der Jusos Brandenburg noch nie. „Ich glaube, dass ich hier für meine politische Arbeit in Deutschland sehr viel mitnehmen kann“, sagt sie, bevor die Konferenz beginnt, auf der die Ergebnisse einer Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung diskutiert werden sollen.

Nur drei Prozent der Tunesier haben Vertrauen in Parteien

Seit etwa acht Jahren ist das in dem nordafrikanischen Land mit elf Millionen Einwohnern möglich. Seit Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali im Zuge des Arabischen Frühlings gestürzt wurde. Doch mit der Freiheit kam in Tunesien nicht automatisch der Wohlstand. Die Probleme im Land sind groß, das Vertrauen in die Demokratie gering. Nur drei Prozent der Tunesier haben laut der Studie Vertrauen in politische Parteien.

Es sind Zahlen, die Rica Eller nachdenklich machen. Die junge Frau grübelt und sagt mit Blick auf ihr Bundesland: „Brandenburg ist auch nicht das einfachste Pflaster. Wir haben auch noch nicht so lange Demokratie.“ Dennoch habe sich Brandenburg gut entwickelt. Sie hofft, den Tunesiern einen Weg in Richtung Demokratie aufzeigen zu können, sie davon zu überzeugen, welche Vorteile es hat, sich in Parteien politisch zu engagieren.

Was bedeutet die Zahl 44?

Rica Eller möchte „viele, nette, engagierte Menschen“ kennenlernen. Und sie wird nicht enttäuscht. Die Master-Studentin der Betriebswirtschaftslehre ist beeindruckt, mit welchem Engagement die Tunesier auf die Probleme in ihren Heimatorten aufmerksam machen. Mehr als 400 Kilometer ist die Oasenstadt Tozeur im Süden des Landes von der Hauptstadt Tunis entfernt. Entsprechend sind auch die Probleme ganz andere.

Aufmerksam hört die Vorsitzende der Jusos Brandenburg zu, halb belustigt, halb interessiert. Es wirkt auf sie wie eine arabische Form von Bingo, was die Teilnehmer aus Tozeur präsentieren. Gesucht ist jedoch keine Zahlenreihe, sondern nur eine einzige Zahl: 44. „Was verbindest du damit?“, fragt die Moderatorin aus Tozeur. Rica Eller überlegt. Doch sie kommt nicht auf die gesuchte Antwort. Zugegeben, diese liegt nicht gerade auf der Hand.

Es geht um Artikel 44 der tunesischen Verfassung, in dem das Recht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser für jeden Bürger des Landes verbrieft ist. Doch das ist in Tozeur ebenso wenig wie in der nur 80 Kilometer entfernten Stadt Gafsa gewährleistet. Durch den enormen Wasserverbrauch der Phospatindustrie kommt es dort immer wieder zu Engpässen. In einer Gruppenarbeitsphase versuchen die Teilnehmer aus der Oasenstadt, Lösungsvorschläge für dieses Problem zu erarbeiten.

Der Grund, wieso die Leute fliehen 

Unter anderem sollen sie auch die staatliche Ebene miteinbeziehen. Gar nicht so einfach, ohne Vertrauen in die politisch handelnden Personen. Rica Eller rät ihnen, sich nicht entmutigen zu lassen, sich einzumischen, Druck aufzubauen und selbst politisch aktiv zu werden. „Es macht mich traurig, dass sie hier so viele Probleme haben“, sagt sie. So viele junge, engagierte Leute, die keinen Job finden, weil es wenig Perspektiven gibt.

Die Brandenburgerin fragt sich, was sie tun kann. Wie drastisch die Tunesier ihre Probleme geschildert haben, will sie auch in Deutschland vermitteln. „Das ist der Grund, wieso die Leute fliehen, weil sie kein Wasser haben, weil sie keine Jobs finden und keine Perspektive haben“, sagt Rica Eller. Sie versucht, den Tunesiern mit Positivbeispielen Hoffnung zu machen, erzählt ihnen, wie Demokratie und politisches Engagement in Deutschland funktionieren.

Die linke Faust als Zeichen der Solidarität

Sie erklärt, dass die erhobene linke Faust ein Zeichen für internationale Solidarität ist. „Wenn ihr zusammenarbeitet, seid ihr stärker. Ihr habt viele Ideen und wollt etwas verändern. Macht es einfach.“ Die Tunesier reagieren erstaunt, ungläubig und interessiert. Sie wollen wissen, wie das in Deutschland funktioniert. „Wie passen Demokratie und Sozialismus zusammen?“, „Wie kann man junge Menschen für Politik begeistern?“ „Was macht ihr, wenn ihr eine andere Meinung habt als die Führung der Partei?“

Keine einfachen Fragen, aber Rica Eller versucht, sie zu beantworten. „Ich hatte das Gefühl, dass sie sich dafür interessiert haben, was wir tun.“ Sie will wieder herkommen und noch mehr vom Land kennenlernen. Ihr Interesse an Tunesien ist gestiegen. „Ich glaube, dass es hier Leute gibt, die etwas ändern wollen. Das gibt mir ein gutes Gefühl.“

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Kommentare

Ben Ali

War der nicht mal ein Spezie dieser FriedrichEbertStiftung ?
Daß Tunesien jetzt so einen Ansatz von Demokratie hat ist doch nur der Tatsache zu verdanken, daß der "Westen" geschlafen hat, ansonsten hätte er doch wie in Ägypten, Syrien, Libyen bewaffnete Banden losgeschickt um alle Ansätze von Demokratie zu zerstören.
Ja wo kommen wir denn hin wenn in den Ländern wo unsere Rohstoffe (Tunesien: Phosphat) lagern das Volk was zu sagen hat !

Demokratie braucht Demokraten

Demokratie braucht Demokraten - und: die Tunesische Demokratie ist, wie der Artikel anschaulich darstellt, noch jung. Ich freue mich, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung Tunesien auf Grundlage der im Artikel angeschnittenen repräsentativen Jugendstudie (http://library.fes.de/pdf-files/iez/14152.pdf) ihre Strategie zur Unterstützung junger Menschen in Tunesien entwickelt hat. Ab 2019 wird in Kooperation mit der FES ein Planspiel Kommunalpolitik für Schulen und Universitäten in den marginalisierten tunesischen Regionen angeboten werden. Zielgruppe sind junge Tunesier_innen, die eben nicht das Privileg hatten, mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufzuwachsen. Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie braucht Engagement, Partizipation, Leidenschaft - und eben Demokraten.

Das ist richtig, aber ...

Zitat Anfang: Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie braucht Engagement, Partizipation, Leidenschaft - und eben Demokraten. Zitat Ende

Das ist absolut richtig, aber die Demokraten die es dazu braucht findet man nicht in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Diese Stiftung ist nur ein weiterer, und bei vielen transatlantischen Antidemokraten hoch angesehener, neoliberaler Thinktank, der alles mögliche möchte, nur echte Demokratie ist halt nicht dabei.

Friedrich Ebert

Treffender Beschreibung dieser Stiftung !

Wer sich mit dem "arabischen

Wer sich mit dem "arabischen Frühlung" beschäftigt, kommt nicht umhin, die Rolle der Muslim-Brüderschaft, die übrigens auch in Deutschland aktiv ist, zu betrachten. Die Verstrickungen der steuerfinanzierten Stiftungen einiger politischer Parteien in DE mit den Muslim-Brüdern bieten recht gute Einblicke zum Thema Demokratie in den nordafrikanischen und arbaischen Staaten. Der s.g. politische Islam als "Waffe" wird zu vielem zweckentfremdet, auch hier in Deutschland.