Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch

„Tausende Kinder, die keiner will“

Johanna Schmeller20. Juli 2018
Aufnahmeeinrichtung, Ankerzentren, Transitlager – täglich füllen diese Begriffe inzwischen die Schlagzeilen, sind zu einem Streitpunkt im Zentrum einer Regierungskrise geworden. Die Station davor ist für viele Menschen ein Flüchtlingslager. Wie leben Flüchtlinge? Drei Fragen an die deutsche Kamerafrau Katja Döhne, die das größte Lager in Bangladesch besucht hat.

Katja Döhne, Sie sind gerade zurück von einem Dreh in Kutupalong, dem größten Flüchtlingslager in Bangladesch. Dort sind vor allem Rohingya untergebracht, die zur muslimischen Minderheit in Myanmar gehören und nach Angaben der Vereinten Nationen vor „ethnischen Säuberungen“ geflohen sind. Wie leben die Menschen dort?

Ein Tag im Camp ist eine sehr intensive Erfahrung. Als Filmteam aus drei deutschen Frauen sind wir natürlich aufgefallen. Was ich noch am meisten vor Augen habe, sind die vielen, vielen Kinder. Immer hatten wir eine Traube von Kindern bei uns, manchmal zehn, manchmal auch fünfzig. Und sie haben alle dasselbe gerufen: „How are you?“ oder „Bye!“ So ging es den ganzen Tag. Sie waren so stolz auf diese paar Wörter, alle wollten mit uns ihre Englischkenntnisse testen.

Wenn wir zu einer bestimmten Familie wollten, ging das nur mit einem Rohingya aus dem Camp, der sich genau ausgekannt hat. Wir hätten uns sonst total verlaufen. Es gibt keine fixen Straßen, nur Hunderttausende Baracken, die dicht an dicht auf einem sehr hügeligen, matschigen Gelände stehen. Viele Unterkünfte bestehen aus aneinander genagelten Holzlatten, über die schwarze Plastikplanen gezogen sind. Das Ausmaß des Camps vergisst man, wenn man sich durch die engen Gassen kämpft. Aber wenn man auf einem Hügel einen Ausblick erwischt, wird es einem wieder bewusst: soweit man kucken kann - nur Baracken.

Wir haben etwa eine Woche lang in Kutupalong gefilmt. Im Lager übernachtet haben wir nicht. Ausländer - also NGO-Mitarbeiter, Journalisten, Ärzte und so weiter - müssen abends das Camp verlassen. Wir haben in einem Hotel in Cox’s Bazar geschlafen, der nächsten großen Stadt.

Zuschauern zeigen Sie die schier endlose Ausdehnung des Lagers, das im Schlamm versinkt. Über eine halbe Million Menschen leben hier. Wie haben Sie Ihre Interviewpartner erlebt?

Man darf sich nicht vorstellen, dass wir den ganzen Tag lang nur in todtraurige oder von Schmerz verzerrte Gesichter geschaut haben. Einmal haben wir im Haus einer Familie gefilmt, die früher in Myanmar relativ wohlhabend war. Der Mann war wohl Bürgermeister dort. Hier waren die Frauen zum Beispiel sehr stolz, uns als Gast in ihrer Unterkunft zu haben, haben uns einen Lassi ausgegeben. Aber natürlich haben wir auch viele schwere Gespräche geführt. Immer dann, wenn es um traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit ging, zum Beispiel um Vergewaltigungen in Myanmar, gab es auch Tränen und man spürte plötzlich die Grausamkeit der Vertreibung im ganzen Raum. Diese Interviews waren sehr schlimm. Es ist nicht leicht, mit so intensiven Gesprächen mit Fremden umzugehen, die ihre Seele offenlegen.

Die Frage, ob ich einzelne Schilderungen glaubwürdig fand, halte ich für sehr schwierig. Woran soll ich das festmachen? An der Anzahl der Tränen, die während der Interviews geweint wurden? In solchen Momenten bin ich froh, dass ich das ganze Szene filmen kann. So kann der Zuschauer selbst den Interviewpartnern in die Augen schauen, wenn sie ihre Geschichte erzählen.

Was haben die Bilder, die Sie dort gesehen und für das Nachrichtenportal Spiegel Online gedreht haben, mit Ihnen gemacht? Hat sich Ihr eigener Blick verändert?

Während des Rückflugs aus Bangladesch nach Deutschland habe ich mir eine Nachrichtensendung angesehen: Journalisten und Politiker diskutierten im Live-TV die Vor- und Nachteile von „Asyllagern“ außerhalb der EU. In diesem Moment lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Was bilden wir uns eigentlich ein, uns vor der Armut in anderen Teilen der Welt abzuschotten? Ich verstehe nicht, wie man ernsthaft denken kann, wir hätten das Recht zu selektieren, welcher Mensch einen Anteil an unseren Reichtum verdient hat und welcher nicht. Tausende Kinder, die wir in dem Lager gesehen haben, wachsen ohne Schulbildung auf, ohne Staatszugehörigkeit. Krass gesagt: Keiner will sie haben. Wenn ich darüber nachdenke, wie die Situation der Rohingya in zehn oder 20 Jahren aussehen könnte, zieht sich mir der Magen zusammen.   

Die Visual Story des Teams erschien auf SPIEGEL Online.