Sozialdemokraten im Ersten Weltkrieg

Die Trauernde: Käthe Kollwitz

Carl-Friedrich Höck05. August 2014

Wie haben Sozialdemokraten den Ersten Weltkrieg erlebt? Teil 2 der Serie: Die Künstlerin Käthe Kollwitz verliert im Krieg ihren Sohn. Das traumatische Erlebnis macht sie zur überzeugten Pazifistin.

Im Sommer 1914 ist die Künstlerin Käthe Kollwitz hin- und hergerissen. Als sie sieht, wie die Soldaten durch Berlin ziehen, der Front entgegen und von stürmischen Jubelrufen der Bevölkerung begleitet, packt sie einerseits tiefe Trauer. „Die Jungen werden sterben“, denkt sie bei sich. Doch gleichzeitig fasziniert sie etwas an der Euphorie vieler junger Soldaten. Die Männer sind bereit, für ihr Vaterland in den Tod zu gehen, fühlen sich zu etwas berufen, das Bedeutender ist als ihr Leben. So denken sie zumindest. Auch Kollwitz' Sohn Peter denkt so.

Als der Krieg ausbricht, ist Peter gerade einmal 17 Jahre alt und damit noch nicht wehrpflichtig. Doch ihn und seine vier engsten Freunde – eine verschworene Gemeinschaft – überwältigt das Gefühl, nun gebraucht zu werden und für die Zukunft ihrer Generation kämpfen zu müssen.

Als Minderjähriger braucht Peter eine Einwilligung seiner Eltern, um sich als Freiwilliger melden zu können. Vater Karl lehnt ab. Der sozialdemokratische Arzt ist überzeugter Pazifist. Also wendet sich Peter an seine Mutter. „Ich muss“, sagt er. Käthe versucht, ihn zum Bleiben zu überreden. Doch sie spürt auch, wie wichtig ihm sein Entschluss ist, an die Front zu gehen. Käthe überredet ihren Mann, die Einwilligung zu unterschreiben.

Tod in Belgien

Zehn Tage, nachdem Peter sich an die Front verabschiedet hat, fällt er in Flandern. Eine Kugel durchbohrt ihn in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1914. Weitere acht Tage später erfahren Käthe und Karl Kollwitz, dass ihr Sohn tot ist.

Der Verlust reißt die Welt der Künstlerin aus den Angeln. „Von da an datiert für mich das Altsein“, schreibt sie später in ihr Tagebuch. Peters Zimmer bleibt unangetastet, wird zu einem Kultraum, an dem Käthe mit ihrem verstorbenen Sohn spricht. Die Trauer prägt auch ihre folgenden Arbeiten. Ende des Jahres beschließt sie, ein Denkmal für Peter zu schaffen.

Außerdem hält sie den Briefkontakt zu Peters Freunden, die wie er in den Krieg ziehen wollten. Einer nach dem anderen fällt an der Front. Nur einer der fünf Freunde überlebt den Krieg. Und auch Kollwitz' zweiter Sohn Hans, der als Sanitäter dient.

Die Erfahrungen machen Käthe Kollwitz zur überzeugten Pazifistin. Das Leid der Menschen im Krieg wird zu einem Hauptmotiv ihrer Zeichnungen – zum Unmut der Obrigkeit. Als eine Friedensorganisation die Lithografie „Die Mütter 1914-1916“ vertreiben will, die eine trauernde Frau zeigt, schreiten die Zensurbehörden ein.

„Genug gestorben!“

Kurz vor Kriegsende, im Oktober 1918, macht sie sich ihrem Ärger mit einem Brief an den Vorwärts Luft. Die Zeitung hatte einen Beitrag des Schriftstellers Richard Dehmel veröffentlicht, in dem dieser die verbliebenen wehrpflichtigen Männer auffordert, sich freiwillig an die Front zu melden. „Es ist genug gestorben! Keiner darf mehr fallen!“, protestiert Kollwitz. Und fügt, Goethe zitierend, an: „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.“ Nach ein paar Tagen Bedenkzeit, wohl aus Sorge vor der Zensur, druckt der Vorwärts den Brief ab.

Das Denkmal, das Kollwitz ihrem Sohn schaffen will, kostet sie viel Kraft und Überwindung. Zu aufwühlend ist die Arbeit daran. Erst 1932 wird es auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Roggevelde aufgestellt. Die Kalksteinskulptur zeigt ein trauerndes Elternpaar mit den Gesichtszügen von Käthe und ihrem Mann.