Nachruf von Hans-Jochen Vogel

Trauer um Helmut Schmidt - einer der Großen unserer Zeit

Hans-Jochen Vogel13. November 2015
Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel auf dem SPD-Parteitag 1983 in Köln
Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel auf dem SPD-Parteitag 1983 in Köln, rechts Oskar Lafontaine
Die SPD trauert um Altkanzler Helmut Schmidt. Für Hans-Jochen Vogel war Schmidt Freund, mit dem er seit vielen Jahren tief verbunden war. Eine persönliche Erinnerung

Mit Helmut Schmidt ist einer der Großen unserer Zeit dahin gegangen. Er hat unserem Gemeinwesen in all seinen Funktionen gedient. Dieses Wort nämlich bevorzugte er selber, wenn er nach der Einschätzung seiner eigenen Rolle in der Politik gefragt wurde. Er hat dies getan, indem er Situationen klar analysierte, pragmatische Lösungen entwickelte und Herausforderungen mit besonnener Entschlossenheit meisterte. Das gilt schon für die Bewältigung der Hamburger Flutkatastrophe im Jahre 1962. Das bewährte sich bei der Überwindung der Ölkrisen in den 1970er Jahren. Und das bestand seine härteste Prüfung in der Auseinandersetzung mit der RAF im Herbst 1977. Andere Stichworte wären da auch noch zu nennen. So etwa die Mitwirkung am Zustandekommen der Helsinki-Schlussakte oder der Anstoß, den er gemeinsam mit seinem Freund Valéry Giscard d’Estaing zur Etablierung einer einheitlichen Währung in der Europäischen Union gab. Nennen muss man in diesen Zusammenhang auch den sogenannten Doppelbeschluss. Den vertrat er zuletzt auch gegen die Mehrheit seiner eigenen Partei, weil er ihn für richtig hielt.

„Reiches Maß an politischer Erfahrung“

Das Vertrauen der Menschen genoss er auch noch in hohem Alter. Sie hörten auf seine Kommentare und Urteile und schätzen die Nüchternheit, mit der er sich äußerte. Sie wussten auch, dass kaum einer über ein so reiches Maß an politischer Erfahrung verfügte wie er. Orientiert hat er sich bei all dem an einer Verantwortungsethik, deren Grundlagen von Marc Aurel über Immanuel Kant bis Max Weber und Karl Popper reichten. Aber auch an den Erkenntnissen, die ihm aus der vom NS-Gewaltregime verursachten deutschen Katastrophe erwachsen waren. Diese Erkenntnisse haben ihn auch zum Sozialdemokraten werden lassen, der er schon wegen der Geschichte und Grundwerte dieser Partei zeitlebens geblieben ist.

„Berührt und bewegt mich“

Ich selbst bin ihm zum ersten Mal in den 60er Jahren begegnet. Da war er noch Finanzexperte der Bundestagsfraktion. Als ich ihn fragte, was er noch zum Bau der Münchner U-Bahn beisteuern könnte, meinte er scherzhaft, wir sollten doch selber lieber die Biersteuer erhöhen. Ein engeres Verhältnis entwickelte sich zwischen uns seit meinem Übergang nach Bonn im Jahre 1972. 1974 berief er mich als Bundesjustizminister in sein Kabinett. Als solcher habe ich ihm während der RAF-Zeit mit juristischen und verfassungsrechtlichen Argumenten zugearbeitet. In diesen Monaten entstand eine persönliche Nähe, die bis zu seinem Tod anhielt. Noch einige Tage vor seinem Ende hat er mir ein Geleitwort für ein Buch zur Verfügung gestellt, das ich demnächst unter dem Titel „Es gilt das gesprochene Wort“ herausgeben werde. Darin spricht er von unserer Freundschaft. Das berührt und bewegt mich gerade in diesen Tagen.

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