Traum oder Albtraum? Deutschlands Kolonien

Die Redaktion30. November 2005

Ein völlig anderes Bild von Deutschlands Kolonialpolitik zeichnete der chinesische Ministerpräsident Sun-Yat-sen, der 1912 in Kiautschou die Deutsch-Chinesische Hochschule besuchte. Er
glaubte, "dass China trotz tausendjähriger Kultur nichts geleistet habe, das sich mit dem vergleichen ließe, was Deutschland in einer Spanne von zwölf Jahren zustande gebracht habe. Straßen,
Häuser, Hafenanlagen, sanitäre Einrichtungen, alles zeuge von Fleiß und Streben". Brachte der Kolonialismus Segen oder Fluch?

Gisela Graichen und Horst Gründer legen ein ausgezeichnetes Buch vor. "Deutsche Kolonien" lautet der Titel der gleichnamigen ZDF-Reihe.

Die frühesten Anfänge deutscher kolonialer Bestrebungen liegen im 16. Jahrhundert. Das Handelshaus der Welser nahm kurzzeitig an der spanischen Eroberung Südamerikas teil. 34 Jahre währte die
Kolonialpolitik des Großen Kurfürsten, der mit afrikanischen Sklaven handelte, und genauso lange existierte das kaiserlich-deutsche Kolonialreich von 1884 bis 1918.

Seit etwa 1840 nahmen deutsche Kaufleute, Missionare und Forscher das großenteils noch "freie" Afrika ins Visier. Den Startschuss gab Bismarck, der eigentlich keine Kolonien wollte; er
fürchtete außenpolitische Probleme. "Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel", sagte der große Realist, "aber wir brauchen sie für die Wahlen". Bismarck hoffte, mittels Kolonien die
konservative Sammlungspolitik zu stärken, doch trog diese Hoffnung. Unsinniges Prestigedenken mancher Zeitgenossen verbot es ihm, die fernen Mühlsteine wieder abzustoßen.

Nationalliberale Besitz- und Bildungsbürger rührten blindlings die Trommel imperialistischer Utopien. Schwärmerischer Missionsgeist, der Wille, überzählige Deutsche in Afrika anzusiedeln, die
leichtfertige Erwartung, Rohstoffe und Absatzmärkte zu gewinnen, gaben den Anstoß. Nach 1907 fielen auch Linksliberale dieser Fata Morgana zum Opfer, ebenso manche Sozialdemokraten, die glaubten,
damit Hoffähigkeit zu erlangen.

1884 "erwarb" der Afrikaforscher Gustav Nachtigal dank dubioser Verträge Togo und Kamerun. Daraufhin erklärte das Deutsche Reich beide Länder zu "Schutzgebieten". Es folgte Südwestafrika, wo
Kaufmann Lüderitz durch Betrug riesige Ländereien kassierte. Die gleiche Prozedur erlebte Ostafrika, das der "Konquistador" Carl Peters erobert hatte. Teile der Inseln Guinea, Samoa und das
chinesische Tsingtau kamen bald hinzu. Ganz Mittelafrika sollte ein "deutsches Indien" werden.

Die Autoren verbinden Chronologie und systematische Strukturanalyse. Nur der gründliche Vergleich mit dem Imperialismus anderer Länder fehlt. Unklar bleibt die Verwaltungsstruktur der
deutschen Kolonien.

"Herrenpolitik", Ausbeutung und Enteignungen bedrohten die Lebensgrundlage der Einheimischen. Der Herero-Aufstand 1904/05 in Südwestafrika war nicht der einzige. August Bebel erklärte im
Reichstag, "das Wesen aller Kolonialpolitik" sei die "Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in höchster Potenz". Bebel konstatierte "Gewalttätigkeiten, die nicht selten mit vollständiger Ausrottung
enden".

Zwar wurde das Bildungsniveau der Kolonisierten angehoben und eine Infrastruktur geschaffen. Hätten aber friedlicher Handel und Austausch nicht mehr und Besseres bewirkt? Japan, das die
Autoren leider nicht erwähnen, legt es nahe, diese Frage zu bejahen.

"Kulturarbeiter" disziplinierten die Einheimischen; brutale Körperstrafen gehörten zum Alltag. Die Schrift "Wie erzieht man am besten den Neger zur Plantagen-Arbeit?" wurde 1886 von der
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft preisgekrönt. Harte ökonomische Tatsachen widerlegten jedoch alle Blütenträume. Der Anteil der Kolonien am deutschen Außenhandel blieb marginal; das Reich
investierte mehr Geld als es gewann. Nur wenige Privatfirmen und Spekulanten profitierten.

Aufgrund der Versailler Bestimmungen verlor Deutschland sämtliche Kolonien. Imperialistische Pläne und Ideen behielten dennoch ihre Attraktivität. Erst 1943, im Angesicht der
Stalingrad-Katastrophe, wurde das Reichskolonialamt aufgelöst.

Rolf Helfert

Gisela Graichen, Horst Gründer, Deutsche Kolonien. Traum und Trauma, Ullstein Verlag, Berlin 2005, 450 Seiten, 22 Euro, ISBN 3550076371