Fragen und Antworten

Tarifvertrag: Was hinter dem „Transformationsgeld“ der IG Metall steckt

Benedikt Dittrich30. März 2021
Beschäftigte aus der Industrie hatten deutschlandweit mit Warnstreiks ihren Forderungen Nachdruck verliehen.
Beschäftigte aus der Industrie hatten deutschlandweit mit Warnstreiks ihren Forderungen Nachdruck verliehen.
IG Metall und Arbeitgeber haben sich auf einen Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen geeinigt. Teil davon ist ein „Transformationsgeld“. Worum geht es dabei?

Die Industriegewerkschaft Metall in Nordrhein-Westfalen, verantwortlich unter anderem für hunderttausende Arbeitnehmer*innen im Ruhrgebiet, hat einen neuen Tarifabschluss erzielt. Nach langen Verhandlungen einigten sich die Vertreter*innen von Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen auf ein neues Tarifwerk, das statt reiner Lohnerhöhungen zusätzliche Einigungen enthält, die offensichtlich darauf zielen, die Transformation der Industrie aktiv mitzugestalten. Aber um was geht es genau?

Was hat die IG Metall verhandelt?

Die Industriegewerkschaft verhandelt momentan mit der Arbeitgeberseite einen neuen Tarifvertrag für die angeschlossenen Betriebe. In Nordrhein-Westfalen hat der Bezirk nun eine Einigung für die Metall- und Elektroindustrie erzielt, die neben Corona-Prämien und einer aus Sicht der Gewerkschaften moderaten Lohnerhöhung auch Möglichkeiten für Freizeitausgleich und Arbeitszeitverkürzung vorsieht.

So ist – aus Sicht der Gewerkschaft – sowohl eine Vier-Tage-Woche möglich als auch eine Arbeitsverkürzung um mehrere Jahre. Das soll einerseits betriebsbedingte Kündigungen in der Zukunft ausschließen, andererseits den Arbeitgeber*innen ermöglichen, den bevorstehenden Wandel des Industriesektors aktiv gestalten zu können. Zugunsten der Transformation hatte die Gewerkschaft deswegen auf die übliche, prozentuale Lohnerhöhung pro Monat, verzichtet. Stattdessen ist in dem Beschluss jetzt die Rede von einem „Transformationsgeld“.

Was soll das „Transformationsgeld“ bewirken?

Die Lohnerhöhung soll nicht monatlich, sondern gebündelt einmal im Jahr ausgezahlt werden, vergleichbar mit der zusätzlich verhandelten Corona-Prämie. Die Lohnerhöhung ist aber auch für kommende Jahre garantiert. Sie kann auch in Freizeit umgewandelt werden. Sprich: Wenn ein Betrieb krisenbedingt weniger Aufträge hat, muss er deswegen nicht seinen Mitarbeiter*innen kündigen, sondern reduziert stattdessen die Arbeitszeit pro Mitarbeiter*in, die so weniger heftige finanzielle Einbußen hinnehmen müssen und auch nicht ihren Job verlieren.

Damit kommt die Gewerkschaft den Unternehmen entgegen, die ihre Betriebe nach der Coronakrise oder mit Blick auf die bevorstehende Transformation umbauen müssen, um zu überleben. Zuvor hatte die IG Metall vier Prozent mehr Lohn gefordert, am Ende aber ihren Anspruch deutlich reduziert. „Die IG Metall macht in guten wie in schlechten Zeiten realistische Entgeltpolitik“, erläuterte der Vorsitzende Jörg Hofmann im Gespräch das Ergebnis. Gerade jetzt, in Krisenzeiten, sei es bei den Verhandlungen zunächst darum gegangen, mindestens die Inflation in den Jahren 2020 und 2021 auszugleichen. Hofmann teilt demnach die Ansicht der Unternehmen, dass in den kommenden Monaten keine großen wirtschaftlichen Sprünge zu erwarten sind. Dass Arbeitgeber*innen jetzt trotzdem von einer starken Belastung sprechen, lässt ihn hingegen kalt: „Da geht’s nur um‘s Prinzip.“

Wie geht es jetzt weiter?

Der Pilotabschluss gilt zunächst nur für die Verhandlungsrunde in Nordrhein-Westfalen. Die IG Metall setzt aber darauf, dass der Abschluss auch im Rest des Landes übernommen wird, die Gespräche dazu laufen bereits. Hofmann sieht dem Ergebnis zwar gelassen entgegen, erwartet aber offenbar noch einigen Gesprächsbedarf: „Deswegen haben wir die Erklärungspflicht bewusst auf Ende April gesetzt.“ Bis dahin sollen dann Arbeitgeber- und -nehmer*innen in den anderen Industrieregionen in Deutschland dem Beschluss zustimmen. „In der Zeit gilt aber keine Friedenspflicht“, betonte ein kampfeslustiger Hofmann – und ergänzte: „Wer sich nicht bewegt, der wird bewegt.“

Wie lange gilt die Vereinbarung?

Der jetzt verhandelte Abschluss soll zunächst bis Ende September 2022 gelten. In zwei Jahren wird also wieder neu verhandelt. Gut möglich, dass dann die Spuren der Transformation der Industrie noch deutlicher hervortreten – von der Automobil- bis zu Stahlproduktion stehen die Unternehmen ja bereits jetzt enorm unter Druck: Mit Blick auf den Klimawandel will die Stahlindustrie auf eine möglichst CO2-arme Produktion ohne Kohle und Gas umsatteln, im Automobilsektor stehen ganze Produktionsketten vor dem Aus, da das Ende des Verbrennungsmotors nahezu besiegelt ist. Erste Unternehmen wie die Salzgitter AG oder Thyssen Krupp investieren deswegen bereits in eine grüne Zukunft mit Wasserstoff und Erneuerbaren Energien. Wann hier Erfolge zu verzeichnen sind, steht aber noch in den Sternen.

Diesen Wandel, diesen Prozess, möchte die IG Metall – ganz im Sinne einer aktiven Partnerschaft – mitgestalten. Deswegen spricht die Gewerkschaft bei dem vorliegenden Beschluss auch von einem „Einstieg“ in die „Zukunftsverträge“. „Dieser Tarifabschluss bietet tragfähige Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit: auf die akuten Probleme infolge der Corona-Pandemie ebenso wie auf die strukturellen Herausforderungen, die die Transformation für unsere Branchen mit sich bringt“, formuliert es Jörg Hofmann.

Darüber hinaus haben die Tarifabschlüsse traditionsbedingt immer eine Signalwirkung auch für andere Branchen und Gewerkschaften. Grund dafür ist, dass die IG Metall früher als andere Gewerkschaften mit den Verhandlungen beginnt. So ist es auch in diesem Jahr: Die Gespräche in NRW gehörten mit zu den ersten Tarifverhandlungen inmitten der Corona-Krise.